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"Sparta 2.0" – der Plan für eine unabhängige Militärmacht Europa

Ein Panzer vom Typ Leopard 2 A6 auf dem Stützpunkt in Munster am 30. April 2026
Ein Panzer vom Typ Leopard 2 A6 auf dem Stützpunkt in Munster am 30. April 2026 Copyright  AP Photo/Markus Schreiber
Copyright AP Photo/Markus Schreiber
Von Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am
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Deutsche Experten aus Wirtschaft, Militär und Wissenschaft fordern einen radikalen Umbau der europäischen Verteidigung. Mit Investitionen von rund 500 Milliarden Euro könnte Europa laut dem Papier "Sparta 2.0" militärisch deutlich unabhängiger von den USA werden.

Deutschland und Europa sind hinsichtlich ihrer gesamten militärischen Verteidigung abhängig, heißt es in einem Papier deutscher Experten aus Wirtschaft, Militär und Wissenschaft.

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In "Sparta 2.0" identifizieren Dr. Jeannette zu Fürstenberg, Prof. Dr. Moritz Schularick, Nico Lange, René Obermann und Dr. Thomas Enders zehn zentrale Handlungsfelder: von militärischer Cloud-Infrastruktur über Luftverteidigung sowie Führungs- und Kommunikationssysteme bis hin zu satellitengestützter Aufklärung.

Zwar haben die EU-Mitgliedsstaaten vergangenes Jahr um die 2,1 Prozent des EU-Bruttoinlandsprodukts ausgegeben, doch ist die gesamte militärische Wirkungskette weiterhin stark von den USA abhängig. Den Experten zufolge ist eine autonome europäische Verteidigung technologisch möglich und finanziell tragbar, sie sei lediglich eine Frage des politischen Willens und Führung, sowie industrielle Koordination, und die Bereitschaft, die zersplitterten europäischen Verteidigungsstrukturen effizienter zu organisieren.

Laut der Strategie könnte Europa könnte diese Fähigkeitslücken innerhalb des nächsten Jahrzehnts mit Investitionen von rund 500 Milliarden Euro schließen. Das entspreche etwa einem Drittel des geplanten jährlichen Aufwuchses der europäischen Verteidigungsbudgets um 200 Milliarden Euro, rund zehn Prozent der erwarteten Verteidigungsausgaben der europäischen NATO-Partner bis zum Ende des Jahrzehnts oder etwa 0,25 Prozent des europäischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) inklusive Großbritannien und Norwegen.

Die Experten kritisieren in dem Papier die starke Fragmentierung der europäischen Verteidigungsindustrie: Europa betreibe derzeit 14 verschiedene Panzertypen, 15 Kampfjets und zahlreiche unterschiedliche Kommandosysteme. Laut der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) führe das dazu, dass Europa pro investiertem Euro 30 bis 40 Prozent weniger militärische Fähigkeiten erziele als ein konsolidierter Staat. Zusätzliche Mittel sollten deshalb nicht nur in etablierte Rüstungskonzerne fließen, sondern stärker in neue Produktionskapazitäten, Start-ups und doppelt verwendbare Technologien (Dual-Use-Technologien).

"Wir werden verteidigungsbereit und abschreckungsfähig, wenn wir das viele Geld strategisch einsetzen: für Souveränität, für Technologie, für Tempo", so der Sicherheitsexperte und Mitautor der Strategie, Nico Lange.

Verteidigungsausgaben seien dabei nicht nur Kosten, sondern auch Investitionen in Europas industrielle Zukunft. Investitionen in Hochtechnologie, KI und Raumfahrt könnten laut dem Strategiepapier wirtschaftliche Multiplikatoreffekte bis 1,5-fachen Faktor erzeugen.

Hubschrauber und Panzer auf dem Stützpunkt in Munster, 30. April 2026
Hubschrauber und Panzer auf dem Stützpunkt in Munster, 30. April 2026 AP Photo/Markus Schreiber, Pool

Eigenes europäisches Gefechts-Management

In "Sparta 2.0" werden zehn zentrale Fähigkeitslücken identifiziert, die Europa nach Ansicht der Autoren schließen müsse, um militärisch unabhängiger von den USA zu werden.

Dabei steht zunächst die europäische Führungsfähigkeit im Gefecht, also sogenannte Command-and-Control-Systeme. Vorgeschlagen wird ein souveränes europäisches Battle-Management-System nach dem Vorbild des ukrainischen "Delta"-Systems.

Das ukrainische "Delta"-System ist eine digitale Plattform die die ukrainischen Streitkräfte zur Echtzeit-Lageführung nutzen, die aus Informationen unterschiedlicher Quellen besteht. Damit lassen sich feindliche Bewegungen schneller erkennen, Einheiten können besser koordiniert werden und die Entwicklungen auf dem Gefechtsfeld können nahezu in Echtzeit verfolgt werden.

Dem Papier zufolge wurde das System innerhalb von nur 18 Monaten aufgebaut und gilt heute als eines der leistungsfähigsten Systeme seiner Art außerhalb der USA. Für ein vergleichbares europäisches System veranschlagen zu Fürstenberg, Schularick, Lange, Obermann und Enders Kosten von rund 10 bis 20 Milliarden Euro innerhalb von drei bis vier Jahren.

Robotik für Rüstungsmassenproduktion

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf autonomen Systemen. Europa müsse Kapazitäten zur Massenproduktion von Drohnen und Loitering Munition aufbauen, autonome Boden- und Marinesysteme entwickeln und diese stärker in militärische Führungsstrukturen integrieren. Dafür wird ein Verteidigungsrobotik-Programm unter Einbindung der deutschen Automobil-, Werften- und KI-Industrie vorgeschlagen. Die Kosten dafür werden auf mehr als 30 Milliarden Euro innerhalb von drei bis fünf Jahren geschätzt.

Mehrere Automobilhersteller und Zulieferer sind bereits direkt oder indirekt im Verteidigungssektor aktiv, etwa durch Militärfahrzeuge, geschützte Spezialfahrzeuge oder Technologien für militärische Anwendungen. Dazu zählen unter anderem Mercedes-Benz Special Trucks, Rheinmetall MAN Military Vehicles sowie Zulieferer wie ZF Friedrichshafen.

Die Reichweiten- und Düsenjägerlücke Europas schließen

Vergangene Woche hatte US-Präsident Donald Trump angekündigt, rund 5.000 amerikanische Soldaten aus Deutschland abzuziehen. Zwar war ein US-Truppenabbau bereits in Planung, doch begründete der US-Präsident den Abbau als Reaktion auf Aussagen des Bundeskanzlers Friedrich Merz (CDU). Dieser sagte zuvor, die USA hätten keine "Exit Strategie" in ihrem Krieg gegen den Iran und würden von Teheran "gedemütigt" werden.

Neben dem Truppenabbau soll Trump zudem entschieden haben, keine Tomahawk-Marschflugkörper zur Abschreckung gegen Russland mehr in Deutschland zu stationieren. Europa hat damit weiterhin keine "Deep Strike Precision", also weitreichende Raketen.

Der Aufbau dieser Fähigkeiten wird auch in "Sparta 2.0" thematisiert, wo es heißt, dass Europa eigene Hyperschallprogramme entwickeln, bestehende Flugkörperproduktion massiv ausweiten und unabhängige Lieferketten schaffen soll.

Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren mehrere amerikanische F35-Kampfjets aus den USA bestellt, während eine europäische Alternative gebaut wird, wie zum Beispiel das deutsch-französisch-spanische Projekt Future Combat Air System (FCAS), das aufgrund von Unstimmigkeiten zwischen Dassault und Airbus ins Wanken geraten ist, und von vielen als "tot" angesehen wird.

Die Experten fordern dennoch ein souveränes europäisches Programm für Kampfjets der sechsten Generation. Allein für Deep-Strike-Fähigkeiten rechnen sie mit 20 bis 30 Milliarden Euro, für Kampfflugzeuge der nächsten Generation zusätzlich mit mehr als 200 Milliarden Euro.

Nachholbedarf bei der Luftverteidigung

Auch die Luftverteidigung spielt eine Rolle in dem Strategiepapier. Genannt werden der Ausbau der bodengebundener Kurzstreckenabwehr, zusätzliche Patriot-ähnliche Systeme, die Diversifizierung von Abfangraketen sowie die Beschleunigung der European Sky Shield Initiative.

Aktuell ist das US-amerikanische Patriot-Flugabwehrsystem aufgrund der nachgewiesenen Wirksamkeit gegen ballistische Hochgeschwindigkeitsraketen, fortschrittliche Radarverfolgung und Vielseitigkeit beim Einsatz gegen Flugzeuge und Marschflugkörper das einzige seiner Art. Europa ist demnach auf das System angewiesen. Die Kosten werden hier für 50 Milliarden Euro angesetzt, mit einer Dauer von drei bis fünf Jahren für die erste operative Wirksamkeit, und fünf bis zehn Jahren für den vollständigen Aufbau.

Die US-amerikanische Boden-Luft-Rakete "Patriot" und das britische Radar "Giraffe AMB" auf Flugplatz Siauliai
Die US-amerikanische Boden-Luft-Rakete "Patriot" und das britische Radar "Giraffe AMB" auf Flugplatz Siauliai AP Photo/Mindaugas Kulbis

Sich dem Machtkampf im Weltall stellen

Mit der veränderten Gefahrenlage wird der Weltraum längst nicht mehr nur als Forschungs- und Wirtschaftsraum betrachtet, sondern zunehmend als zentraler Bestandteil der nationalen Sicherheit Deutschlands und der militärischen Abschreckung.

Im Weltraum fordern die Expertem unter anderem ein europäisches "Starlink-Äquivalent", eine gemeinsame Satellitenaufklärung sowie den Ausbau geschützter Navigations- und Kommunikationssysteme. Da die Bundeswehr für ihre Kommunikation auf Satelliten angewiesen ist, nutzt sie für große Distanzen bislang vor allem eigene oder angemietete geostationäre Systeme. Wenn etwa ein Kriegsschiff von Europa nach Afrika verlegt wird, läuft die Kommunikation über diese Infrastruktur, so der Inspekteur des Cyber und Informationsraums Dr. Thomas Daum zu Euronews bei der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz.

Das Projekt "SATCOMBw Stufe 4" gilt dabei als größter einzelner Weltraumauftrag in der Geschichte der Bundeswehr. Ziel ist es, Panzer, Schiffe, Flugzeuge und Soldaten weltweit über Satellitenkommunikation zu vernetzen und insbesondere Einsätze an der NATO-Ostflanke abzusichern, darunter auch die deutsche Brigade in Litauen.

Aber auch "SATCOMBw Stufe 4" ist ein klassisches Satellitenkommunikationssystem, bei dem auf Konstellationen aus vielen kleinen Einheiten gesetzt wird, die untereinander vernetzt sind, vergleichbar mit Elon Musks Starlink. Jeder Satellit kann mit den anderen kommunizieren, wodurch deutlich mehr Zugangspunkte entstehen und die Möglichkeiten der Satellitenkommunikation insgesamt erweitert werden.

Parallel dazu müsse Europa eigene Startkapazitäten stärken — von Micro-Launchern bis hin zu wiederverwendbaren Schwerlastträgern. Für Satellitenkommunikation und Weltrauminfrastruktur rechnen die Autoren mit mehr als 50 Milliarden Euro, für Space-Launch-Programme mit weiteren 20 bis 30 Milliarden Euro. Hinzu kommen Investitionen in persistente Luftaufklärung (ISR), etwa durch HALE- und MALE-Drohnen, moderne Sensorik und Datenfusion.

Handlungsbedarf bei militärischer Cloud-Infrastruktur

Ebenso wird in dem Papier großer Handlungsbedarf bei militärischer Cloud-Infrastruktur, Software und KI gesehen. Europa müsse eigene Datenfusions- und KI-Systeme entwickeln und militärisch zertifizieren, um digitale Souveränität zu erreichen. Für diesen Bereich werden langfristig rund 50 Milliarden Euro veranschlagt.

Darüber hinaus fordert das Papier einen Ausbau strategischer Lufttransport- und MedEvac-Kapazitäten sowie multinationaler Militärhospitäler und Sanitätslogistik. Schließlich nennen die Autoren elektronische Kampfführung und die Unterdrückung feindlicher Luftabwehr (SEAD/DEAD) als langfristige Schlüsselbereiche. Dafür brauche Europa unter anderem mehr Anti-Radar-Waffen, Decoys (Attrappen) und vernetzte elektronische Kriegsführungssysteme.

Keine europäische "Superarmee"

Zu Fürstenberg, Schularick, Lange,Obermann und Enders sprechen sich dabei ausdrücklich nicht für eine europäische "Superarmee" oder neue EU-Großstrukturen aus, sondern plädieren für belastbare europäische Leitkoalitionen.

Deutschland, Frankreich, Polen und Großbritannien sollten demnach zentrale strategische Programme sowie Fragen konventioneller Abschreckung koordinieren. Nordeuropäische und baltische Staaten könnten gemeinsam maritime Sicherheit, den Schutz von Nord- und Ostsee sowie elektronische Kampfführung vorantreiben.

Europa verfüge bereits über die technologische und industrielle Grundlage für mehr strategische Autonomie. Europäische Unternehmen seien etwa bei militärischer Cloud-Infrastruktur, taktischer Führungssoftware oder autonomen Systemen technologisch führend. Entscheidend seien nun vor allem politischer Wille, industrielle Koordination und eine schnellere Umsetzung.

Gefordert wird zudem ein grundlegender Wandel bei der Beschaffung. Statt jahrelanger Ausschreibungen und detaillierter Vorgaben brauche es schnellere Prototypen-Wettbewerbe nach dem Prinzip "Show before you buy" ("Vorführung vor Beschaffung"), wirkungsorientierte Verträge und Schnellverfahren für strategische Souveränitätsprojekte.

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