Die EU-Kommission hält die Handelsbeziehungen zu China in ihrer derzeitigen Form für nicht mehr tragfähig und setzt auf eine Strategie zur Verringerung von Abhängigkeiten statt auf eine vollständige Entkopplung. Doch wie realistisch ist dieser Kurs?
EU-Kommissare haben Ende Mai darüber beraten, wie europäische Industrien besser vor einer wachsenden Flut chinesischer Importe geschützt werden können. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass die derzeitigen Handels- und Investitionsbeziehungen mit China in ihrer aktuellen Form nicht dauerhaft tragfähig sind.
Statt einer vollständigen wirtschaftlichen Entkopplung setzt die EU jedoch weiterhin auf eine sogenannte De-Risking-Strategie – also die Verringerung kritischer Abhängigkeiten. Bereits in der Vorwoche hatte die Europäische Kommission mögliche Maßnahmen ins Spiel gebracht, die Unternehmen dazu verpflichten könnten, ihre Lieferketten breiter aufzustellen und weniger abhängig von einzelnen Ländern zu werden.
Gleichzeitig könnte der Zugang chinesischer Unternehmen zum europäischen Markt in Bereichen wie Chemikalien, Metallen und Technologien für die Energiewende eingeschränkt werden. Konkrete Vorschläge werden nach dem EU-Gipfel im Juni erwartet und sollen im dritten Quartal vorgestellt werden.
Das Treffen gilt dennoch als wichtiger Wendepunkt: Lange betrachtete Europa seine wachsende Abhängigkeit von China vor allem als wirtschaftliche Herausforderung. Inzwischen wird sie zunehmend auch als Frage der Wettbewerbsfähigkeit und der strategischen Sicherheit gesehen.
Europa: gefährliche Abhängigkeit
Europa erkennt zunehmend, dass wirtschaftliche Effizienz lange Vorrang vor Krisenfestigkeit hatte. Gleichzeitig hat China über Jahre hinweg seine Position in zentralen Bereichen der globalen Industrie ausgebaut und sich eine dominierende Rolle bei wichtigen Rohstoffen, Vorprodukten und Technologien gesichert.
"Das war eine langfristige Strategie Chinas", sagt Andrew Small vom European Council on Foreign Relations. "China hat bewusst dafür gesorgt, dass Versuche, alternative Bezugsquellen aufzubauen, im Keim erstickt werden." Durch seinen Einfluss auf Verfügbarkeit, Preise und Liefermengen kann Peking nach Ansicht von Experten wirtschaftlichen Druck ausüben.
Die EU bleibt dadurch anfällig für Lieferunterbrechungen, Preisschocks und mögliche Exportbeschränkungen. Im Jahr 2025 erreichte das Handelsdefizit der Europäischen Union mit China 359,9 Milliarden Euro – ein Anstieg von 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Wie groß die Abhängigkeit bereits ist, zeigt eine Studie der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2024: Bei 64 von 204 als kritisch eingestuften Importgütern stammt etwa ein Drittel der Lieferungen aus China. Besonders ausgeprägt ist die Abhängigkeit bei Technologien für die Energiewende.
Nach Angaben der Kommission kommen 98 Prozent der in Europa eingesetzten Solarmodule aus China. Hinzu kommen hohe Importanteile bei Maschinen und Fahrzeugen sowie bei chemischen Erzeugnissen.
Die europäische Abhängigkeit von China beschränkt sich nicht auf fertige Produkte. Besonders groß ist Pekings Einfluss in den vorgelagerten Stufen der Lieferketten – also bei der Verarbeitung, Raffinierung und Herstellung wichtiger Rohstoffe und Komponenten.
Nach Angaben der Europäischen Kommission importiert die EU derzeit 97 Prozent des Magnesiums, das unter anderem für Batterien der nächsten Generation und Aluminiumlegierungen benötigt wird.
Auch bei Seltenen Erden ist Europa nahezu vollständig auf China angewiesen: Sämtliche Seltene Erden für die Herstellung von Dauermagneten werden dort raffiniert. China dominiert zudem die Verarbeitung wichtiger Rohstoffe für die Energiewende.
Das Land verarbeitet rund 60 bis 70 Prozent des weltweit geförderten Lithiums und kontrolliert etwa 86 Prozent der globalen Polysiliziumproduktion – einem zentralen Material für Solarmodule. Bis 2030 soll dieser Anteil nach Plänen Pekings sogar auf 88 Prozent steigen. Die Internationale Energieagentur warnt deshalb, dass es für die EU schwierig werden könnte, eine vollständig eigenständige Solarindustrie aufzubauen.
"Wir profitieren gern von niedrigen Lohn- und Produktionskosten. Doch die günstigen Vorprodukte und Komponenten aus China haben auch die Wettbewerbsfähigkeit unserer eigenen Endprodukte erhöht", sagt Jacob Gunter vom Berliner Thinktank MERICS.
Viele dieser Abhängigkeiten seien nicht zufällig entstanden, sondern das Ergebnis politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen, so Gunter. "Es waren durchaus nachvollziehbare demokratische Entscheidungen. Zum Teil auch deshalb, weil vielen Menschen die Funktionsweise des chinesischen Wirtschaftsmodells nicht vollständig bewusst war."
De-Risking statt Entkopplung
Die Europäische Kommission machte Ende Mai deutlich, dass sie die wirtschaftlichen Risiken im Verhältnis zu China reduzieren, die Beziehungen aber nicht abbrechen will. Ziel ist es, den Handel mit Peking fortzusetzen und gleichzeitig die Abhängigkeit Europas bei strategisch wichtigen Gütern wie Rohstoffen, Batterien, Halbleitern und Solartechnologien zu verringern.
Eine vollständige wirtschaftliche Unabhängigkeit gilt dabei als unrealistisch. Stattdessen soll verhindert werden, dass wirtschaftliche Verflechtungen zu einem Sicherheitsrisiko werden. "Problematisch wird es, wenn die Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten als geopolitisches Druckmittel genutzt werden kann – etwa bei Rohstoffen, Technologien oder Lieferketten", sagt die Ökonomin Alicia Garcia Herrero von der Hong Kong University of Science and Technology.
Experten betonen, dass Europa grundsätzlich über das technologische Know-how verfügt, um eigene Kapazitäten aufzubauen. Nach Ansicht von Jacob Gunter vom Thinktank MERICS fehlt es jedoch bislang am politischen Willen, die dafür notwendigen Investitionen konsequent voranzutreiben. "Die Frage ist nicht, ob wir das Geld haben, sondern ob wir bereit sind, es einzusetzen", sagte er gegenüber Euronews.
Gleichzeitig weist Garcia Herrero darauf hin, dass Europa derzeit weder über die nötige Infrastruktur noch über ausreichend Fachkräfte verfügt, um Chinas industrielle Ökosysteme kurzfristig nachzubilden. Dennoch hält sie es für realistisch, die Abhängigkeiten innerhalb der kommenden fünf Jahre schrittweise zu reduzieren – etwa durch neue Beschaffungsregeln und eine breitere Diversifizierung kritischer Vorprodukte. Die Grundlage dafür bildet eine Reihe von EU-Gesetzen und Strategien, die seit 2019 aufgebaut wurden.
Die Wirtschaftssicherheitsstrategie von 2023 verfolgt drei Ziele: europäische Kapazitäten stärken, kritische Bereiche schützen und Partnerschaften mit anderen Ländern ausbauen. Dazu kommen mehrere zentrale Gesetzesvorhaben: Das Gesetz über kritische Rohstoffe soll die Förderung, Verarbeitung und das Recycling wichtiger Rohstoffe in Europa ausbauen.
Das Chips-Gesetz stärkt die europäische Halbleiterindustrie und soll die Versorgungssicherheit verbessern. Mit dem Net-Zero Industry Act will die EU zudem ihre Abhängigkeit von Importen sauberer Technologien wie Batterien und Solarmodulen verringern.
Ergänzt werden diese Maßnahmen durch neue Instrumente zum Schutz vor unfairen Handelspraktiken und wirtschaftlichem Druck aus dem Ausland. Ob die De-Risking-Strategie erfolgreich sein wird, hängt jedoch maßgeblich davon ab, ob die Mitgliedstaaten den Kurs der Kommission mittragen. Kritiker bezweifeln bislang, dass alle europäischen Regierungen die langfristigen Risiken wirtschaftlicher Abhängigkeiten ausreichend ernst nehmen.
Kosten der Resilienz
Für viele europäische Unternehmen wurde die Debatte über wirtschaftliche Abhängigkeiten im vergangenen Jahr plötzlich sehr konkret. Nachdem China die Ausfuhr bestimmter Seltener Erden eingeschränkt hatte, wandten sich Fabrikleiter an Behörden mit einer dringenden Warnung: Die Vorräte würden teilweise nur noch für wenige Tage reichen.
Da die Rohstoffe unter anderem für Elektromotoren, Windkraftanlagen, Rüstungsgüter und Halbleiter benötigt werden, standen mehrere Produktionsstätten kurz vor Unterbrechungen. Damit wurde das bislang eher technokratische Konzept des "De-Risking" zu einem greifbaren Problem für die europäische Industrie.
"Es wurde schnell klar, dass China Europa keine verlässlichen Lieferungen mehr garantieren würde", sagt Andrew Small vom German Marshall Fund. "Große Teile der europäischen Industrie können durch eine Entscheidung in Peking lahmgelegt werden."
Besonders anfällig sind Branchen, die als zentral für Europas industrielle Zukunft gelten – darunter die Elektroauto- und Batterieindustrie, die Solar- und Windkraftbranche, die Rüstungsindustrie, die Pharmaindustrie, die Halbleiterproduktion und die Robotik.
Die eigentliche Verwundbarkeit liegt dabei oft nicht bei den Endprodukten, sondern in den vorgelagerten Produktionsschritten. Kritische Engpässe bestehen vor allem bei der Verarbeitung Seltener Erden, bei Chemikalien für Batterien, pharmazeutischen Vorprodukten und bestimmten Chipgenerationen.
In vielen dieser Bereiche verfügt China über eine nahezu dominante Marktstellung. Experten warnen, dass sich diese Abhängigkeiten künftig sogar noch verstärken könnten. "Je stärker Europa reindustrialisiert, desto mehr Branchen werden von chinesischen Vorleistungen abhängig", sagt Small.
Wenn beispielsweise europäische Chemieunternehmen unter dem Wettbewerbsdruck günstiger Importe aus China Marktanteile verlieren oder Produktionskapazitäten abbauen, fehlen anderen Industriezweigen wichtige heimische Zulieferer. Dadurch können neue Abhängigkeiten entstehen.
Der Ausweg ist kostspielig. Unternehmen, die bislang einen Großteil ihrer Komponenten aus China bezogen haben, müssen neue Lieferanten in anderen Regionen aufbauen und ihre Beschaffung breiter aufstellen. Das erhöht die Kosten und erfordert Zeit. Eine Verlagerung von Produktionskapazitäten nach Europa bedeutet zudem Investitionen in Infrastruktur, Energieversorgung und Fachkräfte sowie langwierige Zertifizierungsprozesse.
"Es gibt keine Abkürzungen", sagt Small. Angesichts der geopolitischen und wirtschaftlichen Krisen der vergangenen Jahre spreche vieles dafür, Lieferketten schrittweise widerstandsfähiger zu machen – selbst wenn dies kurzfristig höhere Kosten verursache.
Für Europa gehe es zunehmend darum, wirtschaftliche Effizienz mit Versorgungssicherheit zu verbinden und Lieferketten nicht mehr allein nach dem günstigsten Preis auszurichten, sondern auch nach ihrer Verlässlichkeit.
Wer zahlt die Rechnung?
Strategisch lässt sich die Neuausrichtung schwer bestreiten. Die Kosten werden jedoch irgendwo anfallen, und die Frage, wer sie trägt, entwickelt sich zu einem politischen Konflikt.
Steigende Produktionskosten schlagen entlang der Lieferketten auf die Verbraucher durch. Europäer, die Elektroautos, Solarmodule oder neue Elektronik kaufen, zahlen womöglich mehr für eine Lieferkettensicherheit, die sie nicht sehen.
Grüne Technologien sind für viele Haushalte schon heute teuer. Sie könnten noch unerschwinglicher werden – ausgerechnet in dem Moment, in dem Europa für seine Klimaziele eine breite Nutzung braucht. De-Risking und Energiewende verfolgen ähnliche strategische Ziele, haben aber gegensätzliche Effekte auf die Preise.
Die Lasten verteilen sich ungleich. Großkonzerne können ihre Zulieferernetzwerke anpassen und auf EU-Förderprogramme zugreifen, etwa über den Net-Zero Industry Act. Kleine und mittlere Unternehmen, darunter Präzisionszulieferer, Chemieunternehmen und Komponentenhersteller, stehen unter ähnlichem Druck, verfügen aber über deutlich weniger Ressourcen.
Viele könnten den Übergang nicht überstehen. Sie geraten zwischen steigende Kosten, strengere Auflagen und den Wettbewerb mit subventionierten Konkurrenten aus China. Unternehmen, die früh in Rückverfolgbarkeit und robuste Lieferketten investieren, könnten dagegen zu bevorzugten Partnern werden.
Hinzu kommt ein größerer Konflikt. Europäische Unternehmen geraten zunehmend zwischen Brüssel und Peking. Die EU drängt sie, ihre Abhängigkeit von China zu verringern. Peking könnte darauf mit Exportkontrollen, Marktzugangsbeschränkungen oder subtilen Druck auf europäische Firmen in China reagieren.
Vor allem deutsche Autobauer, die stark exponiert sind, müssen wählen. Entweder sie richten sich nach der EU-Politik und riskieren ihren wichtigsten Wachstumsmarkt. Oder sie schützen ihre Umsätze in China und geraten zu Hause unter politischen Druck.
"Es ist irgendwann nicht mehr wirtschaftlich sinnvoll, diesen Kreislauf fortzusetzen", sagt Small. Europa sucht nach wirtschaftlicher Sicherheit, ohne in eine offene Konfrontation mit China zu geraten – und Peking weiß das sehr genau.