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Wie Internet-Erfinder Tim Berners-Lee mit Web3.0 unsere Daten vor Big Tech retten will

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Von Pascale Davies
Der britische Computer-Wissenschaftler Tim Berners-Lee bei einem CERN-Event in Meyrin, nahe Genf. 12. März 2019
Der britische Computer-Wissenschaftler Tim Berners-Lee bei einem CERN-Event in Meyrin, nahe Genf. 12. März 2019   -   Copyright  Fabrice Coffrini/AP

Der Erfinder des World Wide Web ist jetzt auf einer Mission, es zu retten.

Sir Timothy Berners-Lee, der es erst möglich gemacht hat, diesen Artikel online zu lesen, hatte 1989 die Idee für das World Wide Web.

33 Jahre später glaubt er, dass Technologieplattformen "die Welt kontrollieren und die Menschen manipulieren, indem sie Informationen bereitstellen".

In einem Gespräch mit Euronews auf der Tech-Konferenz Web Summit in Lissabon Anfang des Monats sagte Berners-Lee rückblickend, dass "einige Leute damals dachten, dass Tech-Leute die Welt retten würden. Jetzt befinden wir uns in einer Situation, in der viele Dinge mit dem Web nicht stimmen".

Seine Lösung ist "eine Kurskorrektur, um es zurückzubringen" und diese Kurskorrektur nennt er Web3.0.

(Nicht zu verwechseln mit Web3, der Name, der von vielen in der Tech-Welt als die nächste Phase des Internets gehandelt wird.)

Doch bevor wir auf Zukunft und Gefahren eingehen, schauen wir auf Ursprünge und Entwicklung.

Wie das World Wide Web entstand

Berners-Lee wurde 1955 in London geboren und studierte Physik an der Universität Oxford.

In den 1980er Jahren begann er als Berater bei der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) zu arbeiten, wo er den ursprünglichen WEB-Prototyp entwickelte, den er "Enquire Within Upon Everything" nannte. Sein Ziel war es, Wissenschaftler:innen die gemeinsame Nutzung von Daten in verschiedenen Systemen zu ermöglichen.

Aber das Internet ist nicht dasselbe wie das Web. Das Internet existierte bereits in den 1970er Jahren - es wusste nur niemand, dass es existierte.

Die Elektroingenieure Bob Kahn und Vint Cerf entwickelten das Internetprotokoll (IP), das die gemeinsame Nutzung von Informationsbits durch Computer ermöglichte. Kurz gesagt, wurde damit ein Verfahren geschaffen, mit dem Computer miteinander kommunizieren konnten. Dies ist der physische Teil, an den sich das Web anschließen konnte.

Berners-Lee schrieb daraufhin sein Konzept um ein verteiltes, einheitliches Informationssystem zu entwickeln, um den Bedarf an automatisiertem Informationsaustausch zwischen Wissenschaftler:innen in Universitäten und Instituten auf der ganzen Welt zu decken.

1990 schrieb er ein zweites Konzept für das Web, in dem er die Bedingungen für ein "Hypertext-Projekt" namens "WorldWideWeb" beschrieb, das es Browsern ermöglichte, "Hypertext-Dokumente" zu betrachten.

Ende des gleichen Jahres war seine Idee ausgereift und er entwickelte den Code für seinen Web-Server auf einem Computer.

Um zu verhindern, dass er versehentlich ausgeschaltet wurde, trug der Computer ein handgeschriebenes Schild mit roter Tinte, auf dem stand: "Diese Maschine ist ein Server. Schalten Sie ihn nicht aus!"

Wie sich das Internet durchsetzte

1993 stellte das CERN die Software für das World Wide Web in die Public Daomaine, und damit der Öffentlichkeit zur Verfügung.

So entstand die erste Stufe des Internets, das Web 1.0. Obwohl es für jedermann zugänglich war, war es ein reines Lese-Web, in dem nur wenige, die sich mit der Programmierung auskannten, etwas veröffentlichen konnten.

Dies führte zur Entwicklung des Web 2.0, das es uns nun ermöglicht, mehr mit dem Web zu interagieren und selbst kreativ zu werden, so dass wir auf großen Plattformen wie Google, Facebook usw. alles Erdenkliche veröffentlichen können.

Allerdings gibt es das nicht umsonst. Im Gegenzug können viele der oben genannten Unternehmen unsere Daten sammeln, die dann für gezielte Werbung genutzt werden können.

Eine sicherere Lösung

Berners-Lees Idee für ein neues Web entstand während seiner Arbeit in seinem Labor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er versuchte, einen neuen Weg zu finden, das Internet zu entschlüsseln und unsere Daten zu schützen.

Seine Lösung für die Funktionsstörungen des Web 2.0 ist ein drittes Niveau von Protokollen, die einer Person die Möglichkeit gibt, sich mit ihrer eigenen persönlichen ID anzumelden.

Er entwickelte ein neues Projekt namens Solid und dann einem neuen Unternehmen namens Inrupt, das Solid beim Start helfen sollte.

Berners-Lees Plattform kann über den Browser erreicht werden. Es handelt sich jedoch nicht um eine App, sondern um einen von Berners-Lee getauften "Pod", in dem man privaten Daten speichern und ganz einfach abrufen kann.

Einfacher ausgedrückt kann man es sich als Schlüssel oder digitale ID vorstellen, die sicher aufbewahrt wird.

Er sagte, dies sei seine Vision für das Web3.0. Dabei betonte er, dass es sich nicht um Web3 handelt, das das Ethereum-Blockchain-System verwendet und das in erster Linine dezentralisiert sein soll.

Das Problem mit Web3 ist, dass Daten wie z. B. Gesundheitsdaten leicht zurückverfolgt werden können. Da sie öffentlich sind, ist es teuer, sie sicher zu machen. Ein weiteres Problem ist die Geschwindigkeit: Es ist fraglich, ob sie vollständig dezentralisiert werden kann.

Viele Unternehmen, die sich mit Kryptowährungen und Metaverse beschäftigen, bezeichnen das Web3 als die Zukunft des Internets. Doch Inrupt ist anderer Meinung.

"Wir reden über das Web 3.0, das wirklich existiert... und nicht über eine Marketing-Masche, wenn Sie so wollen", sagte John Bruce, CEO und Mitbegründer von Inrupt, der vor fünf Jahren zu Berners-Lee stieß.

"Tim erklärte mir eines Abends beim Abendessen, dass das Web, so wie es sich entwickelt, nicht das Web ist, das wir uns vorgestellt haben. Aber wir könnten es an einen Ort bringen, wenn wir es auf die richtige Weise anstoßen", sagte er.

"Wir haben ausgiebig mit der Open-Source-Gemeinschaft zusammengearbeitet. Aber wir haben das Bild des technologischen Puzzles vervollständigt, was das Web brauchen würde".

Die Technologie ist bereits verfügbar, und Berners-Lee sagte, Inrupt spreche mit Regierungen - auch mit denen in Europa. Welche Länder das genau sind, wollte er allerdings nicht verraten.

Ist es schon verfügbar?

In Flandern, der flämischsprachigen Region im Norden Belgiens, wird Web3.0 bereits heute eingeführt. Berners-Lee sagte, dass Sozialdienste über die Pods bereitgestellt werden und bis Ende des Jahres 6,5 Millionen Bürger diese Technologie nutzen können.

Zu den weiteren Nutzern gehören die Versicherungsbranche sowie viele andere Arten von Unternehmen.

Aber die Technologie soll für jeden und jedes Land zugänglich sein und kann auch helfen, Leben zu retten.

Wir sprechen hier von Web 3.0, und das ist eine echte Sache... und kein Marketing-Gag.
John Bruce
CEO und Mitbegründer von Inrupt

Inrupt hat mit Nichtregierungsorganisationen zusammengearbeitet, um Flüchtlingen zu helfen, indem sie ihnen erlaubt haben, ihren Pod zu teilen. Sie können dann ihre medizinischen Daten, die Kleidung und Zelte, die sie erhalten haben, weitergeben und sich bei der NGO registrieren lassen, was Zeit spart.

Berners-Lee sagte, andere Länder hätten ihn um Hilfe für Opfer häuslicher Gewalt gebeten und Inrupt habe den Betroffenen Pods zur Verfügung gestellt.

"Ich habe gehört, dass Personen im Durchschnitt erst dann zur Polizei gehen, wenn er oder sie zum 37. Mal Opfer wurde", sagte er.

"Wenn man also einer Person [einen Pod] gibt, kann sie ganz privat verfolgen, was vor sich geht, und wenn sie zur Polizei geht, hat sie eine Spur".

Die Pods sollen jedem in der Gesellschaft helfen, seine Online-Daten in Sicherheit zu verwahren.

Die Gesellschaft scheint auch bereit dafür zu sein, da viele von uns seit den Enthüllungen über die Einmischung russischer Hacker in die US-Wahl 2016, die weit verbreitete Desinformation und den Facebook-Skandal um Cambridge Analytica ihre Daten besser schützen (wollen).

Jeder gewinnt, auch Big Tech

Doch wie würden die großen Plattformen reagieren, wenn sie den Zugang zu unseren Daten verlieren würden, die sie an Unternehmen und Werbetreibende verkaufen, um Gewinne zu erzielen?

Bruce zufolge würden alle gewinnen, da die Bürger:innen kontrollieren könnten, wie viele Daten sie weitergeben, und die Unternehmen ein besseres Verständnis der Nutzerpräferenzen hätten.

Die Aufgabe von Inrupt besteht nun darin, weiterhin mit Regierungen und Unternehmen zu sprechen, damit weltweit mehr Pods eingesetzt werden.

Aber selbst wenn sie überall eingesetzt werden, muss noch viel mehr getan werden, um das Web zu einem sicheren Ort zu machen.

"Das Web war schon immer zugänglich, und es ist wirklich wichtig, dass es eine Art Internationalisierung erfährt. Es muss also sichergestellt werden, dass es in vielen Sprachen und für Menschen mit Behinderungen funktioniert, was bei soliden Anwendungen [Pods] sehr wichtig sein könnte", sagte er.

Er ist auch besorgt darüber, welche Form das Metaverse annehmen wird.

"Es wird Probleme geben. Wenn man sich schon Sorgen um eine feministische Bloggerin auf Twitter macht, wie wird es dann erst in der Welt der virtuellen Realität sein?

"Offensichtlich muss man sich viele Gedanken darüber machen, wie man Systeme als sichere Orte aufbauen kann", sagte er. Die Arbeit, das Web zu einem demokratischeren und sichereren Raum zu machen, sei noch lange nicht abgeschlossen, so Tim Berners-Lee.