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Europas vergessener Konflikt: Der Kaukasuskrieg

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Europas vergessener Konflikt: Der Kaukasuskrieg

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Reuters
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Moskaus Annexion der Krim hätte verhindert werden können, wenn Europa und andere Nationen auf den Krieg Russlands mit Georgien vor einem Jahrzehnt "angemessen" reagiert hätten. Das meint George Mchedlishvili, ein Georgien-Experte aus dem Thinktank Chatham House. Mit seiner nachsichtigen Haltung habe der Westen Russland ermutigt, im Konflikt mit der Ukraine aggressiver aufzutreten.

Der fünftägige Kaukasuskrieg beginnt in der Nacht vom 7. auf den 8. August 2008. Georgische Einheiten greifen die Hauptstadt Südossetiens an, um die nach Unabhängigkeit strebende Region wieder unter Kontrolle zu bringen.

Der Hintergrund des Konflikts

Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Georgien Anfang der 1920er Jahre wurde Südossetien nachgesagt, sich auf die Seite des Kremls gestellt zu haben.

Südossetien entwickelte sich in der Folge zu einer autonomen Region innerhalb Georgiens unter Herrschaft der Sowjets - mit der russischen Teilrepublik Nordossetien auf der anderen Seite des Kaukasusgebirges.

In den frühen 1990er Jahren erlangte Georgien nach dem Zerfall der Sowjetunion die Unabhängigkeit von Moskau.

Die anschließende Machtübernahme des georgischen Nationalisten Zviad Gamsakhurdia trug dazu bei, eine separatistische Stimmung in Südossetien zu schüren. Nach Gewaltausbrüchen beanspruchte die Region 1992 die Unabhängigkeit von Georgien.

Laut anderen Stimmen waren mächtige Persönlichkeiten innerhalb des russischen Militärs verärgert über die Auflösung der Sowjetunion. Sie bestärkten Südossetien in dem Unabhängikeitsstreben, um Georgien zu schwächen und Rache zu nehmen.

Was geschah dann?

Nach drei Jahren, in denen es immer wieder zu Gewaltausbrüchen kam, unterzeichneten Russland, Südossetien und Georgien 1992 ein Waffenstillstandsabkommen, in dem eine dreiseitige Friedenstruppe eingesetzt wurde.

Das brachte Frieden bis zur Wahl von Präsident Michail Saakaschwili im Jahr 2004. Er plante, Südossetien und Abchasien wieder in Georgien einzugliedern. Diese Idee wurde jedoch zwei Jahre später von den Südossetiern in einem Referendum abgelehnt.

Wie kam es zum Krieg?

Georgien war verärgert darüber, dass Russland im April 2008 die Beziehungen zu Südossetien verstärkte, während Moskau den Ambitionen Tiflis, der NATO und der Europäischen Union beizutreten, ablehnend gegenüberstand.

Im Sommer beschuldigten sich beide gegenseitig der militärischen Aufrüstung.

Anfang August 2008 brachen Kämpfe zwischen georgischen Truppen und separatistischen Kräften aus. Aber es war der Beginn einer Luft- und Bodenkampagne Georgiens auf Südossetiens Hauptstadt Zchinwali, die den Konflikt am Abend des 7. und 8. August auslöste.

Russische Panzer rückten dann in Südossetien ein, um den Bürgern zur Hilfe zu eilen - viele Osseten haben russische Pässe.

Innerhalb weniger Tage hatte Russland die Kontrolle übernommen, die Georgier aus Südossetien vertrieben und sogar die Vororte von Tiflis angegriffen.

Wie viele Opfer gab es?

Am Ende des fünftägigen Kriegs waren nach einer EU-Kommission 800 Menschen ums Leben gekommen.

Nach Aussagen von Human Rights Watch haben alle Kriegsparteien während des Konflikts "zahlreiche Verletzungen des Kriegsrecht begangen".

In ihrem 2009 veröffentlichten Bericht heißt es auch, dass in den Tagen die südossetischen Streitkräfte nach dem Rückzug Tiflis "ethnische georgische Dörfer absichtlich und systematisch zerstört haben".

Ein unabhängiger Bericht der EU-Kommission, ebenfalls aus dem Jahr 2009, kam zu dem Ergebnis, dass Georgien den Konflikt mit Russland begonnen hatte und Moskau unverhältnismäßig reagiert habe.

Was geschah nach dem Krieg?

Nachdem am 12. August 2008 ein Waffenstillstand ausgehandelt wurde, erkannte Russland die Unabhängigkeit Südossetiens und einer weiteren Region, Abchasien, an. Aber es war eines der wenigen Länder der Welt, das dies tat.

Die diplomatischen Beziehungen zwischen Tiflis und Moskau - deren Truppen später aus Georgien abgezogen wurden, aber in den separatistischen Regionen blieben - wurden abgebrochen.

Welche Auswirkungen hatte der Krieg auf Georgien und Südossetien?

"Die Partei, die durch den Konflikt am meisten verloren hat, ist Südossetien", sagte der Georgien-Experte Mchedlishvili, "Die wirtschaftliche Lage ist schlecht. Jetzt ist die Region völlig auf die finanzielle Utnerstützung aus Russland angewiesen, aber wegen der Korruption kommt Russlands Geld nicht in der Bevölkerung an."

Doch während Georgien wirtschaftlich besser dasteht als Südossetien, habe das Land nach dem Krieg politisch Rückschritte gemacht, so Mchedlishvili.

"Der Krieg wirkt sich immer noch negativ auf die Innenpolitk aus", meinte der Experte. "Aufgrund der Unzufriedenheit über den Umgang mit dem Krieg verhält sich die georgische Führung unter dem Vorwand, die Sicherheit des Landes zu schützen, weitaus intoleranter gegenüber jeglicher Opposition. Der politische Dialog wurde geschwächt, und die Opposition wurde an den Rand gedrängt."

Der Konflikt hat Georgien auch von Russland entfernt. Das Land hat sich der Europäischen Union angenähert, mit der es 2014 ein Assoziierungsabkommen unterzeichnete. Bisher stellte Georgien keinen formellen Antrag auf Vollmitgliedschaft.

Welche Auswirkungen hatte der Krieg auf Russland?

"Russland hat gezeigt, dass es das Völkerrecht brechen, in andere Länder eindringen und damit durchkommen kann, was es in der Ukraine mit viel schwerwiegenderen Folgen wiederholt hat", sagte Max Fras, ein Gastprofessor am Europäischen Institut der London School of Economics.

Diese Einschätzung teilt George Mchedlishvili: "Hätte der Westen auf die Besetzung Südossetiens im Jahr 2008 angemessen reagiert, wären die Krim und der Krieg in der Ukraine vielleicht nicht passiert", sagte er. "Leider muss man feststellen, dass der Westen Russland sein brutales Verhalten in Georgien verziehen hat."

Wie stehen die Chancen, dass der Konflikt wieder aufflammt?

Obwohl es regelmäßig Entführungen - und einen angeblichen Mord - von Georgiern an der Grenze zu Südossetien gibt, ist das Risiko eines erneuten Konflikts zwischen Moskau und Tiflis laut Experten gering.

"Ein Aufflammen ist sehr unwahrscheinlich, alle Knöpfe liegen in den Händen Russlands", meint Max Fras. "Georgien ist nicht an einer Eskalation interessiert.

"Aber Russland kann Südossetiens "Grenzziehung" - die schleichende Annexion Georgiens - nutzen, um Spannungen zu schüren und die georgische Politik und Gesellschaft zu beeinflussen."

"Die meisten Georgier stehen der russischen Regierung immer noch kritisch gegenüber, aber die Beziehungen zwischen den Menschen bleiben stark, die meisten Touristen in Georgien kommen heute aus Russland."