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Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete verteidigt unerlaubtes Anlegen

Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete verteidigt unerlaubtes Anlegen
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REUTERS/Guglielmo Mangiapane
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Carola Rackete, die Kapitänin der "Sea-Watch 3", hat ihrem Anwalt zufolge ihre Entscheidung, unerlaubt in einen italienischen Hafen eingefahren zu sein, verteidigt. Vor dem Ermittlungsrichter habe Rackete die Situation an Bord als "sehr angespannt" bezeichnet, so Rechtsanwalt Leonardo Marino.

Zudem habe sie laut eigener Aussage das Boot der Finanzpolizei, welches ihr Rettungsschiff beim Einlaufen in den Hafen touchiert hatte, nicht gesehen.

Rackete sei eine "sehr mutige Kapitänin"

Ruben Neugebauer von der Seenotrettungsorganisation Sea-Watch zufolge, sei Rackete bei dem Manöver sehr vorsichtig gewesen. Auf einer Pressekonferenz am Dienstag in Berlin sagte er: "Sie hat die Motoren ausgekoppelt. Hat versucht, ein Stück versetzt anzulegen. Das Polizeiboot hat sich jedoch immer wieder bewegt, um Carola beim Anlegen zu hindern."

Zudem habe Rackete versucht, das Schiff zu stoppen, als sie das Boot der Finanzpolizei gesehen habe. Vorwürfen, dass ein Schiff der Finanzpolizei "gerammt" wurde oder "es zu einer Kollision gekommen ist", widersprach Neugebauer. "Sie hat es leicht touchiert, da es nicht weggefahren ist. Wenn jemand das zu verantworten hat, ist es sicher nicht Carola."

Rackete gehe es "den Umständen entsprechend gut". Sie sei eine "sehr mutige Kapitänin" und habe wegen der schwierigen Situation an Bord keine andere Wahl gehabt, als trotz des Verbots in den Hafen einzulaufen.

Die italienische Gesetzgebung sieht für das unerlaubte Einfahren in die Gewässer des Landes Geldstrafen vor.

"Die Situation ist vergleichbar mit einem Verkehrsunfall, wo ein Krankenwagen an der Schranke zum Krankenhaus steht und erst einmal darüber diskutiert wird, welche Krankenkasse für die Behandlung bezahlt", erklärte Neugebauer.

Anderer Hafen wäre zu weit weg gewesen

Warum ist Rackete aber mit dem Rettungsschiff nicht in einen anderen Hafen gefahren? Kritiker werfen der Kapitänin vor, sie hätte auch in einem anderen Land als Italien anlegen können.

"Sowohl rechtlich, als auch technisch als auch moralisch" wäre das nicht möglich gewesen, so Neugebauer. "Das Seerecht schreibt vor, in den nächsten sicheren Hafen zu fahren. Das ist Lampedusa", erklärte er.

"Zudem ist es grob fahrlässig, eine Seereise anzutreten, die weit über 1000 Meilen beträgt und die Menschen unnötigem Risiko aussetzt. Wir sind kein Kreuzfahrtschiff, wir haben keine Kabinen. Die Menschen sind auf offenem Deck", sagte Neugebauer.

Anfangs hatte das Rettungsschiff 53 Migranten an Bord. Als Rackete mit dem Schiff in Lampedusa einlief, waren es noch 40. "Wir hatten mehrere medizinische Evakuierungen. Salvini hat autorisiert, medizinische Notfälle und Kleinkindern mit Begleitpersonen von Bord zu holen. Das hat er wahrscheinlich deswegen gemacht, weil er das letzte Mal ein Verfahren bekommen hat, das nicht getan zu haben", sagte Neugebauer.

Die "Sea-Watch 3" fährt unter niederländischer Flagge. "Niederlande als unser Flaggenstaat hat die Verpflichtung zu koordinieren", sagte Marie Naaß, die bei Sea-Watch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

"Bei jeder Rettung setzen wir uns mit den niederländischen Behörden in Verbindung. Der Koordinierung wird in keiner Weise nachgekommen. Wir sind außerordentlich enttäuscht von der niederländischen Regierung und des Nichtvorhandenseins jeglicher Koordinierung. Es ist wenig hilfreich, aber vor allem verantwortungslos. In aller erster Linie sollte der Flaggenstaat koordinieren und das tut er nicht, das ist skandalös."

Andere Schiffe werden dazu animiert, Menschen nicht mehr aus Seenot zu retten

"Wir haben eine mutige Kapitänin gesehen, die alles Nötige getan hat, um die Sicherheit der Menschen an Bord zu gewährleisten. Das ist aber nicht die Regel", sagte Neugebauer in Berlin. "Es gibt eine Reihe von Handelsschiffen, die proaktiv von Notfällen wegfahren - auch das Militär."

Italienische und maltesische Militärschiffe hätten teilweise erst reagiert, als Sea-Watch ihnen mitgeteilt habe, dass sie auf Video aufgezeichnet würden.

"Die Katastrophe auf dem Mittelmeer setzt sich unvermindert fort. Während unser Schiff beschlagnahmt ist, hat unsere Crew, die sich noch auf dem Schiff befindet, von mehreren Notfällen gehört", sagte Neugebauer.

Sea-Watch befürchtet, dass die Festnahme ihrer Kapitänin Carola Rackete den Tod vieler Migranten im Mittelmeer nach sich ziehen wird. Dass sie abgeführt und ihr Schiff "Sea-Watch 3" beschlagnahmt wurde, könne dazu führen, dass Kapitänen von anderen Schiffen zukünftig wegschauen.

"Wenn man Boote beschlagnahmt, hat das eine Signalwirkung auf andere. Wir haben es erlebt, dass Fischer in Seenot geratenen geholfen haben. Wir haben es aber auch erlebt, dass Boote von Fischern beschlagnahmt worden sind. Dann überlegen die sich zwei Mal, ob sie helfen", erklärte Neugebauer.

Für den Ausgang im Fall Rackete hat Neugebauer jedoch Hoffnung. "Wir gehen davon aus, dass die italienische Justiz unabhängig ist und im Gegensatz zu Matteo Salvini auf dem Boden der Verfassung steht", sagte er.

So viele Spenden wie noch nie

Nach Solidaritätsbekundungen von Prominenten war in den vergangenen Tagen mehr als eine Million Euro Spenden bei den Seenotrettern eingegangen. "So viel wie noch nie", sagte Neugebauer.

"Diese Solidarität zeigt zwei Dinge: Ertrinken lassen auf dem Mittelmeer ist kein Konsens und die Zivilgesellschaft steht hinter uns und möchte sich wehren gegen die Politik des Sterbens. Und zweitens, wir werden auf jeden Fall weitermachen. Wenn unser Schiff beschlagnahmt bleibt, notfalls mit einem neuen Schiff", führte er aus.

"Konjunkturpaket für Schlepper"

Der sogenannte Kampf der Europäischen Union gegen Schlepper auf dem Mittelmeer sei in Wirklichkeit ein "Konjunkturpaket für Schlepper", sagte Neugebauer. Er sei überzeugt: "Man kann Migration nicht aufhalten."

Durch die Politik der geschlossenen Häfen werde die Überfahrt für Menschen, die nach Europa wollten, nur teurer und gefährlicher. Im ersten Halbjahr 2019 sind nach UN-Angaben über 27 300 Flüchtlinge und Migranten über das Mittelmeer nach Italien, Zypern, Malta, Spanien und Griechenland gekommen. Seit Jahresbeginn seien schätzungsweise 584 Menschen bei dem Versuch ertrunken.

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