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Ansteckung bei 'Gesunden': 86 Prozent der Corona-Infektionen bleiben unentdeckt

Drive-In-Tests gibt es mittlerweile in vielen Städten in Deutschland, 5-10 Minuten dauert der Termin pro Patient.
Drive-In-Tests gibt es mittlerweile in vielen Städten in Deutschland, 5-10 Minuten dauert der Termin pro Patient.   -   Copyright  Stadt Bochum
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Das Robert-Koch-Institut in Deutschland geht davon aus, dass nur die Hälfte aller mit SARS-CoV2 Infizierten Symptome zeigen. Ein Großteil der Menschen, die das Virus tragen, sind also sogenannte "asymptomatische" Patienten. Allerdings ist sich die Wissenschaft einig, dass auch diejenigen ohne Krankheitssymptome - also Husten, Fieber, Atembeschwerden - das Virus übertragen können.

In einer Studie der Fachzeitschrift "Science" schreiben Forscher der Columbia University Mailman School of Public Health, dass nicht-diagnostizierte Coronavirus-Träger einer der Hauptgründe für die schnelle Ausbreitung des Virus sind.

Ein Risiko, das anfangs wohl auch in China unterschätzt wurde und ein Argument für eine womöglich hohe Dunkelziffer der Infizierten weltweit. Wie die Forscher anhand von Modellrechnungen und Fallzahlen aus Wuhan schätzen, blieben dort rund 86 Prozent der Fälle vor der Abschottung und den Reisebeschränkungen am 23. Januar unentdeckt, 79 Prozent aller nachgewiesenen Fälle könnten den Rechnungen zufolge von nicht-diagnostizierten Patienten ausgegangen sein.

"Die Explosion der COVID-19-Fälle in China wurde weitgehend von Personen mit leichten, begrenzten oder gar keinen Symptomen ausgelöst, die unentdeckt blieben", sagt Mitverfasser Jeffrey Shaman, PhD, Professor für Umweltgesundheitswissenschaften.

Das unterschätzte Risiko

Und auch in europäischen Ländern, wo die Krise in Zahlen inzwischen an China vorbeigezogen ist, wird klar: Die Übertragung durch asymptomatische Personen ist ein Risiko, das von der Gesellschaft generell unterschätzt wird. "Rund 50 Prozent der Infizierten zeigen keine Symptome", warnte auch der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, am Mittwoch.

Als für Italiener die Sperrstunde schon zur Routine wurde und Franzosen sich langsam auf die neue Lebenssituation einstellten, wurden in Deutschland via Social Media noch Einladungen zu "Corona-Partys" versandt und in Berlin lagen die Menschen noch in vollen Parks in der Sonne.

"Abstand halten, Hände waschen", das sind die zwei wichtigsten Maßnahmen für alle Menschen weltweit in diesen Tagen, so Volker Hingst, Arzt für Hygiene- und Umweltmedizin, Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie gegenüber Euronews.

Eine unkontrollierbare Variable

Die Antwort auf die hohen Zahlen von Infizierten, die nichts von ihrer Ansteckung wissen, sind aber Experten zufolge trotzdem nicht flächendeckende Tests - auch wenn die WHO fordert, so viele Verdachtsfälle zu testen, wie möglich. Schon heute sind die Labore in Deutschland ausgelastet und können die 24-Stunden-Ergebnisse nicht mehr einhalten. Das RKI will jetzt Veterinärlabore nutzen, um die Testkapazität weiter zu erhöhen.

Doch auch dann werden keine Personen ohne Symptome getestet. Einem Test auf SARS-CoV2 wird laut Empfehlung des RKI nur unterzogen, wer Krankheitszeichen hat und innerhalb der letzten 14 Tage Kontakt zu einem bestätigten COVID-19-Fall hatte und/oder sich innerhalb der letzten 14 Tage in einem Risikogebiet/einem besonders betroffenen Gebiet in Deutschland aufgehalten hat.

Tests bei asymptomatischen Personen werden nicht empfohlen.
RKI-Webseite
Wann soll eine Person auf SARS-CoV2 getestet werden?

Personen, die sich schlecht fühlen, aber nicht dringend ärztliche Hilfe benötigen, wird empfohlen, zu Hause zu bleiben und den Kontakt zu Mitmenschen zu limitieren. Für eine genauere Statistik wäre eine Diagnose zwar wünschenswert, für überfüllte Krankenhäuser, notärztliche Dienste und Labore ist es aber wichtig, ihre Zeit auf diejenigen zu konzentrieren, die in kritischem Zustand sind.

"Der Einfluss von asymptomatischen Patienten auf die Weiterverbreitung ist sicher unterschätzt worden", so Hingst. Die Fernsehansprache der Kanzlerin am Mittwochabend, in der sie an die Bevölkerung appellierte, Schutzmaßnahmen einzuhalten, interpretiert er als "letzten Schuss" vor der Ausgangssperre.

Schon Anfang Februar warnten Wissenschaftler des Universitätsklinikums Frankfurt vor der Übertragung, die von Personen ohne Symptome ausgeht. Sie hatten die 126 Rückkehrer aus Wuhan Anfang Februar betreut und herausgefunden, dass "symptombasierte Screenings sich hier als nicht effektiv" erwiesen.

Was man heute über die Verbreitung des Virus weiß, zeigt auch, dass die ersten Maßnahmen, wie Temperaturmessen an Flughäfen, nicht sonderlich aussagekräftig oder effektiv waren, um Kranke zu identifizieren und die Ausbreitung einzudämmen.