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Asylsuchende, Hausbesetzer und Obdachlose im Corona-Elend

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Wie übersteht man die Corona-Krise, wenn man auf der Straße lebt, in einem besetzten Haus oder einem Slum? Die Pandemie ist wie eine doppelte Strafe für die Bedürftigsten in unserer Gesellschaft. Euronews-Reporterin Valérie Gauriat hat mit denen gesprochen, die durch den Lockdown noch stärker als zuvor ins gesellschaftliche Abseits gedrängt werden.

In der Nähe des Hafens von Calais in Nordfrankreich ist es eine regelmäßige Szene: Die Polizei kommt jeden zweiten Tag und vertreibt die Asylsuchenden aus ihren behelfsmäßigen Lagern. Die Grenzschließungen während der Covid-19-Krise haben alle Versuche nach Großbritannien zu gelangen, eingefroren. Wie für alle, die obdachlos sind, ist das Überleben jetzt schwieriger denn je.

Buayran gehört zu denen, die hier festsitzen: "Jetzt mit Corona ist es schlimm, früher war es besser, das kamen Autos und man hatte eine Chance, aber jetzt ist es schwierig, wir haben hier nichts."

Während des Lockdowns war die Arbeit von Hilfsorganisationen im ganzen Land eingeschränkt. Die Versorgung von schätzungsweise tausend Menschen in Calais ist zu einer Herausforderung geworden. Antoine Nehr von der Organisation Utopia 56 bestätigt das: "Wir sind weniger vor Ort in den Lagern, können weniger machen, die Bedingungen werden immer schlechter. Und diejenigen, die helfen, werden daran gehindert. Wir haben 26 Geldstrafen erhalten, weil wir rausgegangen sind, um Lebensmittel oder Decken zu verteilen. Und 4 Mitglieder des Teams wurden im Rahmen ihrer humanitären Missionen in Gewahrsam genommen."

Die NGO Secours Populaire ist eine von wenigen, die im Gebiet 'Grande Synthe', wenige Kilometer von Calais entfernt, Lebensmittel an Asylbewerber liefern darf. Es werden auch einfache medizinische Untersuchungen durchgeführt, wie Christian Hograd erklärt: _"Die Katastrophenschutzteams messen die Temperatur der bedürftigen Menschen und Migranten. Wenn es ein Problem gibt, melden sie es und bringen die Person bei Bedarf ins Krankenhaus. Bisher hat es hier in den letzten zwei Monaten aber keinen Fall von Covid-19 gegeben." _

Die schrecklichen Lebensbedingungen, unter denen die etwa 600 Menschen hier leben, plagen sie mehr als das Virus, sagt der Asylsuchende Dana Babaie: "Die Menschen haben keine Angst vor dem Coronavirus, denn sie hatten schon viele andere Probleme, sie haben viele gefährliche Dinge durchgemacht, die schlimmer waren als das Coronavirus. Jetzt sind sie hier, sie haben keine Angst vor dem Coronavirus."

Ein Slum am Stadtrand von Lyon

Aber nicht nur in einer Gegend wie Calais, am Hafen, sondern mitten oder am Rande einer wohlhabenden Stadt wie Lyon leben Menschen in größtem Elend. Am Stadtrand der südöstlichen französischen Stadt Metropole befindet sich ein Slum. Die meisten Familien, die hier leben, stammen aus Syrien. Solange sie den Flüchtlingsstatus nicht erreicht haben, können sie keine Wohnung oder Arbeit finden und erhalten keine Asylhilfe.

Zwei Frauen, Sofia und Nawel, haben den Verein Baraka gegründet und kümmern sich zusammen mit den Bewohnern des Viertels um die Menschen des Slums. Niemand hier ist bisher mit Covid-19 infiziert, aber die hygienischen Bedingungen sind katastrophal.

Die Asylsuchende Amal beschreibt die Situation: "Wir haben nichts Anderes gefunden, wir haben sogar versucht, ein Haus zu besetzen, 4 Tage sind wir dort geblieben bis uns die Polizei vertrieben hat. Mein Mann hat überall gesucht, am Ende hat er diesen Unterschlupf gebaut, damit ich entbinden konnte, jetzt leben wir hier."

Ein anderer Slumbewohner, Alaa al Mohamad, sagt: „Ich habe zwei Kinder, ich möchte sie zur Schule schicken. Das ist kein Leben, wir haben keine Toiletten, kein Wasser. Frankreich behandelt uns gut, aber man muss uns helfen, unsere Situation zu regeln und unsere Dokumente zu bekommen. So können wir nicht leben! "

Die Pandemie hat das Warten auf Antworten verlängert. Sofia und Nawel, die Frauen aus dem Viertel, helfen bei den Behördengängen. Mit dem Ende des Lockdowns droht jetzt die Zwangsräumung des Slums.

Sofia de Los Rios vom Verein Baraka sagt: “Ich befürchte das Schlimmste, weil wir überhaupt keine offizielle Antwort haben. Und wenn wir Antworten bekommen, werden sie wohl negativ ausfallen. Wenn sie von hier weggeschickt werden, wohin sollen sie dann gehen? Was wird mit ihnen geschehen? Wir wissen es nicht."

Die Bedürftigen und Obdachlosen haben ein besonders hohes Krankheitsrisiko

Auch der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist für die Menschen schwer, während der Pandemie besonders. Mobile Gesundheitsteams zur Aufdeckung und Prävention von Covid-19 unter stark gefährdeten Personen, sind im ganzen Land unterwegs. Euronews begleiten ein Team in eine stillgelegte Fabrikhalle, die zu einem besetzten Haus geworden ist. Auf dem Gelände leben etwa 80 Menschen, Roma-Familien.

Die Bewohner teilen sich zwei Toiletten und einen Wasserschlauch. Auch hier gibt es bislang keinen Infektionsfall mit dem Coronavirus, aber das Risiko ist hoch, erklärt Samuel Guevart, Arzt bei der Hilfsorganisation Medecins du Monde: "Wir sehen Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegserkrankungen. Das sind Anfälligkeiten, die im Covid-Kontext potenziell gefährlich sind. Die Herausforderung besteht darin, diese Schwachstellen zu erkennen und ihnen angemessen zu begegnen. So kann es möglich sein, die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen und vielleicht einige Betten auf den Intensivstationen freizuhalten.“

„Aber die eigentliche Frage ist doch: Wie kümmern wir uns angemessen um die Schwächsten, die Obdachlosen, und geben ihnen menschenwürdige Lebensbedingungen. Hätten wir uns vorher wirklich darum gekümmert, hätten wir wahrscheinlich leichtere und besser behandelbar Pathologien."

Aber die eigentliche Frage ist doch: Wie kümmern wir uns angemessen um die Schwächsten, die Obdachlosen, und geben ihnen menschenwürdige Lebensbedingungen. Hätten wir uns vorher wirklich darum gekümmert, hätten wir wahrscheinlich leichtere und besser behandelbar Pathologien.
Samuel Guevart, Arzt bei der Hilfsorganisation Medecins du Monde

Menschen, die seit Jahren in Autos leben, mitten in Lyon

Menschenwürdige Lebensbedingungen für die Armen schaffen, diese Aufgabe quält auch Kamel Amran, der regelmäßig einer Familie hilft. Sie lebt seit Jahren in Autos, im Herzen der Stadt Lyon. Sie finden keine Arbeit, leben vom Betteln. Das ist während des Lockdowns fast unmöglich, aber sie haben keine andere Wahl, sagen sie.

Einer von ihnen ist Marius Locatar. Sein Vater sei 70 Jahre alt und krank, sagt er, und zeigt der Euronews-Reporterin das Auto, in dem sein Vater liegt. Er selber lebe mit vier Kindern und zwei Erwachsenen in dem Auto daneben. Seine Frau schildert, wie sie beim Betteln von den Anwohnern weggescheucht wird, weil diese Angst vor einer Ansteckung haben. Sie würde auch ihr Leben riskieren, um ihre Kinder durchzubringen sagt sie.

Kamel Amran:„Sie leben schon seit Jahren hier. Wenn ich ihnen kein Essen bringe oder andere Freiwillige, bewegt sich niemand, weder die Regierung, noch das Rathaus, noch sonst jemand. Und was nun? Werden sie ihr ganzes Leben lang hier bleiben müssen?"

An einem anderen Ort in derselben Stadt leben mehrere Familien seit Monaten in Zelten unter einer Brücke. Sie sagen, sie können es nicht mehr ertragen und wollen wieder zurück in ihre Heimat. Ein Mann aus der Gruppe sagt: "Wir können keine Arbeit finden, wir können nicht leben. Die Menschen haben Angst vor uns, sie meiden uns, und wir meiden sie, wegen dieses Virus."

Ein anderer Mann meint: _"Ich will einfach nur zurück nach Rumänien – wir warten jetzt darauf, dass die Grenzen wieder geöffnet werden, sodass wir nach Hause gehen können, wir können hier nicht länger bleiben.“ _