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„Randalierende Mörder": Polizist bei Unruhen in Beirut getötet

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Proteste in Beirut
Proteste in Beirut   -   Copyright  Hassan Ammar/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved.
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Die Trauer um die Toten der Explosion im Hafen von Beirut ist in Wut auf die Politik umgeschlagen. In Libanons Hauptstadt kam es abermals zu Straßenschlachten. Laut dem Roten Kreuz gab es mindestens 200 Verletzte. Wurfgeschosse flogen auf die Ordnungshüter, die Polizei setzte Tränengas ein und feuerte Gummigeschosse ab.

Die staatliche Nachrichtenagentur NNA meldete am Abend, bei den Unruhen sei ein Polizist ums Leben gekommen. Der Meldung zufolge sei er von „randalierenden Mördern" umgebracht worden. Demonstranten verschafften sich Zugang zum Außenministerium sowie zu den Wirtschaft- und Energieministerien. Soldaten vertrieben die Menschen anschließend wieder.

Ministerpräsident Diab will Neuwahl

Ministerpräsident Hassan Diab wiederholte in einer Ansprache das Versprechen, dass die Verantwortlichen für die Explosion zur Rechenschaft gezogen werden. Die Ermittlung werde die Tatsachen zu Tage fördern, kündigte der Ministerpräsident an. Diab versuchte, die aufgebrachten Menschen zu besänftigen. „Am Montag werde ich beim Ministerrat eine vorgezogene Neuwahl beantragen. Unsere Nöte sind groß", sagte er.

Die Durchführung von Strukturreformen dürfe nicht behindert werden, es gehe darum, das Land zu retten, betonte Ministerpräsident Diab. „Heute, angesichts der Katastrophe, die wir erleben, brauchen wir gemeinsame Solidarität, um diese kritische Phase zu überwinden. Ich bin mir der Sorgen und Fragen der Bürger bezüglich der Folgen und des Umgangs mit der Katastrophe bewusst", sagte er.

„Möge Gott sie dafür bestrafen"

Viele Menschen im Libanon glauben den Politikern kein Wort mehr: „Möge Gott sie dafür bestrafen, was sie dem Volk angetan haben", ruft eine Frau aufgebracht. „Sie haben die Menschen bei lebendigem Leib verbrannt und kümmern sich nicht einmal darum. Was verlangen sie denn noch von uns? Diese Leute schicken jetzt sogar ihre Kinder ins Ausland", meint sie.

In Folge der Explosion im Hafen von Beirut am Dienstag kamen mindestens 158 Menschen ums Leben. Dem bisherigen Ermittlungsstand zufolge war eine große Menge Ammoniumnitrat für die Detonation verantwortlich. Der Stoff lagerte offenbar seit Jahren im Hafen.

Nach dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron am Freitag war an diesem Samstag Charles Michel, der Präsident des Europäischen Rates, nach Beirut gereist. Beide versprachen dem Land Hilfe, forderten aber auch Reformen.

Vier Tage nach der verheerenden Explosion im Hafen der libanesischen Hauptstadt demonstrierten aber auch Tausende Libanesen friedlich gegen die Regierung. Die Menschen versammelten sich zu einer Trauer- und Protestkundgebung auf dem Märtyrer-Platz im Zentrum Beiruts.