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Bald Jagdquoten für Bären? Rumäniens neuer Umweltminister will keinen "Zoo"

Ein männlicher Braunbär auf dem Hof des Octavian-Goga-Gymnasiums in der siebenbürgischen Stadt Csikszereda in Rumänien, 21. August 2018
Ein männlicher Braunbär auf dem Hof des Octavian-Goga-Gymnasiums in der siebenbürgischen Stadt Csikszereda in Rumänien, 21. August 2018   -   Copyright  Quelle: Nandor Veres/MTVA - Media Service Support and Asset Management Fund
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Die Ernennung des neuen Umweltministers Barna Tanczos in Rumänien verärgert Umweltschützer. Aktivisten erinnerten sich schnell an Tanczos' Kommentare aus dem Jahr 2015, dass Rumänien - die Heimat von Europas größter Braunbärenpopulation - mehr als 4.000 Bären töten sollte.

"Wir können Rumänien nicht in den Zoo von Europa verwandeln", hatte Tanczos 2015 in einer Pressekonferenz gesagt. Die Bärenpopulation, die bereits mehr als 10.000 Exemplare stark sei, wachse immer weiter, sagte er damals.

Mehr als ein Drittel von Europas Bären leben in Rumänien

Offiziellen Zahlen zufolge ist Rumäniens Bärenpopulation 6.000 Tiere stark - das ist mehr als ein Drittel der Gesamtpopulation in Europa - aber Experten betonen, dass es keine zuverlässige Zahl der Bären des Landes gibt.

"Wir haben keine realistische, vertrauenswürdige Schätzung der Populationsgröße, die mit wissenschaftlich fundierten Forschungsmethoden ermittelt wurde", sagte der Bärenexperte Csaba Domokos von der Naturschutzorganisation Milvus Group gegenüber Euronews.

Bären sind in Rumänien mitunter ein heiß diskutiertes Thema; im vergangenen Jahr gab es eine Reihe von tödlichen Angriffen der Raubtiere auf Menschen.

"Die Gegner der Bärenjagd sprechen häufig von 2.000 Bären, während die Befürworter der Jagd von einer Population von über 10.000 Bären reden - vor allem seit die Trophäenjagd auf Bären 2016 verboten wurde", erklärt Domokos.

Verschiedene Interessengruppen jonglieren mit unterschiedlichen Zahlen, die ihren Zielen am besten entsprechen.
Csaba Domokos
Umweltschutzorganisation Milvus

Die Trophäenjagd auf große Raubtiere - darunter Bären und Wölfe - wurde 2016 in Rumänien verboten. Während Umweltschützer weltweit diesem Schritt applaudierten, verärgerte er ortsansässige Jagdgruppen, für die eine solche Trophäenjagd ein lukratives Geschäft ist - sie konnten so Tausende von Euro einnehmen.

Lukrative Trophäenjagd auf Bären

"Verschiedene Interessengruppen jonglieren mit unterschiedlichen Zahlen, die ihren Zielen am besten entsprechen", so Domokos.

Noch bevor der 44-jährige Tanczos, ein ausgebildeter Wirtschaftswissenschaftler und seit 2012 Senator, im vergangenen Monat offiziell vereidigt wurde, starteten Aktivisten eine Petition gegen seinen Vorschlag. Mehrere hundert Unterschriften kamen zusammen.

Agent Green, eine gemeinnütziger Organisation, die sich für Umweltbelange einsetzt, erklärte nach seiner Vereidigung: "Das Umweltministerium ist in den Händen eines Jägers gelandet, der keine Bären mag."

Da viele Länder der Europäischen Union Programme zur Wiederansiedlung von Bären umsetzen, darunter auch Rumänien, gibt es nun Bedenken, dass nach der Ernennung von Tanczos mögliche Jagdquoten eingeführt werden könnten.

Rumänien ist kein Zoo - Rumänien ist das einzige Land in Europa, das seit Ewigkeiten der beste Platz für Bären ist.
Gabriel Paun
Umweltorganisation "Agent Green"

"[Tanczos'] Aussagen zeigen nicht nur, dass er keine Ahnung von der kritischen Bedeutung dieser Art für das Ökosystem hat - er macht sich selbst zum Teil des Problems", sagte Gabriel Paun von Agent Green im Gespräch mit Euronews.

"Rumänien ist kein Zoo - Rumänien ist das einzige Land in Europa, das seit Ewigkeiten der beste Platz für Bären ist", fügte Paun hinzu.

Letztes Jahr hat der rumänische Senat einen Gesetzesvorschlag angenommen, der Bären für fünf Jahre von der Liste der Arten, die während bestimmter Perioden im Jahr nicht gejagt werden dürfen, streichen würde.

Bärenpopulation "außer Kontrolle"?

Tanczos sagte zu dieser Zeit: "Durch die Reduzierung menschlicher Eingriffe in den letzten Jahren ist die Bärenpopulation praktisch außer Kontrolle geraten", Rumänien solle stattdessen "zu einem Programm zur Optimierung der Bärenpopulation zurückkehren."

"Solange wir Bären haben, wird es Konflikte zwischen Menschen und dieser Tierart geben, unabhängig von der Größe der Bärenpopulation", fügt Bärenexperte Domokos hinzu.

Bären und Menschen treffen zwar aufeinander, aber ein solches Aufeinandertreffen ist ein seltenes Ereignis, das vor allem in ländlichen Gegenden vorkommt. Im Landkreis Harghita in Zentralrumänien, aus dem Tanczos stammt, hätten Politiker die Tradition, "das Thema Bären auf populistische Weise in ihren politischen Reden zu verwenden", erklärt Domokos.

Octavian Tibar/Copyright 2017 The Associated Press. All rights reserved.
Ein Bär nährt sich einer Gruppe von Touristen am Rande von Brasov, Rumänien, Archivbild September 2002Octavian Tibar/Copyright 2017 The Associated Press. All rights reserved.

Rumänien: Andere Umweltthemen drängen

Tanczos' Haltung gegenüber Bären mag viele verärgert haben, aber der neue Minister wird sich mit vielen Umweltproblemen auseinandersetzen müssen, wie z.B. der weit verbreiteten illegalen Abholzung, der Luftverschmutzung, der ineffektiven Abfallwirtschaft und dem Klimawandel.

In einer Erklärung kurz nach seiner Vereidigung schrieb der frischgebackene Minister auf Facebook: "Die Luftqualität kann nicht durch das Umweltministerium verbessert werden, sondern durch das Verhalten der Menschen und die Art, wie sie leben."

Rumänien muss sich derzeit mit einem Vertragsverletzungsverfahren der Europäischen Kommission auseinandersetzen, weil es seinen Verpflichtungen in den Bereichen Abfall, natürlichen Lebensräumen sowie Wasser- und Luftqualität nicht nachgekommen ist.

Die Aussage kam zu einem sehr schlechten Zeitpunkt", sagt Paun. "An Heiligabend wurde im Norden Bukarests eine Luftverschmutzung gemessen, die schlimmer war als der Durchschnitt des am meisten verschmutzten Landes der Welt, Bangladesch."

Aber Tanczos hat sich diese Woche mit dem Bürgermeister von Bukarest getroffen, um verschiedene Themen zu besprechen. "Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir die Messungen der Luftqualität sowie den Kauf von Geräten ausweiten werden", schrieb Tanczos nach dem Treffen auf Facebook.

Der neue Minister hat auch versprochen, bis zum 1. Februar ein lang erwartetes System einzuführen, dass die Herkunft des Holzes überwacht und den illegalen Holzeinschlag zu bekämpft - ein System, das von Aktivisten als Schlüssel zur Beendigung des langen Kampfes des Landes gegen die "Holzmafia" angesehen wird.

"Ich glaube, dass das neue [System], sobald es implementiert ist, unsere Hauptwaffe im Kampf gegen den illegalen Holzeinschlag werden wird", sagte der Minister.

Während Tanczos' Amtszeit wird es eine Vielzahl von Themen zu bewältigen geben, aber das Braunbärenthema könnte das heikelste von allen sein. Eventuell wird der Minister Brücken zu den gemeinnützigen Organisationen bauen müssen.

"Der durch Braunbären verursachte Schaden könnte durch angemessene Präventionsmaßnahmen und Entschädigungen in den Griff bekommen werden, nicht durch die Jagd auf einen bedeutenden Prozentsatz der Bärenpopulation", sagt Domokos.

Euronews hat Tanczos für eine Stellungnahme zu diesem Thema kontaktiert, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lag noch keine Antwort von ihm vor.