Eilmeldung
Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

Was ist COVAX und hilft es armen Ländern an Corona-Impfstoffe zu kommen?

Apotheker bereitet eine Spritze mit dem Impfstoff COVID-19 von Pfizer-BioNTech vor, 08.01.2021
Apotheker bereitet eine Spritze mit dem Impfstoff COVID-19 von Pfizer-BioNTech vor, 08.01.2021   -   Copyright  AP Photo/Ted S. Warren
Schriftgrösse Aa Aa

Es ist eine eindringliche Warnung zu einer Zukunft mit der Pandemie: ohne den weltweiten Zugang zu lebensrettenden Impfstoffen wird Covid-19 nicht zu besiegen sein.

Das Virus ist auf alle Kontinente vorgedrungen und hat weltweit mehr als 100 Millionen Menschen infiziert. Und dass in nur etwas mehr als einem Jahr, seit es zum globalen Gesundheitsnotstand erklärt wurde.

Aktivisten und Experten schlagen schon jetzt wegen der offensichtlichen Lücke in der Impfstoffverteilung zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern der Welt Alarm.

Sie kritisieren, dass reiche Länder COVID-19-Impfdosen aufkaufen, während arme Länder ohne Impfstoff dastehen - ein Trend, der sich schon Monate nach der Verfügbarkeit der ersten Dosen fortsetzt.

"Sehr schnell wird die Diskrepanz zwischen den Ländern sehr groß werden, und unsere größte Sorge ist, dass [wohlhabende Länder] ab Mai recht schnell damit beginnen, Gruppen mit geringerem Risiko zu impfen, während wir auf der anderen Seite der Welt immer noch nicht in der Lage sind, die Mitarbeiter des Gesundheitswesens vollständig zu impfen", sagte Alain Alsalhani, ein Impfstoffapotheker der Access Campaign bei Ärzte ohne Grenzen.

Eine von der Internationalen Handelskammer in Auftrag gegebene Studie schätzt, dass die Weltwirtschaft rund 7,6 Milliarden Euro Verlust erleiden wird, sollten die Regierungen nicht sicherstellen, dass Entwicklungsländer Zugang zu COVID-19-Impfstoffen haben.

Länder mit niedrigem Einkommen sind daher auf die globalen Bemühungen zur Sicherung von Impfstoffen angewiesen: die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Koalition für Innovationen in der Epidemievorbeugung(CEPI) und die Impfallianz Gavi haben daher das Impfprogramm COVAX ins Leben gerufen.

Doch reichen die Bemühungen? Im folgenden nun ein Blick darauf, wie sich die Verteilung von Impfstoffen für diejenigen mit geringen Mitteln gestaltet.

Was ist COVAX?

Die ursprüngliche Idee von COVAX war es, die Impfstoff-Einkäufe weltweit zu koordinieren, um sicherzustellen, dass ärmere Länder nicht aus dem Impfstoffrennen ausgeschlossen werden. In der Praxis funktioniert es eher wie ein Hilfsprojekt, so Experten.

Die Initiative, die den Zugang zu COVID-19-Impfstoffen ermöglichen soll, wurde Ende April 2020 ins Leben gerufen. Sie will in einer ersten Verteilungsrunde bis Juni 2021 mehr als 330 Millionen Impfstoffdosen in 145 Länder verteilen.

Diese Impfdosen werden durchschnittlich 3,3 Prozent der Gesamtbevölkerung in diesen Ländern abdecken, die reiche Länder wie Kanada und Neuseeland für die Impfstoffe aufbringen, die dann an Länder wie Syrien und Jemen gehen.

"Es hat eine ganze Weile gedauert, die Initiative anlaufen zu lassen. Und weil es so lange gedauert hat, waren [reiche] Länder nicht zuversichtlich, dass die Initiative einen sicheren Weg bot, die Impfstoffe von COVAX zu kaufen. Sie begannen daher, ihre eigenen bilateralen Vereinbarungen zu treffen, um sicherzustellen, dass ihre Bevölkerungen Zugang Impfstoff haben würden", erklärt Antoine de Bengy Puyvallée, Politikwissenschaftler an der Universität Oslo.

"Das hat natürlich irgendwann gegen COVAX gespielt, weil sie um die gleichen Dosen konkurriert haben."

Doch durch das Aufkaufen der ersten Dosen durch Industrienationen ist die Initiative ins Hintertreffen geraten. Sie liegt nun Monate hinter wohlhabenden Ländern zurück, die fast alle der verfügbaren Dosen erworben haben. Die WHO erklärte Anfang des Monats, dass 90 Prozent der Corona-Impfstoffe in reicheren Ländern verabreicht wurden.

Viele dieser Länder werden bis Juni einen viel größeren Prozentsatz ihrer Bevölkerung geimpft haben als Staaten mit niedrigerem Einkommensniveau.

Der erste Vertrag von COVAX wurde im August mit dem Serum Institute of India (SII) abgeschlossen, und zwar für die Impfstoffkandidaten von AstraZeneca und Novavax. Pfizer/BioNTech, deren Impfstoff zuvor von den Aufsichtsbehörden zugelassen worden war, haben erst Ende Januar einen Vertrag mit COVAX über die Lieferung von 40 Millionen Dosen geschlossen, das entspricht etwa 3 Prozent dessen, was das Unternehmen bis 2021 produzieren will.

Dieses Vorgehen sei nicht atypisch, wenn man sich anschaut, wie Medikamente normalerweise auf den Markt kommen, sagen Experten und erklären, dass es oft Verzögerungen gibt, bevor Medikamente in Länder mit niedrigem Einkommen gelangen.

Aber "es ist ein sehr einzigartiger Fall, dass tatsächlich die Länder, die in der Lage waren, auf Risiko zu zahlen, diejenigen sind, die heute die Impfstoffe haben", erklärt Alsalhani von Ärzte ohne Grenzen. "Unter normalen Umständen funktioniert der Impfstoffmarkt nicht auf diese Weise."

Warum erhalten einige reiche Länder Impfstoffe über COVAX?

Das Programm besteht aus zwei Teilen - einem für 98 Länder, die ihre Impfstoffe selbst bezahlen, und einem zweiten, COVAX AMC genannt, für 92 Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, die von Nigeria, Indien und der Ukraine bis zu Syrien, Afghanistan und Jemen reichen.

Das Ziel ist es, bis Ende 2021 Impfungen für "mindestens 20 Prozent der Bevölkerung" dieser einkommensschwachen Länder zur Verfügung zu stellen, um eine "echte Wirkung bei der Eindämmung der Pandemie zu erreichen", sagte ein Gavi-Sprecher gegenüber Euronews.

Kanada ist derzeit das einzige G7-Land, das Impfstoffe durch COVAX erhalten wird. Zugleich geriet es in Kritik, weil die Bevölkerung die Herkunft der Impfstoffe infrage stellte und ob das Land Impfstoffe bezog, die armen Ländern fehlten.

"Unsere oberste Priorität ist es, sicherzustellen, dass Kanadier Zugang zu Impfstoffen haben", sagte die Ministerin für internationale Entwicklung des Landes, Karina Gould, gegenüber CBC und wies darauf hin, dass Kanada der zweitgrößte Beitragszahler zu COVAX AMC ist.

"Unsere Position war immer, dass wir Impfstoffe für Kanadier bekommen müssen, aber wir müssen sie auch für die Welt bekommen."

Während Länder, die über COVAX für Impfstoffe bezahlen, der Initiative helfen, Produktionsverträge mit Pharmaunternehmen abzuschließen, fordern Kritiker, dass diejenigen, die bereits bilaterale Verträge für Impfstoffe haben, warten sollten.

"Das Problem ist, dass einige der einkommensstarken Länder bilaterale Verträge abgeschlossen haben und bereits damit begonnen haben, darüber Impfdosen zu beziehen", sagte Alsalhani.

De Bengy Puyvallée glaubt, dass der Wunsch, einerseits anderen zu helfen und andererseits die eigene Bevölkerung zu impfen, "ein Dilemma für die Staaten schafft".

Bilaterale Abkommen zu schließen und gleichzeitig COVAX zu unterstützen, sei eine "zweideutige Politik", die "den globalen Ansatz irgendwie untergraben hat", fügt der Politikwissenschaftler hinzu.

Die EU hat Abkommen geschlossen, um ihre gesamte Bevölkerung zweimal zu impfen, hat aber auch rund 850 Millionen Euro zur Unterstützung von COVAX beigesteuert. Sie hat Geld gesammelt, um europäischen Ländern außerhalb der EU den Zugang zu Impfstoffen zu ermöglichen.

Serbien hat schon früh mit der Impfung seiner Bevölkerung begonnen und sich dabei hauptsächlich auf den chinesischen Impfstoff verlassen, den es nicht über COVAX bekommen hat. Im europäischen Vergleich steht Serbien besser da als viele der Nachbarstaaten.

Viele Länder auf dem Balkan hingegen warten auf Impfdosen von COVAX, darunter auch Bosnien und Herzegowina, das begonnen hat, Kühleinrichtungen, die es von UNICEF erhalten hat, aufzustellen, um den Impfstoff von Pfizer/BioNTech zu lagern.

Eine Ungleichverteilung der Impfungen könnte später zu mehr Problemen führen

Experten und Aktivisten drängen darauf, dass Impfungen gleichmäßiger verteilt werden. Sie warnen, dass es zu großen Problemen führen könnte, wenn Entwicklungsländer keinen Zugang zu Impfstoffen haben.

"Wenn man viele Menschen in einigen wenigen Ländern impft und das Virus in großen Teilen der Welt unkontrolliert lässt, wird das dazu führen, dass mehr Varianten entstehen", sagte Dr. Jeremy Farrar, Direktor der gemeinnützigen Organisation Wellcome, in einer Stellungnahme.

"Je mehr Varianten entstehen, desto höher ist das Risiko, dass sich das Virus in einem Ausmaß entwickelt, in dem unsere Impfstoffe, Behandlungen und Tests nicht mehr wirksam sind."

Der Generaldirektor der WHO, Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, hatte erklärt, die Welt stehe "am Rande eines katastrophalen moralischen Versagens", da die reichen Länder die Impfungen Monate vor den Entwicklungsländern einführten.

"Es ist nicht richtig, dass jüngere, gesündere Erwachsene in den reichen Ländern geimpft werden, bevor Gesundheitspersonal und ältere Menschen in den ärmeren Ländern geimpft werden", fügte er hinzu.

Viele gemeinnützige Organisation plädieren für eine gerechtere Vorgehensweise und fordern Europa auf, Impfdosen zu teilen, bevor sie jüngere Erwachsene impfen.

Brandon Locke, "Policy and Advocacy Manager " bei der ONE-Kampagne, sagte, dass anstatt 70 Prozent der eigenen Bevölkerung bis zum Sommer zu impfen, wie es die EU versucht, die Länder "neu bewerten" sollten und "einige dieser Dosen mit einkommensschwächeren Ländern teilen, nicht nachdem wir unsere gesamte Bevölkerung geimpft haben, sondern jetzt, wo wir unsere eigenen Mitarbeiter:innen im Gesundheitswesen impfen".

"Das ist es, was tatsächlich helfen wird, das Virus zu stoppen und zu verlangsamen", sagte Locke.

Skalierung der Produktion und Herstellung

Es geht auch darum, die Produktion dieser wertvollen Impfstoffe zu steigern.

Viele Länder hoffen, das zu erreichen, indem sie darauf drängen, dass die Pharmaunternehmen transparenter werden und Informationen mit dem Rest der Welt teilen.

Südafrika und Indien haben die Welthandelsorganisation gebeten, die Gesetze zum Schutz des geistigen Eigentums auszusetzen, um das Know-how zu erweitern, und einige sagen, dass der private Sektor, der große Mengen an öffentlichen Geldern erhalten hat, mehr Anstrengungen unternehmen muss, um andere in der Nutzung ihrer Technologie zu schulen.

"Es ist ganz klar, dass der "Business-as-usual"-Ansatz, den wir bei wirklich sensiblen Themen wie geistigem Eigentum, Wettbewerbsrechten und der Art und Weise, wie wir mit Pharmaunternehmen zusammenarbeiten, verfolgen, einfach nicht funktioniert", sagte Locke.

"Wir müssen nach einer langfristigen Lösung für dieses Problem suchen... es gibt keinen rechtlichen oder ethischen oder rationalen Grund, das nicht zu tun."