Eilmeldung
Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

Wie ein Bumerang: Radioaktiver Sahara-Staub kommt zurück nach Frankreich

Access to the comments Kommentare
Von Rafael Cereceda  & Cornelia Trefflich
Sand auf den Loipen in La Fouly, Val Ferret, Schweiz, 06.02.2021
Sand auf den Loipen in La Fouly, Val Ferret, Schweiz, 06.02.2021   -   Copyright  Salvatore Di Nolfi/Keystone via AP
Schriftgrösse Aa Aa

Im vergangenen Monat wehte mehrmals Sahara-Staub über Teile Spaniens, Frankreichs und auch Deutschland. Die französische Organisation zur Kontrolle der Radioaktivität im Westen (ACRO) hat dabei eine interessante Beobachtung gemacht: sie konnte anormale Cäsium-137-Werte in dem Staub messen, der über Europa wehte, die allerdings keine Gefahr für die Gesundheit darstellten.

Des Rätsels Lösung entbehrt nicht einer gewissen Ironie: die erhöhten Cäsium-137-Werte im Sahara-Staub, der besonders über Süd- und Zentralfrankreich für apokalyptische Stimmung sorgte, stammt offenbar von französischen Atomtests, die das Land in den 1960er Jahren in der Wüste Algeriens durchgeführt hat.

In einer Mitteilung erklärt die Organisation, dass die Proben am 6. Februar von einem mit Sahara-Staub bedeckten Auto genommen wurden, das im französischen Département Jura, das sich an der Grenze zur Schweiz befindet, geparkt war.

Saharastaub gibt es in Frankreich häufiger, allerdings war die Partikelkonzentration wesentlich höher. Sogar der Schnee in den Alpen war mit einer goldenen Staubschicht überzogen. Der Staub aus der Sahara sorgte nicht nur für wunderschöne Sonnenauf- und untergänge, sondern war sogar mit Erdbeobachtungssatelliten vom Weltraum aus sichtbar.

Andres Gutierrez/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved
Dieses Bild stammt von den Kanaren. Es ist bekannt, dass der Staub die Luftqualität verschlechtert, aber es ist weniger bekannt, dass er auch radioaktiv ist.Andres Gutierrez/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved

Die Analyse der Proben ergab eindeutig überdurchschnittliche Werte von Cäsium-137, einem radioaktiven Isotop, das in der Natur nicht vorkommt und das bei der Kernspaltung von Uran entsteht.

"Basierend auf diesem Analyseergebnis schätzt ACRO unter Berücksichtigung von homogenen Ansammlungen über eine große Fläche, dass 80.000 Becquerel pro Quadratkilometer an Cäsium-137 ausgefallen sind", heißt es auf der Seite der Organisation. Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren, das heißt, dass es die Hälfte seiner radioaktiven Strahlung durch Umwandlung in Barium-137 einbüßt. In einem Zeitraum von 200 Jahren behält es nur noch ein Prozent seiner Radioaktivität, wie Pierre Barbey, Wissenschaftler bei ACRO, erklärt.

Die festgestellte Radioaktivität ist vor allem eins: eine Erinnerung an Frankreich, dass die durch Atomtests erzeugte Radioaktivität nur sehr schwer zu zerstören ist und immer wieder durch die eigene Hintertür zurückkehren kann. "Diese radioaktive Verseuchung - die auch 60 Jahre nach den Atomtests noch weithin sichtbar ist - erinnert an die Situation der mehrjährigen radioaktiven Verseuchung in der Sahara, für die Frankreich verantwortlich ist", schließt die Mitteilung des ACRO.

Radioaktiver Wüstenstaub kommt aus Algerien

Doch der Wüstenstaub aus der Sahara landet nicht nur auf dem Festland. Besonders auf den Kanarischen Inseln gibt es ihn immer wieder. Das Labor für Medizinische Physik und Umweltradioaktivität an der Universität La Laguna auf Teneriffa erklärt, dass es sich um ein bekanntes Phänomen handelt, das seit mehreren Jahrzehnten untersucht wird.

"Der Staub aus der Sahara oder 'Calima', wie er auf den Kanarischen Inseln genannt wird, enthält manchmal Kalium-40, das natürlich in Mineralien vorkommt, und auch Cäsium-137 aus den Atomtests der französischen Regierung", erklärt Professor Pedro Salazar Carballo. Er fügt hinzu, dass die Staubwolke auch das Isotop Blei-210 enthalten kann, das aus natürlichen Quellen stammt.

Das Labor hat erst kürzlich eine wissenschaftliche Studie über die Strahlungswerte des Saharastaubsturms während des Karnevals 2020 veröffentlicht, der die Flughäfen zur Schließung zwang und Hunderte von Touristen stranden ließ.

Auch damals wurden verhältnismäßig hohe Werte an Kalium-40 und Cäsium-137 nachgewiesen. Offenbar sind diese immer dann vorzufinden, wenn der Wind den Staub aus der algerischen Wüste mitbringt - dort, wo Frankreich seine ersten Atomtests durchführte.

Andres Gutierrez/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved
Die Hauptbedrohung für unsere Gesundheit durch den Sahara-Sand ist Feinstaub, nicht Radioaktivität.Andres Gutierrez/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved

Professor Salazar Carballo unterstreicht, dass die gemessenen Werte weit unter denen liegen, die als gesundheitsschädigend gelten. Das Labor führt ständig Messungen durch, die dann an den Rat für nukleare Sicherheit geschickt werden. Die Messungen, die seit Jahren durchgeführt werden, hätten noch nie alarmierende Werte ergeben, so Salazar Carballo.

Allerdings konnte das Labor radioaktive Reste der Unfälle von Tschernobyl und Fukushima nachweisen, ebenfalls ohne Gesundheitsgefahr. Salazar Carballo erinnert auch daran, dass wir, obwohl sie große Ängste auslöst, ständig mit natürlicher Radioaktivität leben: "Eigentlich ist das, was uns am meisten der Radioaktivität aussetzt, das natürliche Radon, das aus dem Boden austritt", erklärt er.

"Es wird geschätzt, dass zwischen fünf und 14 Prozent aller Lungenkrebsfälle auf Radon zurückzuführen sind, das wir einatmen, besonders in Kellern und geschlossenen Räumen". Doch immer mehr Bauvorschriften ergreifen Maßnahmen, die eine längere Exposition gegenüber diesem radioaktiven und ganz natürlich auftretenden Gas reduzieren.

Nicht zuletzt hat der Saharastaub auch eine wichtige biologische Bedeutung, wie Salazar Carballo unterstreicht. Er kann mitunter Nährstoffe und Mineralien wie Eisen in Regionen bringen, in denen diese natürlich nicht vorkommen.

Diese Woche: Noch mehr Saharastaub

Die jüngste Episode des Saharastaubs über Westeuropa ist noch nicht vorbei. So befindet sich eine ziemlich dicke Wolke über dem Mittelmeer, die Gebiete in Spanien, Frankreich, Großbritannien, den Benelux-Ländern und Deutschland erreichen wird.

Es wird erwartet, dass Niederschläge in einigen Regionen das als "Schlammregen" bekannte Phänomen auslösen werden.

Und da die Wolke aus dem algerischen Hinterland stammt, werden die Partikel wahrscheinlich auch etwas Cäsium-137 von jener "Gerboise Bleue" mitbringen - dem Codenamen für den ersten französischen Atomtest, der am 13. Februar 1960 dort durchgeführt wurde. Abgesehen von möglichen Atemwegsproblemen aufgrund der dichten Partikelkonzentration nichts Besorgniserregendes, aber dennoch eine kleine Erinnerung an den dauerhaften Fußabdruck der Atomenergie.