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Félix Tshisekedi: Europa muss zusammen mit Afrika gegen Migration kämpfen

Von François Chignac  & Sabine Sans
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Félix Tshisekedi: Europa muss zusammen mit Afrika gegen Migration kämpfen
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Die Wiederbelebung der afrikanischen Volkswirtschaften, die von der Pandemie schwer erschüttert wurden, die afrikanischen Volkswirtschaften, die erstmals seit 25 Jahren in eine Rezession geraten sind - dem IWF zufolge braucht es 300 Milliarden Dollar, damit es in Afrika wieder vorwärtsgeht. Dazu die Migrationskrise, Terrorismus, aber auch gute Regierungsführung, all diese Themen diskutieren wir im Interview mit dem Präsidenten der Demokratischen Republik Kongo. Aktuell ist er zudem der Vorsitzende der Afrikanischen Union.

Euronews-Reporter François Chignac:
Félix Tshisekedi herzlich willkommen.

Félix Tshisekedi, Präsident der Demokratischen Republik Kongo:Guten Tag.

Euronews:
Vielen Dank, dass Sie unser Gast sind. Fangen wir mit einer einfachen Frage an, Herr Präsident: 19, 20 afrikanische Staatschefs, internationale Delegationen. Und das alles auf Einladung von Präsident Emmanuel Macron. Sind die Ergebnisse des Gipfels in Paris die erste Dosis des Impfstoffs, der nötig ist, um die afrikanischen Volkswirtschaften aus der Sackgasse zu holen?

Félix Tshisekedi:

Zunächst einmal gilt mein Dank dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron für diese mutige und beispiellose Initiative. Warum beispiellos? Endlich ist es gelungen, die Afrikaner in die Überlegungen über ihre Zukunft einzubeziehen. Bisher wurden Entscheidungen in Abwesenheit der Afrikaner getroffen, sie wurden uns übergestülpt. Hier wird dieser Prozess gemeinsam ausgelotet. Mir gefällt der Begriff, den Präsident Macron verwendet hat: der 'New Deal'. Ich weiß, dass es eine schwere Aufgabe wird. Aber ich bin zuversichtlich, weil der Europäische-Rats-Präsident Charles Michel, der sich auch sehr für Afrika engagiert, bei dieser Konferenz anwesend war. Wir haben uns eine Reihe von Zielen gesetzt, die in der ersten Hälfte des Jahres 2022, während der französischen Ratspräsidentschaft, erreicht werden sollen. Wir werden sicherlich auf einem Gipfeltreffen zwischen der Europäischen Union und der Afrikanischen Union eine Bilanz ziehen. Dann werden wir Ihnen vielleicht sagen können, ob das, was in Paris angestoßen wurde, in die richtige Richtung geht.

Sonderziehungsrechte aufstocken

Euronews:
Herr Präsident, in Paris ging es um ein Afrika nach der Pandemie. Wie ist der wirkliche Stand bei der Rettung der afrikanischen Volkswirtschaften?

Félix Tshisekedi:

Die große Nachricht ist die Entscheidung über die Sonderziehungsrechte (Special Drawing Rights, SDR, die der IWF seinen Mitgliedstaaten 1970 zugeteilt hatte. Dabei handelt es sich um Buchkredite in Milliardenhöhe), die mit 650 Milliarden bewertet werden. Hier wurden wir hungrig zurückgelassen, denn es gibt nur 33 Milliarden, die in diesem Stadium für Afrika reserviert sind. Das ist für 54 Länder sehr wenig. Das Ziel dieser Konferenz war unter anderem, bis zu 100 Milliarden Dollar aufzubringen. Die Diskussionen haben gezeigt, dass das - und sogar noch mehr - möglich ist. Die andere Nachricht ist, dass der Hebel, über den diese Ziehungsrechte genutzt werden, die AfDB ist, die Afrikanische Entwicklungsbank. Dort kennt man die afrikanischen Länder und ihre Schwierigkeiten sehr gut. Das würde dazu beitragen, einen Teil der Schulden dieser afrikanischen Länder auf jeden Fall zu tilgen.

Euronews:
Kommen wir auf die Gesundheitskrise zurück. Es ging viel um Impfstoffe. Was halten Sie von den Ergebnissen, die auf diesem Gipfel erreicht wurden?

Félix Tshisekedi:

Man wird die Afrikaner nicht in Afrika einschließen. Sie werden sich bewegen, andere Menschen treffen. Und sie könnten ein anderes Virus entwickeln, eine andere Virus-Variante, die viel virulenter sein und die Impfungen nutzlos machen könnte. Deshalb müssen wir so viele Menschen wie möglich impfen. Es ging ein Appell an die Impfstoff-Entwicklerfirmen. Das wird sich auch positiv auf unsere Bevölkerung auswirken, denn zu diesem Thema gab es viele Manipulationsversuche.

Euronews:_
Es gab und gibt viel Misstrauen in Afrika?_

Félix Tshisekedi:

Genau! Die Tatsache, dass Afrikaner diese Resistenz gegen das Virus entwickelt haben, hat viele von ihnen glauben lassen, das Virus befällt andere, aber nicht sie. Doch das ist ein Fehlschluss, denn das Virus mutiert. Wir müssen uns schützen.

Euronews:

Es wird oft über ungenügende Kommunikation auf dem afrikanischen Kontinent gesprochen?

Félix Tshisekedi:

_Es hat Ausfälle gegeben. Ich denke hier zum Beispiel an die Entscheidung von elf europäischen Ländern, den AstraZeneca-Impfstoff auszusetzen. Das hat denjenigen Auftrieb gegeben, die die Idee vertreten, dass dieser Impfstoff für Afrikaner gefährlich ist.
_

Migration gemeinsam angehen

Euronews:
Coronakrise, Wirtschaftskrise, Migrationskrise. In jüngster Zeit sind viele Migranten an der spanischen Küste angekommen. Stehen Sie als derzeitiger Präsident der Afrikanischen Union im Dialog mit der Europäischen Union?

Félix Tshisekedi:
Leider noch nicht. Denn die Antwort Europas ist radikal: Es schließt seine Türen. Aber Europa sollte mit den Afrikanern reden. Erstens, um zu sehen, aus welchen Ländern die meisten dieser Migranten kommen. Und um auszuloten, wie wir, indem wir zusammenarbeiten, diese Migrationen verhindern können. Wie wir diese jungen Menschen, die sich auf dieses Abenteuer einlassen, zurückhalten können. Denn der wahre Grund für all dies ist Hoffnungslosigkeit. Junge Afrikaner sehen in Europa ein Eldorado. Sie sind davon überzeugt, in Europa ihr Glück zu finden. Aber auch Europa hat seine Probleme. Das muss man ihnen einerseits erklären, andererseits aber auch Antworten auf ihre täglichen Probleme finden. Die Unterstützung des Jungunternehmertums wäre eine wirksame Antwort.

Euronews:
Sprechen wir über Mosambik. Dort gibt es eine dschihadistische Bedrohung. Wie reagiert man darauf?

Félix Tshisekedi:
Das Problem in Mosambik ist ähnlich wie das im Osten meines Landes. Das sind islamistische Terrorgruppen, die sich zum sogenannten Islamischen Staat bekennen. Das ist kein Problem, das nur ein Land betrifft. Es gibt die Sorge, dass dieses Krebsgeschwür in der ganzen Region, auf dem ganzen Kontinent Metastasen bilden wird. Deshalb müssen wir es jetzt angehen. Wir dürfen nicht warten. Was in Mosambik passiert ist, ist für uns von größter Bedeutung. Denn es ist genau das gleiche Phänomen, das wir auch hier haben. Da diese Gebiete potenziell reich an Bodenschätzen und anderen Ressourcen sind, muss man sie von dieser Versorgung abschneiden. Denn damit finanzieren sie ihre Aktivitäten. Wir müssen also schnell, effizient und solidarisch zusammenarbeiten.

Ermittlungen zum Tod des italienischen Botschafters

Euronews:
Der Tod des italienischen Botschafters war ein Drama, das die internationale Gemeinschaft und den Kongo vor ein paar Monaten erschüttert haben. Wie weit sind die Ermittlungen zu diesem Todesfall gediehen?

Félix Tshisekedi:
Die Untersuchungen dauern an. Es wurden Verdächtige festgenommen. Sie werden zu den Hintergründen befragt. Denn hinter ihnen steckt sicherlich eine ganze Organisation. Das sind Straßenräuber, die in Banden organisiert sind. Da gibt es bestimmt Hintermänner. Das versucht man nachzuvollziehen. Wir arbeiten zusammen mit den italienischen Diensten sehr hart an der Aufklärung. Eine furchtbare Tat. Ich war wirklich bestürzt über seinen Tod. Das motiviert mich noch mehr, den Überfall aufzuklären.

Euronews:
Als Präsident der Afrikanischen Union haben Sie zu anderen Ländern - zum Beispiel zum Tschad, zum Übergang im Tschad vor ein paar Tagen gesagt, dass dieser Übergang geregelt werden muss, um die Stabilität des Landes zu erhalten.

Félix Tshisekedi:
Die Antwort, die nicht wir gewählt haben, sondern die die Menschen im Tschad gegeben haben, war eine militärische Antwort. Ich war in N'Djaména bei der Beerdigung von Präsident Deby. Dort habe ich ein stabiles Land erlebt. Die Menschen waren friedlich. Ein guter Ausgangspunkt. Denn wir stellen keinen Blankoscheck aus. Im Tschad selbst hat man von Wahlen in 18 Monaten gesprochen. Wir erwarten, dass dieser Übergang so inklusiv wie möglich ist. Niemand soll behaupten können, er sei ausgeschlossen worden und in der Folge sein Schicksal mit Waffen regeln. Wenn alle mitmachen, wenn alle diesen Übergang begleiten, werden wir freie, demokratische und transparente Wahlen erleben. Auf jeden Fall hoffen wir das. Dann wird das Land definitiv zur Stabilität zurückkehren.

Der Kongo will im Konzert der Nationen mitsingen

Euronews:
Herr Präsident, strebt der Kongo eine Vertretung im UN-Sicherheitsrat an?

Félix Tshisekedi:
Natürlich ist es unser Bestreben, die Stimme des Kongo in das Konzert der Nationen zu tragen. Es ist eine Chance gerade jetzt, wo wir auch der Afrikanischen Union vorstehen auch ein Sprachrohr auf der Ebene der Vereinten Nationen zu haben.