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WHO-Europa-Direktor Hans Kluge: Mit VIP aus der Corona-Pandemie

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Von Fay Doulgkeri
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WHO-Europa-Direktor Hans Kluge: Mit VIP aus der Corona-Pandemie
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Millionen Menschen in Europa und auf der ganzen Welt kämpfen mit den Folgen von COVID-19. Mehr als vier Millionen Tote, viele bankrotte Unternehmen und ein hoher Tribut in puncto psychische Gesundheit: Das war auch Thema des Gipfels, der von der Weltgesundheitsorganisation und dem griechischen Gesundheitsministerium in Athen organisiert wurde. Darüber und über die Pandemie im Allgemeinen sprechen wir mit dem WHO-Regionaldirektor für Europa Hans Kluge.

Wie wahrscheinlich ist ein "Laborleck"?

Euronews-Reporterin Fay Doulgkeri:

Dr. Kluge, vielen Dank, dass Sie unser Gast bei Euronews sind. Lassen Sie uns mit der jüngsten Entwicklung über die Untersuchungen der internationalen Delegation in China zum Ursprung des Coronavirus beginnen. Auf der einen Seite hat der Leiter der Organisation kürzlich geäußert, dass es vielleicht ein bisschen zu früh sei, ein "Laborleck" auszuschließen. Auf der anderen Seite hat China den Plan der WHO für eine zweite Phase der Untersuchung abgelehnt. Gibt es Anhaltspunkte, dass das Virus aus einem Labor entwichen sein könnte? Was werden Sie unternehmen?

Hans Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa:

Ich glaube, das ist eine Frage an den WHO-Chef in Genf Dr. Tedros, denn ich bin der WHO-Regionaldirektor für Europa, der für die 53 europäischen Mitgliedstaaten verantwortlich ist, und China gehört nicht dazu. Ich war nicht in die Mission eingeweiht. Die Informationen, die ich habe, sind die gleichen, die wir alle von unserem Generaldirektor haben, nämlich dass alle Optionen auf dem Tisch liegen und untersucht werden sollten. Aber man sollte sich erinnern, dass es zu der Zeit, als es Untersuchungen zum Ursprung des MERS- oder des SARS-1-Virus gab, ein bis zweieinhalb Jahre dauerte, bis eine Verbindung zwischen dem Virus und dem Zwischenwirt hergestellt werden konnte. Es ist also normal, dass eine solche Untersuchung ein bisschen Zeit braucht.

Euronews:

Glauben Sie als WHO-Mitarbeiter, dass das schwer wird?

Hans Kluge:

Ehrlich gesagt ist das ebenfalls eine Frage für Dr. Tedros in Genf, weil ich für die 53 europäischen Mitgliedstaaten der WHO verantwortlich bin. China gehört nicht dazu. Es wäre nicht angebracht von mir einen Kommentar dazu abzugeben, da ich mich nicht mit China befasse. Aber Dr. Tedros hat einen Aufruf gestartet, um eine Expertengruppe zu bilden, die die zweite Phase der Untersuchungen vorantreiben soll. Wir sollten dieser Untersuchung ein wenig Zeit geben, um voranzukommen.

Sind genügend Menschen geimpft?

Euronews:

Kommen wir zum nächsten Thema, was der Ausweg aus dieser Pandemie zu sein scheint, die Impfungen in Europa. Sind die Zahlen der geimpften Menschen zufriedenstellend?

Hans Kluge:

Der Weg aus der Pandemie ist meiner Meinung nach dreiteilig. Ich nenne es den VIP-Ansatz. Das V steht für Varianten, wir müssen die Varianten sehr genau studieren, in diesem Fall die Delta-Variante, die gefährlich für Menschen ist, die nicht oder nicht ausreichend geimpft sind. Das I steht für Immunisierung, die muss größer werden. Die Antwort lautet also: Nein, es gibt noch nicht genug Geimpfte. Wir haben eine Abdeckung von 26 Prozent in der paneuropäischen Region. Und dann gibt es noch das P, es steht für die Menschen. Wir müssen die Menschen ermutigen, sich impfen zu lassen. Wir müssen aber auch weiterhin die öffentlichen Gesundheitsmaßnahmen einhalten, einschließlich des Tragens von Masken, wenn wir keinen Abstand von eineinhalb Metern einhalten können.

Euronews:

Wie stehen Sie zum Thema Pflichtimpfungen? Das ist gerade eine sehr heiße Debatte in Europa.

Hans Kluge:

Das ist eine sehr heiße Debatte. Die WHO unterstützt jede Maßnahme, um die Durchimpfungsrate zu erhöhen, solange das rechtlich und gesellschaftlich akzeptabel ist. Aber das sollte nicht der erste Ausweg sein, denn zuerst sollte man verstehen, was in den Köpfen der Menschen vorgeht, was ihre Wahrnehmungen sind. Und dann mit den Gruppen zusammenarbeiten, die zögern, sich impfen zu lassen. Es gibt viele Erfahrungen mit der WHO-Initiative für Verhaltenseinblicke (Behavioural Insights Service), um die Leute mit der Hilfe von Influencern zu überzeugen. Wir schauen, wer zögert und wir überlegen, wer diese Leute in einer Art Dialog beeinflussen kann.

Solidarität ist der einzige Ausweg

Euronews:

Was passiert im Rest der Welt, wie in Afrika oder in Asien. Gibt es Länder, die zurückbleiben, weil sie sich einen Impfstoff nicht leisten können?

Hans Kluge:

Auf jeden Fall. Es gibt ein großes Gefälle. Selbst in der europäischen Region gibt es zehn Länder mit weniger als 10 Prozent Abdeckung. Und Sie haben recht, wenn man sich einige afrikanische Länder anschaut, ist Solidarität der einzige Ausweg. Niemand ist sicher, bis alle sicher sind, weil die aggressive Delta-Variante die Grenzen überschreitet. Aber ich sehe viel mehr Solidarität, auch von Griechenland, das Impfstoffe für andere Länder spendet.

Gefährliche Varianten

Euronews:

Wie besorgt sind Sie über neue Varianten? Wird es neue und ansteckendere oder gefährlichere Varianten geben?

Hans Kluge:

Es wird sicher neue Varianten geben. Es hat bereits Hunderte Varianten gegeben, wir haben das von Anfang an überwacht. Aber oft sind sie nicht so schädlich. Die Delta- und die Delta-Plus-Variante müssen wir sehr genau überwachen. Aber was ist die Lösung? Je mehr Übertragung, desto mehr Varianten. Mit anderen Worten, wir müssen die Impfung ausweiten.

Psychische Gesundheit: Nicht erst ein Thema seit der Coronakrise

Euronews:

Kommen wir zu dem Thema, wegen dessen Sie in Athen sind, dem Gipfel für psychische Gesundheit. Sie haben die Ergebnisse einer Umfrage über die Auswirkungen von COVID-19 auf die psychische Gesundheit in ganz Europa vorgestellt. Was sind die wichtigsten Punkte?

Hans Kluge:

Der wichtigste Punkt ist, dass die psychische Gesundheit schon vor der Pandemie eine Herausforderung war. Sie ist die Hauptursache für Behinderungen. Einer von sechs Menschen in Vor-COVID-Zeiten hatte eine psychische Gesundheitsstörung. Die große Erkenntnis aus der Umfrage ist, dass jeder von uns verletzlich ist. Jeder, auch wenn er in einem Moment stark ist, kann eine psychische Gesundheitsstörung entwickeln, insbesondere Angstzustände, und Depressionen. Darauf wirft der Gipfel ein Schlaglicht. Ich bin Griechenland sehr dankbar, dem Ministerpräsidenten, dem Gesundheitsminister, Vasilis Kikilias, dass sie psychische Gesundheit zum Thema machen. Sie muss der Eckpfeiler unserer Gesellschaft, unserer Lebensweise sein. Psychische Gesundheit geht jeden etwas an.

Euronews:

Was sind die Ergebnisse der Umfrage? Was hat sie gezeigt?

Hans Kluge:

Wir müssen uns in erster Linie um die sogenannten Hochrisiko-Gruppen kümmern, zum Beispiel Kinder, Jugendliche. Sie haben sehr unter der Schulschließung gelitten. Die Schulen sind nicht nur ein Ort der Bildung, sie bieten auch einen gewissen sozialen Schutz, zum Beispiel gegen häusliche Gewalt, was nicht als große Priorität angesehen wird. Aber die Umfrage hat auch gezeigt, dass wir unseren Mitarbeitern im Gesundheits- und Sozialwesen viel mehr Aufmerksamkeit schenken müssen. Und ich möchte all den griechischen und europäischen Mitarbeitern im Gesundheitswesen meine Anerkennung aussprechen - sie waren und sind die Helden dieser Pandemie.

Euronews:

Sie haben gesagt, dass es unser Ziel sein sollte, einen neuen Weg für die Förderung und Pflege der psychischen Gesundheit zu beschreiten. Ist das inmitten der Einschränkungen durch die Pandemie möglich?

Hans Kluge:

Auf jeden Fall. Wir haben keine andere Wahl. Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Lösungen. Im Vorstand der WHO Europa hoffen wir, im September einen europäischen Aktionsplan verabschieden zu können.