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Autorin Nadia Ghulam: "Die Taliban wissen jetzt, wie man lügt"

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Von Anelise Borges
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Autorin Nadia Ghulam: "Die Taliban wissen jetzt, wie man lügt"
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Sie ist die Autorin des Buches "The Secret of my Turban". Darin beschreibt sie, wie sie in die Rolle ihres toten Brudes schlüpfte, um das Überleben der Familie unter der frauenfeindlichen Herrschaft der Taliban zu sichern. Euronews hat sie in Barcelona besucht und mit ihr über die aktuelle Lage in Afghanistan gesprochen.

Die Berichte über startende Maschinen am Flughafen von Kabul lindern den Schmerz von Nadia Ghulam. Tausende Kilometer entfernt, in Spanien, hält sie Kontakt zu ihrer Familie, deren Mitglieder nach und nach das Land verlassen. Aber:

Nadia Ghulam: "Mein Vater und meine Mutter haben es nicht geschafft. Mein Vater ist psychisch nicht gesund. Meine Mutter körperlich krank, aber sie kann laufen. Als ich meiner Mutter erklärte, wie sie ausreisen könnte, sagte sie mir, dass sie zurückbleiben wolle. Mir können sie nichts tun, sagte sie."

"Sie", das sind die Taliban. Nadia Ghulam kennt sie nur zu gut. Sie war elf als die Islamisten zuletzt die Macht übernommen hatten. Damals zerstörte eine Bombe ihr Elternhaus, ihre Bruder kam ums Leben, ihre Eltern blieben für immer gezeichnet.

Nadia trägt Entstellungen davon. Fortan musste sie für das Überleben der Familie sorgen.

Nadia Ghulam: "Sie sagten, Frauen dürften nicht arbeiten, studieren oder auch nur das Haus verlassen. Ich wusste mir keinen Rat. Mein Bruder war tot, mein Vater verrückt geworden. Also zog ich Männerkleidung an und wollte sie zuerst nur einen Tag lang tragen. Doch dann lebte ich zehn Jahre wie ein Mann, arbeitete wie ein Mann. Ich verlor meine Identität, einen Teil meiner Kindheit, meine Teenagerjahre."

Zwei Jahrzehnte später nun, heute, arbeitet Nadia Tag und Nacht daran, möglichst viele Menschen aus Afghanistan heraus und damit in Sicherheit zu bringen.

Die Beteuerungen der Taliban, vieles habe sich geändert? Nadia glaubt nicht daran.

Nadia Ghulam: "Ich denke, es hat sich eher verschlimmert. Sie wissen jetzt, wie man lügt. Früher waren sie so fanatisch, dass sie einfach alles in der Öffentlichkeit getan haben, ohne etwas zu verstecken. In diesem Moment fahren sie durch Kabul und suchen nach Familien, Frauen, nach Menschen, die mit der bishrigen Regierung zusammengearbeitet haben, mit internationalen Organisationen oder der Presse. All diese Leute werden nach und nach verschwinden."

Nadia zeigt uns den Tweet, den sie an den spanischen Ministerpräsidenten schrieb, um sechs weibliche Verwandte auf die Liste der zu rettenden zu setzen.

Nadia Ghulam: "Sechs Menschen konnte ich retten und ihnen zu einer besseren Zukunft verhelfen. Diese Mädchen werden studieren können, frei sein. Sie kommen stellvertretend für alle Frauen in Afghanistan. Wenn es ihnen nicht gut geht, geht es mir nicht gut. Ich versuche nun, für ihr Leben, für ihre Freiheit zu kämpfen. Ich kann nicht still sein. Ich kann sie nicht vergessen, denn ich kenne ihren Schmerz. Es ist auch meiner, und er lebt in meinen körperlichen und seelischen Narben. Ich werde das nie vergessen."