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Leichen russischer Soldaten verrotten in der Ukraine: Wohin mit den Toten?

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Von Alexandra Leistner
Leblose Körper in einem Militärfahrzeug im ukrainischen Butscha, nordwestlich von Kiew.
Leblose Körper in einem Militärfahrzeug im ukrainischen Butscha, nordwestlich von Kiew.   -   Copyright  Serhii Nuzhnenko/AP

Steigende Temperaturen in den umkämpften Kriegsgebieten in der Ukraine bringen ein neues, übelriechendes Problem zutage: Die leblosen Körper russischer Soldaten, hinterlassen von ihren Landsleuten.

In Mykolajiw rief der Gouverneur Vitaly Kim die Bevölkerung dazu auf, die Leichen der Russen zu beerdigen oder dem Militär zu melden. "Wir sind keine Monster", so Kim, der täglich auf seinem Telegram-Kanal über die Entwicklungen des Kriegs informiert.

Kämpfe in der südlichen Stadt Mykolajiw dauern seit Beginn der russischen Invasion am 24. Februar an.

Wir sind keine Monster.
Vitaly Kim
Gouverneur von Mykolajiw

In seinen Telegram-Videos nennt Vitaly Kim russische Soldaten "Orks" - eine Anspielung auf Tolkiens "Herr der Ringe" wo Orks die Diener der Mächte des Bösens sind - und informiert über die anhaltenden Kämpfe und Bombardierungen durch die russischen Soldaten in Mykolajiw.

Dem US-Sender CNN schickte Kim sogar Bilder der vielen Leichen mit dem Vermerk es lägen "hunderte" herum, "in der gesamten Region".

Zuvor hatte Kim dafür plädiert, die Leichen in Kühlhäuser zu bringen und per DNA-Test zu identifizieren. Doch ob Russland seine gefallenen Soldaten überhaupt zurücknimmt, ist bisher unklar.

Der Chef der ukrainischen Eisenbahn, Oleksandr Kamyshin, sagte in einer Telegram-Nachricht, die russischen Truppen hätten von den 20 von der Ukraine zur Verfügung gestellten Kühlwägen keinen Gebrauch gemacht. "Um der 'siegreichen' Propaganda willen sind sie bereit, den Müttern sogar die Möglichkeit zu nehmen, die Leichen zu begraben", so Kamyshin.

In dem von der ukrainischen Regierung eingerichteten Telegram-Kanal "Look for Your Own" sowie auf der dazugehörigen Webseite 200rf.com werden - laut ukrainischen Angaben - täglich Bilder und Videos von russischen Kriegsgefangenen oder Opfern geteilt, um Familien in Russland die Möglichkeit zu geben, ihre Angehörigen wiederzuerkennen und herauszufinden, ob sie noch am Leben sind.

"Das Problem mit den russischen Leichen ist wirklich riesig. Es sind Tausende von ihnen. Vor dem Krieg war das Wetter kalt, es war okay, aber jetzt haben wir Probleme ... Ich weiß wirklich nicht, was wir in den nächsten Wochen tun werden", sagte einer der Initiatoren von 200rf.com gegenüber dem US-Sender CNN.

Berichte über Opfer auf russischer Seite gibt es offiziell kaum, die Bevölkerung in Russland hat keinen Zugriff auf westliche Medien und soziale Medien wie Facebook, Instagram und Twitter sind blockiert.

Laut Schätzungen der NATO sind bei dem Kämpfen in der Ukraine zwischen 7.000 und 15.000 russische Soldaten ums Leben gekommen.

Serhii Nuzhnenko/AP
Ein Mann in Butscha schaut auf den leblosen Körper eines russischen Soldaten herab. 1. März 2022Serhii Nuzhnenko/AP
Sie werden den Müttern nicht sagen, dass ihre Kinder hier gestorben sind.
Wolodymyr Selenskyj
Präsident der Ukraine

Zahlen sowohl zu russischen als auch ukrainischen Opfern sind derzeit nicht unabhängig nachzuprüfen.

Hat Russland sein eigenes Krematorium mit in die Ukraine gebracht?

Wenn man nach den Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj geht, haben die russischen Truppen offenbar nicht den Befehl, ihre toten Kameraden in die Heimat zurückzubringen. 

Als Soldat zu wissen, dass hinter einem ein Ofen folgt, der einen verdampft wenn man getötet wird, sagt alles, was man über das russische Regime wissen muss.

Am 3. März sagte Selenskyj: "Die russischen Menschen, die hier sterben, niemand zählt sie, Menschen, die in diesem Krieg sterben. Wussten Sie, dass sie eine Einäscherungskammer mitgebracht haben? Sie werden die Leichen den Familien nicht zeigen. Sie werden den Müttern nicht sagen, dass ihre Kinder hier gestorben sind."

Wenige Tage zuvor hatte sich auch der britische Verteidigungsminister Ben Wallace besorgt gezeigt, dass Moskau die Zahl der Opfer auf russischer Seite mit Hilfe dieser mobilen Krematorien manipulieren könnte. "Als Soldat zu wissen, dass hinter einem ein Ofen folgt, der einen verdampft wenn man getötet wird, sagt alles, was man über das russische Regime wissen muss“, sagte Wallace britischen Medien.

Russische Mütter schlagen Alarm

Mitte März hatten Mütter von russischen Soldaten des "Komitee der Soldatenmütter Russlands" um mehr Informationen zu Kriegsgefangenen in der Ukraine gebeten. 

Die Stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung, Antonina Aksenowa, sagte gegenüber Euronews, dass weder Militär noch Politik oder Friedensorganisationen Informationen zu Verwundeten oder zu in Gefangenschaft geratenen Soldaten herausgebe.

Sie erinnerte an den Tschetschenienkrieg, deren Opfer auf russischer Seite teilweise erst 10 Jahre später per DNA-Analyse identifiziert wurden. "Und ich will wirklich nicht, dass es jetzt genauso sein wird, dass die Mütter in den Schützengräben herumkriechen und ihre Söhne suchen, das will ich wirklich nicht!".

Evgeniy Maloletka/AP
Ein Massengrab am Stadtrand von Mariupol: Wegen des andauernden Beschusses können hier auch ukrainische Opfer nicht mehr einzeln beerdigt werden.Evgeniy Maloletka/AP

Das ukrainische Verteidigungsministerium wollte Kriegsgefangene ihren Müttern zu übergeben, wenn diese ihre Söhne in Kiew abholten. Aus der Ukraine wurde über den Start einer speziellen Website und die Eröffnung einer Hotline für Informationen über die Soldaten berichtet. Von russischer Seite gab es keine Bestätigung darüber, ob dieses Projekt einen humanitären Zweck verfolgt.

Moskau hingegen beschuldigte die ukrainischen Streitkräfte der unmenschlichen Behandlung von Gefangenen. Das Verteidigungsministerium sprach von Folter und Misshandlung, doch eine Bestätigung dieser Informationen durch Dritte gibt es nicht. Auch zu einem möglichen Gefangenenaustausch gibt es keine offiziellen Informationen.

Efrem Lukatsky/AP
Gefangene russische Soldaten beantworten Fragen der Medien bei einer Pressekonferenz in der Nachrichtenagentur Interfax in Kiew, Ukraine, Samstag, 5. März 2022.Efrem Lukatsky/AP