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Inflation, hohe Preise, Energieknappheit: EU-Wirtschaftskommissar Gentiloni bezieht Stellung

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Von Maria Psara
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Inflation, hohe Preise, Energieknappheit: EU-Wirtschaftskommissar Gentiloni bezieht Stellung
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euronews: Der Krieg in der Ukraine, steigende Energiepreise und Inflationshöchstwerte. Der Wirtschaftsausblick für Europa ist mehr als düster, die Lebenshaltungskosten für die Bevölkerung in Europa schießen in die Höhe. Wie will die EU diese Herausforderungen angehen? Darüber spreche ich mit meinem Gast, dem EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni.

Herr Kommissar, die Europäische Kommission hat gerade die Wirtschaftsvorhersage überarbeitet. Es sieht so aus, als habe Europa das Schlimmste noch vor sich.

Ich werde mich nicht an so etwas wie Katastrophenprophezeiungen beteiligen.
Paolo Gentiloni
EU-Wirtschaftskommissar

Paolo Gentiloni: Wir befinden uns in der Tat in schwerem Fahrwasser. Der 24. Februar war natürlich ein Wandel, der Auslöser eines grundlegenden Wandels - nicht nur für die Geopolitik, sondern auch für den Frieden, für die Opfer, in Bezug auf das Leid in der Ukraine. Aber es war auch der Auslöser eines grundlegenden Wandels, was unsere Wirtschaft betrifft. Ich meine, dass wir immer noch leichtes Wachstum haben, also werde ich mich nicht an so etwas wie Katastrophenprophezeiungen beteiligen. Wir schätzen derzeit, dass wir in diesem Jahr ein Wachstum von 2,7 Prozent haben werden, das im nächsten Jahr auf 1,5 Prozent sinken wird.

euronews: Mit welchen grundlegenden Szenarien arbeiten Sie?

Gentiloni: Wir arbeiten mit einem Szenario, in dem die Inflation in den nächsten Wochen wohl ihren Höhepunkt erreicht. Wir schätzen, dass die Inflation ihren Höhepunkt im dritten Quartal dieses Jahres erreichen wird, um dann im letzten Quartal des Jahres leicht zurückzugehen. Der Wert für dieses Jahr ist 7,6 Prozent und 4 Prozent für das kommende Jahr. Das ist natürlich das grundlegende Szenario. Dieses fußt auf der Annahme, dass die Energieversorgung mehr oder weniger so bleibt, wie sie ist. Sollten wir es mit einem vollständigen Abbruch der Erdgaszufuhr aus Russland zu tun bekommen, werden wir in eine ungünstigere Wirklichkeit eintreten.

Vorbereitungen für den Winter

euronews: Was tun Sie, um diese Szenarien abzumildern - vor allem das schlimmste?

Gentiloni: Wie immer müssen wir für das Schlimmste vorbereitet sein. Drei Dinge sind jetzt sehr wichtig: Erstens, den Winter mit Hilfe von Einlagerungen vorzubereiten. Wir haben einen guten Speicherstand von mehr als 60 Prozent, der Stand ist höher als 2021. Zweitens: Sich breit aufstellen. Das bedeutet, die Bedeutung von russischem Öl und Gas zu verringern. Diese müssen durch andere Quellen ersetzt werden. Der dritte Punkt ist: Wir müssen die Auswirkungen der Energiepreise und der hohen Inflation abfedern, vor allem für besonders verwundbare Haushalte. Ich würde noch einen vierten Punkt ergänzen wollen, weiß aber, wie schwer es ist: Nämlich die gemeinschaftliche Anstrengung bei der Beschaffung anderer Versorgung. Wenn gemeinsam gehandelt wird, wäre die Europäische Union gegenüber Geschäftspartnern im Gas- und Energiemarkt stärker. Aber mir ist klar, dass unterschiedliche Länder und Unternehmen langfristige Verträge haben. Das ist nicht einfach.

euronews: Die Kommission wird bald ihre Notfallpläne für die Energiekrise vorlegen, aber die Vorschläge für Stromrechnungen sollen erst im Herbst kommen. Ist das nicht zu spät?

Gentiloni: Wir werden es weiterhin mit hohen Preisen zu tun haben. Wir fordern die Mitgliedsstaaten auf, die Antwort so schnell wie möglich vorliegen zu haben, zeitlich begrenzt und genau auf das Ziel abgestimmt. Das bedeutet, dass das genau auf die Haushalte zugeschnitten ist, die größere Schwierigkeiten haben, ihre Rechnungen für Gas, Heizung und Strom zu begleichen. Das sind Familien mit geringem Einkommen. Gleichzeitig fordern wir zeitlich begrenzte Maßnahmen. Denn wenn wir dauerhafte Maßnahmen vorlegen, um Brennstoffe und traditionelle Energiequellen zu fördern, halsen wir nicht nur den Staatshaushalten eine Bürde auf, sondern laufen Gefahr, unseren eigenen Übergang in Klimadingen zu unterwandern.

Ich glaube nicht, dass Europa für die Sanktionen einen hohen Preis zahlt. Europa zahlt einen hohen Preis für Russlands Einmarsch.
Paolo Gentiloni
EU-Wirtschaftskommissar

euronews: Europa zahlt für die Sanktionen gegen Russland einen hohen Preis. Herr Kommissar, waren die Sanktionen gut überdacht, bevor sie eingesetzt wurden?

Gentiloni: Ich glaube nicht, dass Europa für die Sanktionen einen hohen Preis zahlt. Europa zahlt einen hohen Preis für Russlands Einmarsch. Wie antwortet man auf den russischen Einmarsch? Man kann militärisch antworten. Das wäre eine verrückte Entscheidung gewesen, die die Gefahr der Ausbreitung des Krieges hervorgebracht hätte. Oder man antwortet wirtschaftlich. Die wirtschaftliche Antwort war beeindruckend gemeinschaftlich. Das bereitet der russischen Wirtschaft riesige Schwierigkeiten und hilft der Ukraine im Großen und Ganzen durchzuhalten. Der ukrainische Widerstand ist in unser aller Interesse.

Wie kann man den Euro stärken?

euronews: Vor ein paar Tagen fiel der Euro erstmals nach 20 Jahren auf denselben Stand wie der Dollar. Machen Sie sich da Sorgen und was sollte getan werden, um den Euro zu stärken?

Gentiloni: Ich erachte diesen Euro-gegen-Dollar-Zusammenhang nicht als Beweis für die Schwäche des Euro. Es ist ein Beweis für die Stärke des Dollar. Wenn wir das Verhältnis zwischen dem Euro und dem britischen Pfund oder zwischen dem Euro und dem japanischen Yen betrachten, erkennt man, dass der Euro gegenüber diesen Währungen stärker als zuvor ist. Warum gewinnt der Dollar an Stärke? Das ist eine unweigerliche Entwicklung, wenn die Wirtschaftskraft abnimmt. Gleichzeitig glaube ich, dass das ein großes Problem werden könnte, vor allem für Länder, die in der Entwicklung begriffen sind oder niedrige Einkommen haben. Denn wenn diese ihre Zugangsweise anpassen, wird der Markt immer schwieriger. Ich sehe die Schwierigkeit nicht so sehr auf Seiten der Europäischen Union, sondern eher auf Seiten der aufkommenden Wirtschaftsnationen und bei den Ländern mit niedrigen Einkommen.