8 Milliarden Weltbevölkerung: Wie sieht die Welt in Zukunft aus?

8 Milliarden Weltbevölkerung: Wie sieht die Welt in Zukunft aus?
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Von Isabel Marques da SilvaSabine Sans
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Die UNFPA-Exekutivdirektorin Natalia Kanem und die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission für Demokratie und Demografie Dubravka Suica helfen uns, die Welt mit 8 Milliarden Menschen besser zu verstehen.

Unsere Welt wird von 8 Milliarden Menschen bewohnt. Damit verbunden sind enorme Chancen, aber auch erhebliche Herausforderungen. Darüber sprachen wir mit der Exekutivdirektorin des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, Natalia Kanem, und der Vizepräsidentin der Europäischen Kommission für Demokratie und Demografie, Dubravka Suica. Diese Global-Conversation-Folge entstand bei einer Veranstaltung der Brüsseler Denkfabrik friends of europe.

Euronews-Reporterin Isabel da Silva: Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen hat gerade den Bericht über den Stand der Weltbevölkerung veröffentlicht. Indien hat China als das bevölkerungsreichste Land abgelöst. Es wird weiterhin sehr schnell wachsen. Frau Exekutivdirektorin, welche anderen Ergebnisse möchten Sie hervorheben? 

Natalia Kanem, Exekutivdirektorin des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen: Es gibt zwei Dinge, die ich hervorheben möchte. Erstens: Die Weltbevölkerung ist dabei, sich neu zu ordnen. Wir leben in einer Zeit, in der es so viele Unterschiede gibt. Einige Länder haben ein Durchschnittsalter von 50, andere eines von 15 Jahren. Überall scheinen die Alarmglocken zu schrillen: Die Weltbevölkerung ist zu groß, zu klein. Frauen werden ihre eigenen Entscheidungen treffen, und sie sollten selbst entscheiden können, ob sie Kinder haben wollen oder nicht. 

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friends-of-europe-Veranstaltung zu jüngsten Weltbevölkerungsberichteuronews

Euronews: Frau Vizepräsidentin, die Europäische Union macht nur 6 % der Weltbevölkerung aus und sieht sich mit einer rückläufigen Tendenz konfrontiert, was enorme Auswirkungen auf die Finanzierung der Sozial- und Rentensysteme haben wird. Welche Lösungen gibt es dafür, dass die französische Bevölkerung so wütend auf Reformen in diesen Bereichen reagiert? 

Dubravka Šuica, Vizepräsidentin der Europäischen Kommission für Demokratie und Demografie: Es gibt verschiedene Wege, eine Lösung zu finden. Der erste ist, dass wir unsere Kohäsionspolitik so gut wie möglich nutzen, um ein Umfeld zu schaffen, in dem Familien gedeihen. Zweitens geht es um künstliche Intelligenz und Robotik, die sehr wichtig sind und manchmal den Menschen ersetzen können. Aber ich behaupte nicht, dass das die einzige Lösung ist. Und der dritte Punkt ist die Steuerung der legalen Migration.

Euronews: Wie kann man Migranten integrieren, sodass es für sie selbst und für unsere Gesellschaften positiv ist? 

Dubravka Šuica: Solidarität ist von größter Bedeutung, wir müssen sie fördern. Europa basiert auf Solidarität. Wir müssen mehr dafür tun, Migranten darauf vorzubereiten, sich besser zu integrieren, wenn sie ankommen, sei es durch das Erlernen von Sprachen oder verschiedenen Fähigkeiten. Umschulung, Höherqualifizierung. Sie wissen, dass dieses Jahr das Europäische Jahr der Kompetenzen ist, und aufgrund der beiden Umbrüche, des digitalen Wandels und der grünen Wirtschaft, gibt es neue Arbeitsplätze, und es ist sehr wichtig, dass wir qualifizierte Menschen für neue Arbeitsplätze, für neue grüne Arbeitsplätze haben. Das sollte man tun, bevor sie in unsere Mitgliedsstaaten kommen. 

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Interessierte Zuschauer bei der Vorstellung des Weltbevölkerungsberichtseuronews

Euronews: Wie kann man diese Angst vor der Tatsache erklären, dass wir jetzt 8 Milliarden sind?

Natalia Kanem: Die derzeitige Bevölkerungsdynamik ist eine Welt in großer Bewegung. Schaut man sich die Dynamik an, die diese Bewegung hervorruft, sieht man, dass es eine Achse von Konflikten gibt und dass die Menschen das Gefühl haben, in einem unsicheren Mikrokosmos zu leben. Das Klima ist ein weiterer Grund für Menschen, ihre Heimat zu verlassen und anderswo ein besseres Leben zu suchen. Wir müssen also den Klimawandel angehen und dabei auch den Frieden in den Mittelpunkt stellen. Zum anderen ist es das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass die Unterschiede so weit auseinander gehen. Tatsächlich leben zwei Drittel von uns an Orten, an denen die Bevölkerung bis 2050 abnehmen wird. Aber immer noch ein Drittel der Menschen lebt an Orten, an denen die Bevölkerung sehr schnell wächst. Es gibt viele Frauen in Entwicklungsländern, die keinen Zugang zu Verhütungsmitteln haben. 

Euronews: Europäische Frauen stehen vor anderen Herausforderungen, es gibt immer noch eine Diskriminierung, was den Zugang zum Arbeitsmarkt und die Löhne angeht. Außerdem stellen sie, ich würde sagen, 90 % der Arbeitskräfte im Gesundheits- und Sozialwesen. Wenn wir über die Stärkung der Rolle der Frau und die Achtung ihrer Rechte sprechen, was fehlt dann noch? 

Dubravka Šuica: Die Geschlechterfrage ist ein großes Thema in der Europäischen Union, wir müssen uns damit befassen. Acht Millionen Europäerinnen arbeiten überhaupt nicht, obwohl sie ausgebildet sind, obwohl sie ihren Lebenslauf haben. Aber sie können nicht arbeiten, weil sie sich weder einen Kindergarten noch eine Pflegerin leisten können, weder für ihre Eltern noch für ihre Kinder. Es fehlen uns also deswegen 8 Millionen europäische Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Wir müssen uns um die Infrastruktur kümmern, wir müssen uns um den Beruf der Erzieherin kümmern, der besser respektiert, besser bezahlt werden sollte. Dieser Beruf ist unterbewertet, darum müssen wir uns kümmern. 

Euronews: Auch andere Gruppen werden übersehen: Menschen mit Behinderungen und Menschen mit anderen Problemen. Ältere Menschen, die noch arbeiten wollen. Für sie ist es schwer, einen Arbeitsplatz zu finden oder einen Beitrag zu leisten. Muss es ein Umdenken geben? 

Natalia Kanem: Ganz genau. Und das ist der Punkt mit den 8 Milliarden und den unendlichen Möglichkeiten. Wenn wir die richtigen Fragen stellen, führt unsere Vorstellungskraft uns zu machbaren Lösungen. Und die Wünsche der Menschen, das, was sie wollen, in den Mittelpunkt zu stellen, muss Teil dieser Gleichung sein. Wir leben in einer Zeit des großen technologischen Wandels. Es ist eine Zeit der großen Möglichkeiten, neue Methoden zu nutzen, die wir erfinden müssen. Wie Sie schon sagten: Wie kann ein älterer Mensch, der einen aktiven Beitrag leisten kann, in eine Lage kommen, die seinen Talenten und Fähigkeiten entspricht? Vor allem aber ist es wirklich wichtig, den Wunsch der jungen Generation zu berücksichtigen, den Planeten an die erste Stelle zu setzen und alle Punkte der Ziele für nachhaltige Entwicklung, den Planeten und die Zukunft zu verbinden. Das bedeutet, dass wir intelligenter planen und bessere Fragen stellen müssen.

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Natalia Kanem und Dubravka Šuica im Interview mit Euronews-Reporterin Isabel da Silva (re.)euronews

Euronews: Meine abschließende Frage lautet: Wird diese Vision auch eine Lösung für die sozial und wirtschaftlich schwachen Regionen in Europa sein? Es gibt eine Menge Dynamik in den städtischen Gebieten, aber viele ländliche Gebiete in vielen Ländern der Europäischen Union sind in vielerlei Hinsicht sehr abgehängt. 

Dubravka Šuica: Das ist etwas, was unsere Kommissions-Präsidentin von der Leyen in den Verträgen haben wollte: Die Solidarität zwischen den Generationen, weil wir sie für wichtig halten. Ohne sie wird unsere Gesellschaft nicht fair, sie wird nicht gleich sein. Wenn wir über Land versus Stadt sprechen, ist das ein großes Thema. 80 % der Fläche Europas sind ländliche Gebiete, aber nur ein Drittel unserer Bevölkerung lebt dort, was bedeutet, dass es in den Dörfern auf dem Lande, in den ländlichen Gebieten ein riesiges Potenzial gibt. Man versucht, zu investieren und ländliche Gebiete mit 5G, mit Breitband und Internet zu versorgen. Ohne Breitband-Internet kann man sich zukünftige Arbeitsplätze nicht vorstellen. Und das ist der Grund, warum digitale Fähigkeiten heutzutage sehr wichtig sind. Deshalb fördern wir das lebenslange Lernen, damit ältere Menschen mit den neuen Technologien und dem neuen Lebensstil zurechtkommen.

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