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Ostsee-Insel Hiiumaa: Bundeswehr-Verband warnt vor NATO-"Schwachstelle"

Estland habe eine verwundbare Insel im Falle eines russischen Angriffs, so der Deutsche BundeswehrVerband.
Estland habe eine verwundbare Insel im Falle eines russischen Angriffs, so der Deutsche BundeswehrVerband. Copyright  Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved
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Von Franziska Müller
Zuerst veröffentlicht am
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Die estnische Insel Hiiumaa gilt als friedlich – doch deutsche Militärstrategen sehen in ihr einen "verwundbaren Schlüsselpunkt". Bei einer Besetzung könnte Russland den Zugang zur Ostsee kontrollieren und NATO-Partner abschneiden.

Während Europa und die USA um die Zukunft Grönlands ringen, mahnt der Deutsche Bundeswehr-Verband (DBwV), die "Schwachstelle der NATO" sei eine andere Ostseeinsel.

Von der estnischen Insel Hiiumaa wird im öffentlichen Raum bisher wenig gesprochen: rund 10.000 Einwohner, zu 60 Prozent bewaldet. Im Sommer macht sie ihren Umsatz vor allem mit Tourismus, der örtliche Bürgermeister beschreibt die Insel als "friedlich" und "sicher".

Hiiumaa liegt nordwestlich von Estland und ist die zweitgrößte Insel des Landes. Sie kann strategisch als eine Art Einfahrtstor von der Ostsee in den Finnischen Meerbusen verstanden werden. Die Gewässer des Seitenarms werden mitunter von Russland kontrolliert.

"Müssen die Russen im Angriffsfall erst mal kommen lassen"

"Im Angriffsfall müssen wir die Russen erst mal kommen lassen", wird Major Tamel Kapper im Bericht des DBwV zitiert. "Aber sobald sie hier sind, schlagen wir zurück – mit aller Härte". Kapper leitet eine Basis der estnischen Streitkräfte in der Inselhauptstadt Kärdla. Doch diese Soldaten wären zunächst auf sich allein gestellt, so der Bericht.

Vom Festland des nördlichsten baltischen Staates fahre man eineinhalb Stunden zum Eiland in der Ostsee, warnt der DBwV weiter. Deshalb sei die Insel Hiiumaa nach Verbandsangaben ein "verwundbarer Schlüsselpunkt".

Experten befürchten, dass russische Einheiten im Fall eines Angriffs auf die NATO als Überraschungstaktik auf Hiiumaa landen könnten. Die Russen könnten dann Radar- und Luftabwehrsysteme auf der Insel installieren, wie sie sich derzeit im westlichen Militärbezirk Russlands und in Kaliningrad befinden.

Bei einer Besetzung Hiiumaas wäre darüber hinaus der Weg durch die Ostsee zu den NATO-Partnern für Balten und Finnen versperrt und auch der Luftraum vom Gegner beherrscht, erklärt der DBwV-Bericht weiter. Eine Anfrage von Euronews blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Ähnlich wie Gewerkschaften vertritt der Deutsche BundeswehrVerband die beruflichen und sozialen Interessen von Soldaten. Ein Ruf nach mehr Verteidigung liege demnach im Urgestein des Interessenverbandes, erklärt Militärexperte Ralph Thiele, Oberst a.D. und Vorsitzender der Politisch-Militärischen Gesellschaft in Berlin. Den "lauten Schrei" einer Verteidigungslücke teile der Militärexperte nicht.

Ein Sprecher des estnischen Verteidigungsministeriums teilte auf Anfrage von Euronews ebenso mit, dass die Lage in Hiiumaa derzeit ruhig sei. Hiiumaa sei nach Ministeriumsangaben nicht nur durch Estland, sondern auch durch die kollektive Verteidigung der NATO geschützt. "Wir wissen, dass unsere Verbündeten hinter uns stehen", so der Sprecher zu Euronews.

Militärexperte: Inseln als "Verteidigungsgeschenk" begreifen

Für Thiele stelle die Insel dennoch "einen Punkt, auf den man achten muss", dar. Denn eine Insel "ist ein nicht sinkbarer, riesiger Flugzeugträger, von dem man alles erkunden, erfahren kann, warnen kann", erklärt der Oberst a.D.. Selbst wenn Raketen auf Europa zufliegen würden, könne man viel früher warnen.

Flugzeugträger können sinken, Inseln nicht.
Ralph Thiele
Oberst a.D. und Vorsitzender der Politisch-Militärischen Gesellschaft Berlin

Militärisch gesehen sei eine Insel "ein schönes Verteidigungsgeschenk, mit dem man mit entsprechender Ausrüstung Gegnern das Voranschreiten verwehren kann", so Thiele. Mit Sensoren und Radars zur Aufklärung ausgestattet, Drohnen und Raketen zur Abschreckung und im Notfall für Angriffe sei eine Insel von großem Nutzen, ein vorgelagerter Stützpunkt.

Die Devise könnte laut Thiele in diesem Fall lauten: "Je besser wir die Insel verteidigen, umso mehr haben wir davon, umso weniger müssen wir sie mit viel großem Aufwand zurückerobern." Dahinter steht das Konzept A2AD: Anti-Access/Area-Denial, übersetzt Anti-Zugang/Gebietsverweigerung.

Bereits vor einem möglichen Zugriff soll jeder Zugang für einen militärischen Gegner und somit auch jede Bewegung im entsprechenden Gebiet verhindert werden.

Von einer vorgelagerten Insel aus könnten in diesem Fall insbesondere Langstreckenraketen, fortschrittliche Luftverteidigungssysteme und Cyber-Kriegsführung zum Einsatz kommen. Die Strategie wird häufig von schwächeren Gegnern genutzt, um überlegene Kräfte abzuschrecken. Der Einsatz findet bei A2AD laut Thiele auf breiter Ebene "in der Luft, im Cyberraum, im Seeraum, auf dem Land" statt.

Bürgermeister: "in jeder Hinsicht geschützt und bereit"

Inwiefern der Stützpunkt auf der Insel Hiiumaa ausgestattet ist, kann das Verteidigungsministerium aus strategischen Gründen nicht genauer beantworten. Zur derzeitigen Lage sagte Hergo Tasuja, Bürgermeister der Insel, man sei "in jeder Hinsicht geschützt und bereit". Verbündete und eigene Streitkräfte seien regelmäßig auf der Insel und würden gemeinsam üben.

Die Insel Hiiumaa liegt vorgelagert an der estnischen Küste und kann als Einfahrtstor zum Finnischen Meerbusen verstanden werden, das teilweise auch russisch kontrolliert wird
Die Insel Hiiumaa liegt vorgelagert an der estnischen Küste und kann als Einfahrtstor zum Finnischen Meerbusen verstanden werden, das teilweise auch russisch kontrolliert wird Foto von Tanel A. Lind auf Unsplash

Tasuja glaube nicht, dass Kämpfe auf der Insel ausgetragen werden sollten. Es sei jedoch wichtig, die Kontrolle über die Insel zu behalten. "Wir wissen, dass wir eine Zeit lang bereit sein müssen, die Situation selbst zu bewältigen, aber wir haben Verbündete, auf die wir zählen können." Als Bürgermeister hat er keine Entscheidungsgewalt über die Streitkräfte, doch über die strategische Relevanz von Hiiumaa sind sich Verteidigungsministerium und Stadtoberhaupt einig.

"Diese Insel macht einfach, wenn man da gut positioniert ist, in einem größeren Bereich für die Russen das Bewegen schwierig, eng", erklärt Thiele. "Jetzt müssen sie im Frieden diese Mischung finden, dass sie genug stationieren - sodass sie, wenn etwas Überraschendes passiert, auch reagieren können." Man könne beispielsweise bereits Lager anlegen. Nach Angaben estnischer Vertreter sind Vorbereitungsmaßnahmen längst abgeschlossen, Verteidigungsmaßnahmen werden regelmäßig geübt.

Betrachtet man das Gesamtgebiet der Ostsee, wird außerdem schnell klar, dass die NATO einen großen Teil kontrollieren kann. "Es ist nicht so, dass wir da Land unter haben", betont Militärexperte Thiele. Er beschreibt das Meer als "eine Art Badewanne". Die NATO besetze "den Ausgang in die Nordsee und in den Atlantik" und Russland habe nicht viel Bewegungsfreiheit.

Russland dringt wiederholt in estnisches Gebiet ein

Trotzdem hat Russland in den vergangenen Monaten immer wieder Grenzen neu ausgetestet. Russische Kampfflugzeuge haben im vergangenen Jahr bereits viermal den Luftraum des kleinen Landes im Norden Europas verletzt. Im September 2025 drangen drei MIG-31-Kampfflugzeuge illegal in den Luftraum nahe der Insel Vaindloo in der Ostsee ein und blieben dort insgesamt zwölf Minuten lang, berichtete das estnische Militär in Tallinn.

Estland, Lettland und Litauen verfügen über keine eigenen Kampfflugzeuge. Daher sichern NATO-Verbündete abwechselnd den baltischen Luftraum. Im Dezember haben nach Angaben des estnischen Außenministeriums russische Grenzschützer illegal estnisches Gebiet betreten.

Bis Ende 2027 sollen rund 600 solcher Bunker an der Baltischen Verteidigungslinie in Estland stehen.
Bis Ende 2027 sollen rund 600 solcher Bunker an der Baltischen Verteidigungslinie in Estland stehen. Hendrik Tali / ECDI

Im Dezember hat Estland an seiner Grenze zu Russland mit dem Bau von rund 600 Bunkern begonnen. Als Teil einer gemeinsamen baltischen Verteidigungslinie sollen Schutzräume entstehen, die auch Artilleriegeschossen standhalten. Ziel dieser Verteidigungslinie ist es, schnell und effektiv auf einen potenziellen militärischen Angriff reagieren zu können und den Angreife bereits auf den ersten Metern aufzuhalten.

Sowohl in Lettland, als auch in Litauen und Estland gilt darüber hinaus die Wehrpflicht. Das sorgt insbesondere dafür, dass das gesamte Baltikum auf eine große Zahl Reservisten zurückgreifen kann. Permanente Unterstützung im Baltikum bringt ab voraussichtlich Mitte 2026 außerdem die Litauen-Brigade, die auch von rund 5.000 deutschen Soldaten verstärkt wird.

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