Europa verliert an Macht, Vertrauen und Einfluss. In einem Gastbeitrag für Euronews erklärt Caroline Kanter, Leiterin der internationalen Abteilung der Konrad-Adenauer-Stiftung, warum Pragmatismus, wirtschaftliche Stärke und neue Partnerschaften über seine globale Rolle entscheiden werden.
"Die Gefahr, in der die europäischen Völker schweben, wird klar, wenn man die Verteilung der Macht auf der Erde prüft und dabei feststellen muss, mit welcher Schnelligkeit der Verlust der europäischen Länder an der Macht schon fortgeschritten ist."
Inhaltlich passt das Zitat perfekt ins Jahr 2026. Allein der Stil deutet darauf hin, dass die Worte älter sind: Sie stammen von Konrad Adenauer, der vor wenigen Wochen 150 Jahre alt geworden wäre.
Gesprochen hat er sie 1967, zwei Monate vor seinem Tod, in Madrid.
Europa befindet sich heute in einer mindestens so herausfordernden Lage wie damals. Das bestreitet kaum jemand. Weniger Einigkeit besteht darüber, was nun zu tun ist.
Die Einsicht in die folgenden fünf Tatsachen wäre ein guter Anfang.
Die Transatlantische Partnerschaft kostet Nerven und Energie, aber wir haben keine bessere Alternative
Wir brauchen uns nichts vorzumachen: Diese Partnerschaft ist nicht mehr die alte, und sie wird es auch nie mehr sein. Enttäuschung und Frustration aber sollten keine entscheidenden Kategorien in der Außenpolitik sein.
Aktionismus und Kurzsichtigkeit sind keine klugen Ratgeber: Wenn wir uns heute von den USA lossagen, schaden wir uns kurzfristig und kappen möglicherweise Kanäle, auf die wir zukünftig aufbauen können.
Statt Energie darauf zu verwenden, uns über die – tatsächlich teils sehr problematischen – Äußerungen und Handlungen zu ereifern, die von der anderen Seite des Atlantiks kommen, sollten wir diese Energie zum einen in aktives selbstbewusstes europäisches Handeln umwandeln, zum anderen Angebote identifizieren, die für beide Seiten von Interesse sind.
Wir brauchen neue Partner – Wertepartner allein reichen allerdings nicht aus
Transatlantik bleibt wichtig, aber wir sollten den Blick weiten. Das fängt damit an, hier auch an Länder wie Kanada und Mexiko zu denken, letztlich aber an die gesamte Region Lateinamerika, zu der wir eine große Nähe mit Blick auf Interessen und Werte haben.
Wir dürfen allerdings nicht bei den Ländern stehen bleiben, die wir gern als "like-minded" bezeichnen. Das ist ein kleiner und zuletzt auch eher schrumpfender Club.
Vielmehr sollten wir auch ausloten, welche Länder zwar nicht unsere liberal-demokratischen Vorstellungen, aber bestimmte Interessen mit uns teilen: sei es bei der wirtschaftlichen Diversifizierung oder unserer Rohstoffversorgung, sei es bei der Bewahrung einer regelbasierten internationalen Ordnung.
Auch solche Staaten – etwa die Mongolei, Kenia oder die Golfstaaten - können in bestimmten Bereichen Partner sein. Umso bedauernswerter ist es umgekehrt, dass wir als EU über Jahrzehnte nicht einmal ein Assoziierungsabkommen mit einer uns so nahestehenden Staatengruppe wie dem Mercosur realisiert haben.
Und dann ist es auch kein Wunder, wenn beispielsweise in den ASEAN-Staaten zwar viele Menschen die EU als Wunschpartner sehen, aber dennoch skeptisch sind, weil sie denken, dass Europa politisch zu sehr mit sich selbst beschäftigt und deshalb nicht in der Lage ist, eine Führungsrolle tatsächlich anzunehmen.
Weltpolitik-Fähigkeit setzt Wettbewerbsfähigkeit voraus
Europa muss dringend seine Verteidigungsfähigkeit erhöhen. Eine militärische Supermacht aber werden wir absehbar nicht sein.
Unsere größte Stärke bleibt neben einem attraktiven Gesellschaftsmodell unsere wirtschaftliche Power.
Die aber ist ins Bröckeln geraten: 2007, im Jahr vor der Finanzkrise, hatten die USA und die EU mit je 25 Prozent nominell gleichen Anteil an der Weltwirtschaftsleistung, China lag bei 6 Prozent. 2025 hatte China dann 17, die EU 18 und die USA 26 Prozent. Wir verlieren dramatisch an Boden. Viele Probleme sind hausgemacht.
Der Draghi-Report machte vor zwei Jahren eine Investitionslücke von 750 bis 800 Milliarden Euro aus – pro Jahr!
Mit häufig guten Absichten haben wir auch auf europäischer Ebene zudem unserer Wirtschaft immer mehr bürokratische Fesseln angelegt. Diesen Trend umzukehren, sollte eine politische Priorität sein.
Wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit ist nicht alles, aber ohne sie werden wir derart an Bedeutung, Gestaltungskraft und Glaubwürdigkeit auf der Weltbühne verlieren, dass wir all die anderen richtigen Werte und Ziele, die wir verfolgen, immer weniger werden durchsetzen können.
Europa braucht Realismus, nicht den großen Wurf
Realismus bedeutet nicht Ambitionslosigkeit. Die EU-Erweiterung beispielsweise sollten wir mit neuem Schwung verfolgen.
Die Länder des Westlichen Balkans sitzen seit über zwei Jahrzehnten im Wartesaal. Ihre Aufnahme in die Europäische Union müssen wir heute viel stärker vor dem Hintergrund geopolitischer Rivalitäten und der Notwendigkeit betrachten, Europas politisches Gewicht zu erhöhen.
Es geht nicht darum, die Beitrittskriterien zu relativieren. Wir sollten uns jedoch auch vor Augen führen, was die politischen Kosten wären, wenn wir diesen Ländern keine realistische Beitrittsperspektive bieten und sie sich geopolitischen Rivalen der EU annähern. Aber auch der innere Zustand Europas bereitet Sorge: Uneinigkeit in den europäischen Institutionen, und in immer mehr Mitgliedstaaten wie auch dem Europäischen Parlament gewinnen populistische, euroskeptische Kräfte Einfluss.
Die Antwort darauf kann nicht in hilflosen Beschwörungen europäischer Einigkeit oder dem Ruf nach dem großen institutionellen Wurf, nach der großen Reform der EU liegen. All das wird kurzfristig nicht kommen.
Die Wurzel vieler Übel ist die Erosion der politischen Mitte in zahlreichen Mitgliedstaaten. Hier müssen wir ansetzen. Die Populisten profitieren davon, dass die gemäßigten Parteien reale Bedürfnisse der Wählerschaft über zu lange Zeit nicht ausreichend adressiert haben.
Dieser Realität ins Auge zu sehen und hier das Ruder herumzureißen, ist das wirksamste Mittel, um die politische Krise Europas zu bekämpfen.
Interessen und Pragmatismus sind keine Schimpfwörter
Schließlich braucht es den Willen, die eigenen Interessen in der Welt entschlossen und kohärent zu vertreten.
Deutschland und Europa sollten ihr Außenhandeln ganzheitlich betrachten und als integralen Bestandteil davon gerade auch die Entwicklungszusammenarbeit deutlich stärker entlang eigener Interessen ausrichten – mit Blick auf Wirtschaft, Sicherheit, aber auch Migration.
Mehr Mut zu Interessenpolitik bedeutet keineswegs, dass wir etwa in der Entwicklungspolitik christdemokratische Grundsätze wie das Gebot der Hilfe in der Not über Bord werfen oder allgemein unsere Werte hintanstellen.
Deutschland und Europa sollten wissen, wo sie stehen
Wir als Konrad-Adenauer-Stiftung wissen das: an der Seite der Ukraine und Israels, und auch an der Seite der Menschen, die anderswo in widrigsten Kontexten freiheitliche und demokratische Werte verteidigen, etwa im Iran oder in Venezuela.
Im Sinne eines wertegeleiteten Pragmatismus sollten wir aber in jedem Einzelfall fragen, mit welchen Mitteln wir diesen Werten am besten dienen.
Mit dem öffentlichkeitswirksamen Statement, das die autoritäre Gegenseite unter Rechtfertigungsdruck setzt?
In manchen Fällen vielleicht – in vielen aber auch nicht. Tatsächliche Ergebnisse, nicht gute Absichten oder der Applaus zu Hause, sollten unser Maßstab sein.
Partner, Power, Pragmatismus: Ob das ausreicht, damit Europa sich in einer schwierigen Weltlage behauptet, ist nicht ausgemacht.
Es wäre aber ein guter Anfang.
Caroline Kanter ist Leiterin der Hauptabteilung Europäische und Internationale Zusammenarbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung