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Russland rüstet auf: Bundeswehr warnt vor möglichem Angriff auf NATO ab 2029

Pistorius begrüßt General Carsten Breuer als Generalinspekteur der Bundeswehr mit militärischen Ehren im BMVg, 17.03.2023
Pistorius begrüßt General Carsten Breuer als Generalinspekteur der Bundeswehr mit militärischen Ehren im BMVg, 17.03.2023 Copyright  ©Bundeswehr/Steve Eibe
Copyright ©Bundeswehr/Steve Eibe
Von Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am
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Die Bedrohung aus Russland wächst – und könnte früher Realität werden als gedacht, warnt Bundeswehr-Generalinspekteur Carsten Breuer. Die Bundeswehr richtet sich bereits auf den "Worst Case" vor.

Russland rüstet in rasantem Tempo auf – und richtet seinen Blick klar nach Westen. Das sagt der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, im Interview mit der BBC.

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Ihm zufolge wächst die russische Armee auf eine "nahezu doppelte Stärke" im Vergleich zur Zeit vor dem Angriffskrieg gegen die Ukraine im Jahr 2022. Gleichzeitig entstünden neue militärische Strukturen, die gezielt gegen den Westen ausgerichtet seien.

Für Deutschlands ranghöchsten Soldaten ist die Schlussfolgerung eindeutig: Von Moskau gehe eine klare Bedrohung aus – und die müsse auch als solche erkannt werden.

Warum 2029?

Breuer warnt erneut, dass Russland bereits ab 2029 in der Lage sein könnte, die NATO anzugreifen – und stützt sich dabei auf Einschätzungen deutscher und internationaler Analysten, die diesen möglichen Kulminationspunkt identifiziert haben.

Die Warnung basiert auf dem Joint Threat Assessment, einer NATO-Analyse aus dem Jahr 2023. Dort heißt es, dass Russland innerhalb von drei bis fünf Jahren in der Lage sein könnte, einen großangelegten Krieg zu führen.

Laut einer Recherche des WDR wurde für dieses Assessment mittels Aufklärungssatelliten erfasst, welche Aktivitäten Russland derzeit entfaltet, darunter etwa die Produktionsmengen und Rekrutierungsstrategien. Dabei wurde ausschließlich auf nachrichtendienstliche Informationen zurückgegriffen.

2023 kam man zu dem Ergebnis, dass Russland in fünf Jahren – also bis 2028 – in der Lage wäre, eine Armee von 1,5 Millionen Soldaten einschließlich der nötigen Ausrüstung aufzustellen und damit einen solchen Angriff durchzuführen.

Soldaten mit sowjetischen Helmen während einer Probe für die Militärparade zum Tag des Sieges in St. Petersburg, 5. Mai 2025
Soldaten mit sowjetischen Helmen während einer Probe für die Militärparade zum Tag des Sieges in St. Petersburg, 5. Mai 2025 AP Photo/Dmitri Lovetsky

Aus militärischer Sicht heißt das für Breuer, dass "wir vorbereitet sein" und "vom schlimmsten Fall" ausgehen müssen. "Genau in solchen Worst-Case-Szenarien müssen wir denken – und das ist eines meiner zentralen Szenarien", so der Generalinspekteur der Bundeswehr.

Dass er Deutschland in einen Krieg mit Russland führen würde, lehnt Breuer jedoch ab. Er arbeite lediglich daran, dass Deutschland sich verteidigen kann und entsprechende Verteidigungsfähigkeiten ausbaut. "Das dient zur Abschreckung, und diese Abschreckung soll der Bedrohung entgegenwirken, der wir von russischer Seite ausgesetzt sind", so Breuer.

Breuer glaubt nicht, dass Abschreckung Russland zu einem Angriff provoziert. Stattdessen gehe es darum, im Dialog klarzumachen: Die Bedrohung bis 2029 ist real – nicht nur eine Wahrnehmung. Sicherheit habe ihm zufolge oberste Priorität, denn nur aus Sicherheit entsteht Abschreckung, erklärt der Bundeswehr-Generalinspekteur.

Als klaren Feind definiert Breuer Russland jedoch nicht, lediglich als eine Bedrohung, die von Moskau aus kommt. "Wenn man von 'Feinden' spricht, denke ich eher an eine Front, an der man sich direkt gegenübersteht und einander ins Gesicht blickt", so Breuer, der einräumt, dass "wir definitiv nicht so weit" sind momentan.

Kann Europa sich ohne die USA verteidigen?

Greift Russland ein NATO-Mitglied an, könnte der Bündnisfall nach Artikel 5 ausgelöst werden. Dieser verpflichtet die Allianz zur kollektiven Verteidigung – einschließlich einer Beteiligung der USA. Vor diesem Hintergrund gelten die Beziehungen zwischen den USA und Europa seit der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump als angespannt; auch die Haltung Washingtons zur NATO ist zunehmend ambivalent.

In seiner Regierungserklärung im Januar betonte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), das transatlantische Verhältnis dürfe zwar nicht "leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden". Zugleich sei es entscheidend, die NATO zu erhalten und sie stärker "aus Europa heraus und in Europa" zu festigen.

Für Breuer gehe es zudem vor allem darum, die Bedrohung in Europa klar zu erkennen und ihr zu begegnen. "Dafür braucht es eine klare Wahrnehmung, eine Stärkung Europas, der europäischen Verteidigungsindustrie und den Aufbau von Streitkräften", erklärt er und ergänzt, dass all das dazu beitrage, dieser Bedrohung zu begegnen und gleichzeitig den europäischen Pfeiler in der NATO zu stärken.

Laut einer Analyse des Bruegel Think-Tanks in Kooperation mit dem Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) vom vergangenen Jahr müsste Europa seine Verteidigungsfähigkeit jedoch massiv ausbauen, um sich ohne die USA gegen Russland zu verteidigen. Dafür würden rund 300.000 zusätzliche Soldaten und eine jährliche Steigerung von 250 Milliarden Euro bei den Verteidigungsausgaben nötig sein, sowie eine höhere Anzahl von militärischem Gerät, wie beispielsweise Panzern, oder auch Drohnen.

Im Interview mit der BBC macht Breuer klar, wo der dringendste Handlungsbedarf liegt: "Was wir brauchen, sind Drohnen. Was wir brauchen, sind präzise Fähigkeiten für tiefreichende Schläge. Und auch Weltraumfähigkeiten müssen einbezogen werden." Diese Bereiche gehörten aktuell zu den obersten Prioritäten der Bundeswehr.

Aber neben den materiellen Missständen braucht die Truppe auch mehr Personal. Dafür wurde das neue Wehrdienstmodell eingeführt, das zwar momentan noch auf Freiwilligkeit basiert, jedoch für Männer ab dem Jahrgang 2007 verpflichtend wird, sollte die Zahl der Freiwilligen nicht ausreichen.

Breuer zufolge sollte man mit Blick auf die Wehrpflicht "Schritt für Schritt" vorgehen. Für ihn ist die Rückkehr zur Wehrpflicht zwar eine mögliche Antwort auf die vielen Herausforderungen der Truppe. Zugleich betont er, dass die Ausbildung vieler neuer Soldaten auch bedeute, dass Kräfte aus der Einsatzvorbereitung, wie beispielsweise von der NATO-Ostflanke, abgezogen werden. "Deshalb brauchen wir eine Balance – und ich denke, wir haben mit dem aktuellen System einen guten Weg gefunden", so Breuer.

Laut aktuellen Daten des Verteidigungsministeriums verzeichnete die Bundeswehr im Februar 2026 mehr Bewerbungen und Einstellungen als im Vorjahr. Derzeit leisten etwa 13.400 Menschen freiwilligen Wehrdienst oder dienen für eine vergleichsweise kurze Zeit als Zeitsoldaten. Insgesamt umfasst die Bundeswehr aktuell etwa 186.200 aktive Soldaten – rund 3.600 mehr als im Februar 2025.

Porträt vom Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer, Berlin, am 15.07.2024
Porträt vom Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer, Berlin, am 15.07.2024 ©Bundeswehr/Tom Twardy

Zeitenwende in Deutschland

Nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges 2022 wurde in Deutschland eine Zeitenwende ausgerufen. Der Begriff wurde von dem damaligen Kanzler Olaf Scholz (SPD) im Februar 2022 geprägt, und beschreibt sowohl den russischen Angriff auf die Ukraine als historischen Einschnitt für Europa als auch den tiefgreifenden Wandel der deutschen Sicherheits-, Verteidigungs- und Energiepolitik.

Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine war die deutsche Bevölkerung traditionell eher skeptisch gegenüber Militär und Aufrüstung, wie ein Bericht des ifo-Instituts zeigt. Seit Beginn des Krieges 2022 hat sich die Haltung jedoch deutlich verschoben: Die Unterstützung für höhere Verteidigungsausgaben und die Bundeswehr ist spürbar gestiegen.

Auch für Generalinspekteur Breuer war klar, dass dieser "Weckruf" nicht ignoriert werden kann. "Wir konnten nicht einfach wieder auf 'Snooze' drücken", sagt er – das habe zu einem grundlegenden Umdenken geführt, sowohl politisch als auch in der Gesellschaft.

Diese Veränderung spiegelt sich auch in der Rüstungsindustrie wider. Breuer sieht sie ebenfalls auf dem richtigen Weg: Den Anfang machte das 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen nach Beginn des Ukraine-Kriegs, auch wenn von Beginn an klar war, dass diese Mittel 2027 auslaufen.

Einen weiteren entscheidenden Schritt sieht er in der Reform der Schuldenbremse im Jahr 2025. Damals beschlossen Regierung und Bundestag, Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben weitgehend von der Schuldenbremse auszunehmen. Das habe laut Breuer Vertrauen geschaffen – bei den Streitkräften, die nun langfristiger planen können, und in der Industrie, die neue Produktionskapazitäten aufbaut.

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