Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Migration auf Europa

Migranten werden auf dem Weg zur italienischen Küste gerettet
Migranten werden auf dem Weg zur italienischen Küste gerettet Copyright Paolo Santalucia/AP
Von Osama Rizvi, economist
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Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht auf Englisch

Der jüngste Anstieg der Migration aufgrund von Krieg, Autoritarismus und Instabilität bedeutet, dass die Vertriebenen als Migrant:innen, Flüchtlinge oder Asylsuchende Schutz suchen. Sie beeinflussen die sozioökonomische Landschaft Europas und seiner Staaten in unterschiedlicher Weise.

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Da einige Staaten ihren Bürgerinnen un Bürgern keine Sicherheit bieten können oder wollen, versuchen viele Menschen aus diesen Ländern, in Gebiete auszuwandern, die ihren sozialen und wirtschaftlichen Interessen besser entsprechen. Die Vertriebenen suchen als Migrant:innen, Flüchtlinge oder Asylbewerber Schutz und haben unterschiedliche Auswirkungen auf die sozioökonomische Landschaft der europäischen Staaten.

Einige sind der Ansicht, dass die Migranten die Staatskassen der europäischen Staaten überfordern und sie nicht in der Lage sind, diese Neuankömmlinge finanziell zu integrieren, was kurzfristig zu Steuerbelastungen durch hohe Sozialkosten und niedrige Beschäftigungsquoten führt. Umgekehrt kann jedoch argumentiert werden, dass die Migranten einen konstruktiven Beitrag zu den Steuereinnahmen leisten können, wenn sie in den Arbeitsmarkt eintreten und zu den öffentlichen Finanzen derjenigen Länder beitragen, die in der Lage sind, Kapitalstrukturen aufzubauen, um das erhöhte Arbeitskräfteangebot aufzunehmen.

Wie viele sind nach Europa gekommen?

Offiziellen Berichten zufolge sind im Jahr 2022 fast 3,5 Millionen Menschen als Flüchtlinge mit Asylstatus in die EU eingewandert. Rund 4,2 Millionen Ukrainer erhielten nach Angaben des Europäischen Rates im Jahr 2023 vorübergehenden Schutz in der EU. Seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine haben mehr als vier Millionen Ukrainer vorübergehenden Schutz in europäischen Staaten erhalten.

Nach wie vor sind Syrer:innen und Afghan:innen die größten Gruppen von Asylbewerbern in der EU, mit rund 100 000 gestellten Anträgen im Jahr 2023, so die Agentur der Europäischen Union für Asylfragen.

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration erreichten im Jahr 2022 insgesamt 213 896 Migrant:innen Europa. Auch aus mehreren afrikanischen Ländern wie Algerien und Libyen wird berichtet, dass Migrant:innen in Europa ein besseres Leben oder Schutz suchen.

Jedes europäische Land hat eine andere Herangehensweise an die Massenflucht.

Nachdem die jährliche Nettozuwanderung im Jahr 2022 einen Rekordwert von 745 000 erreicht hatte, kündigte die britische Regierung Pläne zur Reduzierung der Zahl der Einwanderer an. In Frankreich gab es kürzlich eine hitzige Debatte über einen Gesetzentwurf, der die Regeln für Migration verschärfen soll.

Auch Deutschland versucht, seine Migrationspolitik zu überarbeiten, nachdem es 2023 die meisten Asylanträge erhalten hat - obwohl es nachweislich von den Migrant:innen im Arbeitssektor profitiert.

Italien hat einen starken Anstieg der Migration auf dem Seeweg zu verzeichnen und plant nun den Bau von zwei Zentren in Albanien, die bis zu 36 000 Migranten pro Jahr aufnehmen sollen. Auch Spanien wird die Konturen seiner Migrationspolitik überdenken müssen, nachdem es, hauptsächlich aufgrund der politischen Unruhen in Afrika, eine Rekordzahl von 13 000 Migranten aufgenommen hat.

Welche Länder brauchen die meisten Einwanderer?

Angesichts des Zustroms so vieler Migrant:innen überdenken viele europäische Länder ihre Migrationspolitik, um dem politischen Druck und möglichen Konflikten innerhalb der eigenen Bevölkerung Rechnung zu tragen. Wenn es jedoch um die Erhöhung der Steuereinnahmen geht, betrachten die meisten europäischen Länder die Migrant:innen als Zuwanderer, die die wirtschaftliche Stabilität des Landes langfristig erhöhen können.

Im Fall von Deutschland zum Beispiel hat der schwächelnde Zustand der Wirtschaft dazu geführt, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) Deutschland als die am schlechtesten abschneidende große Volkswirtschaft des Jahres 2023 eingestuft hat. Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften hat dazu geführt, dass Experten schätzen, dass das Land jedes Jahr 1,5 Millionen Einwanderer benötigt, um seine Erwerbsbevölkerung zu halten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Staaten hat Deutschland seine Politik flexibel gehalten, um ausländische Arbeitskräfte anzuziehen.

Was sind die Vorteile?

Während die Angst vor Einwanderern von einigen als Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt und die nationale Identität wahrgenommen wurde, hat in den letzten zehn Jahren ein Paradigmenwechsel stattgefunden, bei dem Einwanderer als Bereicherung für die nationalen Arbeitsmärkte und das Wohlfahrtssystem angesehen werden und die wirtschaftliche Entwicklung fördern.

Die Einbeziehung von Migrant:innen in Sektoren wie dem Gesundheitswesen, dem Baugewerbe, der Landwirtschaft und der Logistik kann zu einem gewinnbringenden Ergebnis führen, der die wirtschaftliche Belastung verringert. Die Migrant:innen können einen Beitrag leisten zu den öffentlichen Finanzen in Form von Steuern und Gegenleistungen für die erhaltenen Leistungen.

Was sind die Herausforderungen?

Einem Bericht der Grenzagentur der Europäischen Union, Frontex, zufolge wird die Zahl der illegalen Grenzübertritte an den EU-Außengrenzen im Jahr 2023 rund 380 000 betragen. Dieser Zustrom hat zu grenzüberschreitenden Straftaten wie Dokumentenbetrug, Menschenhandel und Schmuggel von illegalen Waren und Waffen geführt.

Programme zur Integration von Migranten wie kulturelle Orientierungsprogramme und Sprachkurse können die Staatshaushalte belasten, da die Kosten zunächst vom Aufnahmeland getragen werden.

Der Anstieg der Migration kann zu einer hohen Nachfrage nach Wohnraum führen, was wiederum höhere Immobilienpreise und Mieten zur Folge hat. Diese Wechselwirkung beeinflusst nicht nur das Leben der Migranten, sondern hat auch gravierende Auswirkungen auf die Einheimischen.

In Europa zeichnen sich alle EU-Mitgliedstaaten durch ein vergleichsweise hohes Maß an Wirtschaftskraft, Rechtsstaatlichkeit und politischer Stabilität aus. Im Gegensatz dazu ist die Bevölkerung in anderen Ländern der Welt mit einem gewissen Maß an Autoritarismus und Instabilität konfrontiert, was sie dazu veranlasst, sich für die Migration zu entscheiden.

Diese Ungleichgewichte erklären, warum Europa auch in Zeiten schwachen Wirtschaftswachstums ein wichtiges Ziel für Migrant:innen ist und bleiben wird.

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