Medikamentenmangel in der EU

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In vielen EU-Ländern mangelt es an Medikamenten. Vor allem Antibiotika und Fiebersäfte sind in vielen Apotheken nicht verfügbar. Die EU will diese Mangellage mit einer Reform in den Griff kriegen.

Der anhaltende Medikamentenmangel in der EU hat viele Gründe: Marktrücknahmen und unerwartete Nachfragesteigerungen, sowie eine Verschärfung der Situation durch Covid, den Ukrainekrieg und Unterbrechungen der Lieferkette. Aber auch Probleme bei der Qualitätskontrolle und der Herstellung tragen laut einer Studie zu dem Mangel bei.

Der 59-jährige Elektronikingenieur Rytis Overlingas benötigt täglich 5 Medikamente gegen Bluthochdruck und Diabetes. Seiner Stammapotheke in der Nähe von Vilnius, der Hauptstadt Litauens, sind sie kürzlich ausgegangen.

"Lange Zeit habe ich meine Medikamente in ganz Litauen gesucht, bis ich sie auf der anderen Seite des Landes kaufen konnte", erzählt Overlingas. _"Aber das ist schon ein halbes Jahr her." _Dann verschlimmerte sich die Situation: "Vor 3 Monaten bekam ich die Medikamente in ganz Litauen nicht mehr, nur noch in Frankreich, wo französische Freunde sie für mich kauften. In Litauen gab es sie nicht mehr."

Ähnliche Geschichten gibt es überall im Land. Ein weiteres Beispiel: Nach einer Zahnoperation wurde dem Immobilieninvestor Algirdas Viltrakis ein bestimmtes Antibiotikum verschrieben. Das gab es nur in einer Apotheke in der Hauptstadt.

Der 34-Jährige berichtet: "Ich erzählte das meiner Ärztin und sie sagte: 'Ja, ich kenne die Situation. Ich könnte Ihnen ein anderes Antibiotikum verschreiben, aber das ist das, was Sie brauchen'."

Der Hausärztin zufolge mangelte es in ländlichen Gebieten an Medikamenten. Jetzt sind auch die Großstädte betroffen.

"Covid war nervenaufreibend", so Agnė Misiūtė. "Diese Zeit ist eine weitere Achterbahnfahrt. Manchmal schreiben Patienten in den sozialen Medien: 'Habt ihr dieses Medikament? Ich brauche es'. Einmal habe ich in einer Apotheke angerufen, damit sie die Medikamente für einen meiner Patienten aufbewahren sollten. Das war vor etwa eineinhalb Jahren außergewöhnlich. Ein zusätzlicher Aufwand für den Patienten. Jetzt scheint es der neue Alltag zu sein. Ich fühle mich schlecht als Arzt. Und man fühlt sich unwohl als Patient, weil man unvorhersehbare Komplikationen haben könnte."

Medikamentenmangel in Europa

Litauen gehört zu den vielen Mitgliedstaaten der Europäischen Union, die in den vergangenen Monaten einen erheblichen Mangel an Medikamenten zu verzeichnen hatten. Eine aktuelle Studie über ausgewählte EU-Länder ergab, dass die Dauer der Arzneimittelknappheit bei bestimmten Produkten zwischen 72 und 130 Tagen betragen kann.

Marktrücknahmen und unerwartete Nachfragesteigerungen können diese Situation erklären, die durch Covid, den Ukrainekrieg und Unterbrechungen der Lieferkette noch verschärft wurde.

Eine Studie von 2021 legt jedoch nahe, dass etwa die Hälfte aller Engpässe auch auf Probleme bei der Qualitätskontrolle und der Herstellung zurückzuführen sind. Was auch immer die Gründe sind, Apotheker haben oft nur begrenzte Möglichkeiten.

"Als Apothekenkette sind wir völlig abhängig von unseren Lieferanten und Herstellern", sagt Karolina Staleliūnaité, Apothekerin in der Benu-Apotheke. "Wir können lediglich die Situation sorgfältig beobachten und versuchen, Medikamente zu bestellen, wenn sich die Gelegenheit ergibt, um unsere Vorräte so weit wie möglich aufzustocken."

Engpässe sind eine Belastung für alle

Engpässe stellen eine erhebliche Belastung für die Gesundheitssysteme und die Fachkräfte dar und beeinträchtigen die Lebensqualität der Patienten. 

Es braucht strukturelle Lösungen, diese wurden im Vorschlag für die Arzneimittelreform der Kommission berücksichtigt, so die EU-Kommissarin für Gesundheit:

"Wir schlagen vor, eine EU-Liste kritischer Arzneimittel auf EU-Ebene zu erstellen, um unentbehrliche Arzneimittel zu überwachen und Schwachstellen in der Lieferkette zu beheben", sagt Stella Kyriakides. "Aber wir arbeiten auch mit den Unternehmen zusammen, damit sie mögliche Engpässe viel früher melden. Wir brauchen eine stärkere Arzneimittelagentur, die sich mit diesen Fragen befasst, daran arbeiten wir. Und es gibt die neue Behörde HERA (Anm.: Health Emergency Preparedness and Response Authority), die sich ebenfalls um benötigte Arzneimittel kümmert, um sicherzustellen, dass sie verfügbar sind, und um vor möglichen Engpässen zu warnen. Wenn das alles eingerichtet ist, werden wir zumindest bei den kritischen Medikamenten wissen, wo wir stehen, und Unternehmen und Mitgliedsstaaten werden viel schneller eingreifen können." 

Verbesserungen sind in der Tat dringend notwendig. Patient Algirdas Viltrakisfindet sie Situation seltsam: "Es scheint, als ob wir uns auf einem niedrigen Niveau befinden. Wir sind in Litauen, in der Europäischen Union."

Und Rytis Overlingas ist mehr als verärgert: "Ich fühle mich sehr schlecht, ich bin wütend, weil diese Medikamente sehr wirksam sind. Deshalb bin ich unzufrieden, dass es so ein großes Lieferproblem damit gibt."

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