Auf dem Wasser geht es zurück in die Zukunft

Auf dem Wasser geht es zurück in die Zukunft
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Von Denis Loctier  & Frank Weinert

Man könnte meinen, ein Frachtsegelschiff sei etwas aus einem Geschichtsbuch, aber dieses Schiff ist das Ergebnis jahrelanger Spitzenforschung und -entwicklung. Das französische Unternehmen „Grain de Sail“ behauptet, das erste moderne Segelboot geschaffen zu haben, das den Anforderungen der Handelsflotte entspricht. Wir sehen das Schiff in Dünkirchen, wo sich die Besatzung auf ihre nächste Transatlantiküberquerung vorbereitet, die etwa drei Wochen dauern wird.

Xavier Demeulenaere, Regionaldirektor von "Grain de Sail", erinnert an die "gute, alte Zeit": „Bevor es Dampf- und Dieselmotoren gab, wurde alles auf dem Meer mit Segelschiffen transportiert. Aber wir haben bei der Konstruktion dieses Schiffes moderne Methoden eingesetzt, um es viel effizienter zu machen.“

Das Unternehmen, das Schokolade und Kaffee aus lateinamerikanischen Bohnen herstellt, hat sein Segelschiff von Grund auf unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit gebaut - wie den speziell konzipierten 50 Tonnen fassenden Frachtraum mit einer durch Sonnen- und Windenergie betriebenen Klimatisierung.

François Le Naourès, Segler von "Grain de Sail" ist überzeugt von der neuen, alten Antriebstechnik: „Wir haben gezeigt, dass es wirtschaftlich tragfähig ist, und wir sind bereit, diesen Weg weiter zu gehen, vielleicht mit einer viel größeren Flotte, wie wir hoffen.“

Das Unternehmen baut nun ein größeres Schiff und eine neue Schokoladenfabrik in Dünkirchen.

Die Nutzung des Windes zur Verringerung der Emissionen ist ein wachsender Trend in der Schifffahrtsbranche.

Das Seetransportunternehmen „Alizés“ baut ein Hybridschiff, das mit mechanischen Flügeln ausgestattet ist. Es transportiert Teile der "Ariane 6"-Rakete von Europa zum Startplatz in Französisch-Guayana.

Ein anderer Entwickler, „Airseas“, schlägt ein automatisches Drachensystem vor, das den Treibstoffverbrauch und die Emissionen des Schiffes um 10 bis 40 Prozent senken soll.

Norwegens Ölhauptstadt fährt auf dem Wasser elektrisch

Passagierschiffe müssen schnell fahren und können sich nicht auf den Wind verlassen. Wir waren in Stavanger, der Ölhauptstadt Norwegens. Hier ist eine Fähre unterwegs, die ohne fossile Brennstoffe auskommt. Projektleiter Mikal Dahle ist von ihr überzeugt: „Expressfähren sind sehr energieintensiv, da sie Passagiere mit hoher Geschwindigkeit befördern. Traditionell werden diese Schiffe mit Dieselmotoren betrieben. Und jetzt kommt unsere neue vollelektrische Expressfähre.“

Die in Norwegen als "Schiff des Jahres" gefeierte „Medstraum“ ist die weltweit erste zu 100 Prozent elektrische Hochgeschwindigkeitsfähre. Die Batterien, die sicher über dem Deck angeordnet sind, treiben zwei Elektromotoren an. Sie hat keine fossilen Brennstoffe als Backup, betont Mikal Dahle: „Beginnen wir unten im Maschinenraum und sehen wir uns das an... Dieses kleine grüne Teil ist der Elektromotor, der viel kleiner ist als ein vergleichbarer Dieselmotor. Und Sie können auch sehen, dass der Raum sehr sauber ist, was für einen elektrischen Maschinenraum typisch ist... Hier wird die Energie gespeichert, insgesamt 1.500 Kilowattstunden. Ein typisches Elektroauto hat zwischen 70 und 90 Kilowattstunden, das ist also mindestens das 15-fache in diesem Schiff.“

Mit dieser Autonomie kann die Fähre problemlos eine eineinhalbstündige Pendlerroute mit mehreren Stopps zwischen Stavanger und den nahegelegenen Inseln bewältigen. Sie kann 150 Passagiere und ihre Fahrräder befördern und bietet eine sanfte, geräuschlose und nachhaltige Fahrt.

Die „Medstraum“ ist Teil des öffentlichen Verkehrssystems und verkehrt nach demselben Fahrplan wie die dieselbetriebenen Fähren – die begrenzte Batterieladung scheint kein Problem zu sein. Die Besatzung um Fährkapitän Arnulf Bie sagt, die Steuerung sei genau wie bei den alten Fähren, und die Geschwindigkeit von über 25 Knoten halte sie genau im Zeitplan: „Mit Elektromotoren ist das Anfahren viel schneller. Es ist wie bei einem Auto. Es ist kein Problem, pünktlich zu sein, denn wir haben die Kraft und die Geschwindigkeit, also ist es einfach.“

Viele Menschen, die in Stavanger arbeiten, leben auf den nahegelegenen Inseln und mussten sich bisher zwischen langsamen Landtransporten und schnellen, umweltschädlichen Schiffen entscheiden. Aber die neue Elektrofähre ist sowohl schnell als auch sauber, so dass sie diese Wahl nicht mehr treffen müssen. Den Fahrgästen gefällt's: „Diese Fähre ist so ruhig. Man hat die großen Fenster und kann die Landschaft wirklich genießen.“ „Man hat nicht diesen Geruch vom Treibstoff. Und es ist sehr schön, mit dem Schiff zu fahren, statt mit Bus und Bahn, denn ohne das Schiff würde ich dreimal so viel Zeit brauchen.“

Klimaneutral geht nur elektrisch

Diese Technologie wird sehr hilfreich sein, um die immer strengeren norwegischen Umweltvorschriften zu erfüllen, die vorschreiben, dass alle künftigen Fähren emissionsfrei oder emissionsarm sein müssen. Die Eigentümer der "Medstraum" - das öffentliche Verkehrsunternehmen Kolumbus - erwarten eine erhebliche Verbesserung ihrer Kohlenstoffbilanz, indem sie allein mit dieser einen Fähre die Emissionen um 1500 Tonnen pro Jahr reduzieren. Das entspricht der Einsparung von 60 Bussen auf der Straße! Und das sei essentiell, sagt Mikal Dahle, Projektleiter von Kolumbus: „Wenn wir uns unsere CO2-Emissionen ansehen, werden sie von einigen wenigen Expressfähren dominiert. Die Elektrifizierung dieser Fähren und die damit verbundene Verringerung der Emissionen ist ein wichtiger Schritt, um in den nächsten Jahren CO2-neutral zu werden.“

Die Fähre „Medstraum“ wurde im Rahmen eines von der Europäischen Union finanzierten Forschungsprojekts namens "TrAM" entwickelt. Wissenschaftler aus Griechenland und Deutschland testeten Hunderte von Modellen, um die effizienteste Form für den Schiffsrumpf zu finden.

Und das Antriebssystem - Propeller, Ruder und andere Komponenten - wurde speziell für diese Fähre optimiert. Die Ingenieure sagen, dass es besser funktioniert als erwartet, mit einer bahnbrechenden Antriebseffizienz, die im Vergleich zu Standardlösungen fast 30 Prozent Energie einspart. Das ist für ein batteriebetriebenes Fahrzeug extrem wichtig, sagt Tone Vik, Technischer Leiter von "Servogear": „Wenn wir nur ein paar Prozent mehr Effizienz erreichen können, bedeutet das, dass das Schiff entweder schneller oder länger fahren kann. Dies ist also ein wirklich gutes Projekt, das zeigt, dass wir das Wissen und die Kompetenz haben, elektrische Schiffe auf den Markt zu bringen.“

Bei Auto- und Flugzeugbauern "gespickt"

Um das Gewicht so gering wie möglich zu halten, verwendeten die Schiffbauer Aluminiumstrukturen – teilweise bis zu 2 Millimeter dünn. Auch die Gesamtkonstruktion der Fähre ist innovativ – sie beruht auf einem modularen Konzept, das es ermöglicht, bei künftigen Schiffen dieses Typs dieselben Elemente wiederzuverwenden, was ihre Konstruktion und Herstellung kostengünstiger macht. Dazu Edmund Tolo, von "Fjellstrand": „Wir haben versucht, etwas von den Modulkonzepten zu lernen, die in der Auto- und Flugzeugindustrie verwendet werden, und dies auf den Schiffbau zu übertragen.“