Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Millionen für Bio-Startups: Berliner Wagniskapitalgeber sät Nachhaltigkeit

Adrian Friederich verteilt Millionen. Der Berliner Wagniskapitalgeber FoodLabs hebt reihenweise Bio-StartUps aus der Taufe.
Adrian Friederich verteilt Millionen. Der Berliner Wagniskapitalgeber FoodLabs hebt reihenweise Bio-StartUps aus der Taufe. Copyright  Hans von der Brelie
Copyright Hans von der Brelie
Von Hans von der Brelie
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare
Teilen Close Button

Was Sie schon immer über Risikokapital wissen wollten! Exklusiv-Interview mit Adrian Friederich, Leiter der Investmentabteilung bei FoodLabs.

Risiko! Kapital! Geber! In den drei Wörtern stecken Spannung, Abenteuer, Mut. Und erst in der Zusammensetzung: Risikokapitalgeber! Sind das nicht die Leute mit den dicken Geldbörsen und dem Glauben an verrückte Ideen? Euronews-Reporter Hans von der Brelie hat sich so einen Wagniskapitalfonds einmal aus der Nähe angesehen: FoodLabs Venture Capital mit Sitz im Herzen von Berlin. Wer mal eben ein paar Millionen Euro braucht, um sein Bio-Startup zu gründen, der ist hier richtig.

Ich bin gespannt auf das, was mich erwartet: Gesprächspartner im maßgeschneiderten Anzug, behaglich zurückgelehnt in Designer-Fauteuils, Cognac-Schwenker in der Hand, Zigarre paffend?

Friederich hebt oder senkt Daumen - dann erst fließen Millionen

Verabredet bin ich mit Adrian Friedrich, bei FoodLabs führt er den Titel „Principal, Head of Investment“. Hört sich wichtig an. Ist er auch: Bei Investitionsentscheidungen kommt es auf Friederich an: Hebt er den Daumen? Senkt er ihn? Erst dann fließt Geld - oder auch nicht.

Kamerastativ auf der Schulter, Technik-Rucksack auf dem Rücken durchquere ich Berlin Pankow, laufe vorbei an einer „veganen Fleischerei“ und runtergerockten Szenetreffs, grau bis bunt die Fassaden. Dann geht es Richtung Berlin Mitte: Kitas, eine Schule, Wohnzeilen mit renovierten Altbauwohnungen, eine quirlige Geschäftsstraße, der Sitz von FoodLabs schließlich, in der Rosenthaler Straße.

Euronewsreporter auf dem Weg zu FoodLabs.
Euronewsreporter auf dem Weg zu FoodLabs. Hans von der Brelie

Ein weißes Riesen-Einhorn

Erste Überraschung: Nein, vor der Türe stehen keine Luxuslimousinen reicher Investoren in doppelter Reihe geparkt. Ein nüchternes Metallschild weist den Weg, ein geschätzt hundertjähriger Paternoster ruckelt mich in eine der oberen Etagen.

Ein junger Mann in Jeans, mit Siebentagebart, großer Brille und hellen, wachen Augen steht vor mir. „Hallo, Herr Friederich, nett Sie zu sehen: Ich bin neugierig, alles über Ihren Wagniskapitalfonds zu erfahren!“

An der Wand hängt ein wildes Gemälde im Giga-Riesenformat. Ein weißes Einhorn ist darauf zu erkennen. Klar, Einhörner – so werden sie genannt, die kleinen Start-Ups, die auf einmal keine kleinen Start-Ups mehr sind, sondern von heute auf morgen Weltmarktführer, Milliarden umsetzen, unser Leben als Konsument und Kunde umkrempeln. Sprich, die heute noch vielfach unbekannten Namen im Portfolio von FoodLabs könnten bald „global player“ sein.

Wir wollen das Lebensmittelsystem revolutionieren.
FoodLabs
Venture Capital, Berlin

Friederich führt mich vorbei an einem Großraumbüro, seriös-gemütlich und ultra-busy, seine Kollegen arbeiten konzentriert, kaum einer blickt auf von seinem Bildschirm. Das Team weiß: Es geht um Millionen. Und um eine goldene und nachhaltige Zukunft.

So ein Wagniskapitalfonds braucht natürlich auch einen Leitstern, der die Richtung weist, in die das hier angelegte Geld fließen soll. Sprich, ein "Manifest", das Orientierung gibt. Dort ist zu lesen: „Wir haben FoodLabs mit dem Ziel gegründet, das Lebensmittelsystem zu revolutionieren und sowohl die Gesundheit unseres Planeten als auch die der Menschen zu verbessern.“

Biokapitalisten mit Verantwortungsethik

Eine sehr hoch gelegte Messlatte, dieser Anspruch, sicherlich auch lobenswert. Aber reicht das aus, Millionen einzusammeln. „Herr Friederich“, leite ich das Gespräch ein (Cognac und Zigarren gibt es übrigens keine), „warum legen Investoren ihr gutes Geld in Nischenprodukten an, wie beispielsweise neue Lebensmittel, die ja einer Ihrer Schwerpunkte sind?“ Friedrichs Antwort kommt sofort: „Weil es am Ende des Tages ein gutes Investment ist.“

Wagniskapitalgeber Friederich hebt oder senkt den Daumen wenn es um Bio-Millionen geht.
Wagniskapitalgeber Friederich hebt oder senkt den Daumen wenn es um Bio-Millionen geht. Hans von der Brelie

Erkenntnis Nummer Eins: Auch ein Wagniskapitalfonds mit ethischem Selbstanspruch argumentiert mit Geld und Gewinn. Bei FoodLabs gilt aber auch die Überzeugung, etwas Gutes aus dem Geld entstehen zu lassen. So steht es im „Manifesto“ des Fonds:

“Wir stellen uns eine Zukunft vor, in der das Gleichgewicht zwischen Menschheit und Erde wiederhergestellt und nachhaltig erhalten wird. Unsere Mission geht über die Grenzen traditioneller Geschäftstätigkeiten hinaus und dringt in einen Bereich vor, in dem jedes Vorhaben ein Schritt in Richtung eines widerstandsfähigeren Planeten ist. Wir sind motiviert durch die dringende Notwendigkeit, ein globales Ökosystem für nachhaltige Ernährung, Landwirtschaft und ganzheitliches Wohlbefinden zu schaffen.”

Auch in der Kaffee- und Snackpause wird bei FoodLabs Wert auf nachhaltige Ernährung gelegt.
Auch in der Kaffee- und Snackpause wird bei FoodLabs Wert auf nachhaltige Ernährung gelegt. Hans von der Brelie

Hier werden die großen Firmen der Zukunft gegründet

Friederich betont die enormen Geschäfts- und Gewinnchancen seiner Branche, in der sich seit jüngster Zeit enorm viel bewegt: “Die Lebensmittelindustrie war schon immer im Wandel. Doch jetzt gibt es neue, immer größere Herausforderungen. Neue Technologien entstehen. Und da kommen wir ins Spiel, denn wir identifizieren, finanzieren und unterstützen Gründer, die mit diesem Kapital die großen Firmen der Zukunft aufbauen.”

Man dürfe nicht übersehen, so Friederich, dass die Lebensmittelindustrie eine der größten Industrien der Welt sei und weltweit die meisten Menschen beschäftige. “Lebensmittel sind fundamental. Von ihnen hängt unsere Gesundheit ab, aber auch ein großer Teil unserer planetaren Gesundheit. Lebensmittel sind ganz aktuell ein Riesenbestandteil von Resilienz und geopolitischer Relevanz.”

Nachhaltige Lebensmittelproduktion ist Bestandteil unserer Resilienz und von geopolitischer Relevanz.
Adrian Friederich
FoodLabs Principal, Head of Investment

Friederich wirkt jetzt eher wie ein Philosoph, nicht wie ein knallharter Bio-Kapitalist, der mit seinem Team Weichen stellt für Millioneninvestitionen. Bevor jetzt gleich die ganz große Moraldebatte beginnt, auf und für die Friederich spürbar Lust und Laune hat, schiebe ich eine sehr konkrete Frage ein: “So etwas wie Fleischalternativen aus Pflanzenproteinen, auch hier fördern Sie fleißig, sind doch immer noch Nischenprodukte. Ist das wirklich der Weg zum Wachstum? Oder eine Sackgasse?”

Das ist ein Proteinsteak aus dem Bioreaktor. Schmeckt lecker (nach Huhn).
Das ist ein Proteinsteak aus dem Bioreaktor. Schmeckt lecker (nach Huhn). Hans von der Brelie

Absolut Wachstumspfad!

Die Trend-Analyse von Friederich und FoodLabs ist eindeutig: “Absolut Wachstumspfad! Wir sehen enorm spannende neue Technologien und Produkte, die in den Markt kommen. Und wir sehen auch, dass die Kunden das annehmen, wenn das ausgereift ist und richtig vermarktet wird.” Es gehe ja nicht nur um Fleisch aus dem Labor. Es gehe auch um Start-Ups mit neuen Pflanzen, neuen Konsumformen, neuen Anbaumethoden, “andere Wege, wie wir eine wünschenswerte Ernährung in Zukunft sicherstellen können, die gut schmeckt, aber auch umweltverträglich ist.”

An dieser Stelle hilft ein erneuter Blick in das firmeneigene "FoodLabs-Manifesto". Neben einem Foto schwieliger Bauernhände, die prüfend die Beschaffenheit des Bodens befühlen, kann man lesen: „Obwohl unsere Wurzeln fest in den Bereichen Lebensmittel, Landwirtschaft und Nachhaltigkeit liegen, reicht unsere Vision weit darüber hinaus. Wir stellen uns eine Welt vor, in der bahnbrechende Biotechnologie mit nachhaltiger Landwirtschaft verschmilzt und innovative Lebensmittellösungen den dringenden Anforderungen eines sich wandelnden Klimas gerecht werden.“

Und die Akzeptanzprobleme?

Da muss ich aber schon einmal nachfragen: “Herr Friederich, es gibt doch konkret Akzeptanzprobleme bei neuen Lebensmitteln, sei es politisch, wirtschaftlich oder auf Kundenseite. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?”

Wagniskapitalgeber Adrian Friederich lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. “Natürlich gibt es auch Friktionen, wenn einmal etwas zu früh in den Markt gedrückt wird, das kann polarisieren. Das verstehe ich, weil Essen ist auch Emotion und Teil der Kultur. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung werde das “überdimensioniert” dargestellt.

Wagniskapitalgeber Adrian Friederich (rechts) im Gespräch mit Euronews.
Wagniskapitalgeber Adrian Friederich (rechts) im Gespräch mit Euronews. Hans von der Brelie

Jetzt zieht Friederich die Banane aus dem Instrumentenkasten der historischen Analogien: “Viele denken, die Banane gab es schon immer und werde schon immer so wie heute konsumiert. Aber fragen Sie mal Ihre Großeltern, wie viele Bananen es in den Obstläden gab, als sie noch Schulkinder waren. Dann sieht man, dass die weltweite Verbreitung der Banane erst im zwanzigsten Jahrhundert stattfand.” Übersetzt soll das wohl heißen: Was gestern die Banane, ist heute der Veggie-Burger und morgen das Labor-Fleisch - alles eine Frage der Gewöhnung (und des Geschmacks).

Ein Blick auf die goldene Sonne, die sanft gegenlichtig über grüne Baumkronen streicht. Neben dem Foto gibt folgender FoodLabs-Manifesto Text zu denken „Am Puls der Veränderung: Wir stehen an einem Scheideweg, an dem unsere Entscheidungen für Generationen nachwirken werden. Die größten Herausforderungen unserer Zeit – Klimawandel, Ernährungssicherheit und menschliche Gesundheit – sind immens, aber nicht unüberwindbar. Mit jeder Investition, die wir tätigen, säen wir die Samen der Veränderung und fördern Innovationen, die nicht nur Wachstum bieten, sondern auch das Potenzial für eine nachhaltige Zukunft, in der Menschen harmonisch mit der Natur zusammenleben.“

Mit jeder Investition, die wir tätigen, säen wir die Samen der Veränderung.
FoodLabs
Venture Capital, Berlin

Doch zurück zum Geld. “Sie sind der Mann, der – bildlich gesprochen - vor der Tresortüre sitzt, Herr Friederich.“ Von dem Wächter über viele Millionen Euro Wagniskapital will ich wissen: “Welche Kriterien müssen erfüllt werden, damit Sie diese Tresortüre, diese Schatzkiste öffnen?”

FoodLabs Berlin - hier werden Millionen verteilt für nachhaltige Biotech-Startups.
FoodLabs Berlin - hier werden Millionen verteilt für nachhaltige Biotech-Startups. Hans von der Brelie

Adrian Friederich: “Jedes Investment sollte das Potential haben, die jeweilige Kategorie, das jeweilige Geschäftsfeld ganz neu definieren zu können. Das Ambitionslevel muss extrem hoch sein. Ich möchte auch ganz deutlich hervorheben, dass man eine eigene Technologie haben muss, etwas Neues, das sich abgrenzt von bereits Bestehendem.”

Das Ambitionslevel muss extrem hoch sein.
Adrian Friederich
FoodLabs Principal, Head of Investment

Weitere Zutaten zu dem Erfolgsrezept? Friederich: “Man braucht ein herausragendes Team und Persönlichkeitsattribute, die passen müssen.” Also einander ergänzende Top-Leute, ein glänzendes Geschäftsgenie Seite an Seite mit einem tapferen Technik-Tüftler, ergänzt durch einen mutigen Marketing-Meister.

Auf der Suche nach Nachwuchs-Einsteins scheut Wagniskapitalgeber Friederich keine Mühen: Top-Wissenschaftler werden direkt angesprochen. Gesucht: Forscher mit Führungstalent.
Auf der Suche nach Nachwuchs-Einsteins scheut Wagniskapitalgeber Friederich keine Mühen: Top-Wissenschaftler werden direkt angesprochen. Gesucht: Forscher mit Führungstalent. Hans von der Brelie

Und was ist die ausschlaggebende Eigenschaft, die man benötigt, um eine dicke Scheibe von Ihrem Wagniskapitalkuchen abzubekommen, Herr Friederich? Die Antwort des Mannes mit den Millionen: “Vor allem ein riesiger Hunger! Die Gründer-Teams müssen bereit sein, eine lange und sehr anstrengende Reise zu gehen, die dann aber zu einem riesengroßen Erfolg führen kann.”

Gründer müssen einen riesigen Hunger mitbringen! Sie müssen bereit sein, eine lange und sehr anstrengende Reise zu gehen.
Adrian Friederich
FoodLabs Principal, Head of Investment

Klar, da muss jetzt wieder ein Manifesto-Einschub her (auf der FoodLabs-Homepage verziert mit dem Luftbild einer bunten Erntemaschine auf hellgrünen Äckern):

„Blühende Resilienz: Resilienz bedeutet mehr als nur Durchhaltevermögen, es geht darum, zu gedeihen. Dazu gehört der Aufbau von Systemen, die Herausforderungen standhalten, sich aber auch weiterentwickeln und anpassen können und mit jeder Bewährungsprobe stärker werden. Wir unterstützen Unternehmen, die nicht nur wirtschaftlichen Erfolg anstreben, sondern auch nach Bedeutung streben.“

Tausende Teams - und wer bekommt den Zuschlag?

Um so etwas aufzubauen gehört echte Kärrnerarbeit. Seitens der Gründer, versteht sich, aber auch seitens der Wagniskapitalgeber: “Wir sehen uns im Jahr mehrere hunderte bis tausende Teams an”, präzisiert Friederich.

Den Zuschlag bekommen diejenigen Projekte und Start-Ups, die aus der Masse der Gründer-Ideen herausstechen, “vorallem solche mit einer herausragenden Technologie und einem soliden Top-Team”.

FoodLabs prüft jedes Jahr viele Hunderte bis Tausende Gründer-Teams mit nachhaltigen Startup-Plänen.
FoodLabs prüft jedes Jahr viele Hunderte bis Tausende Gründer-Teams mit nachhaltigen Startup-Plänen. Hans von der Brelie

Mutige Unternehmer gesucht

Erneut Hilfestellung seitens des FoodLabs-Manifesto: “Unser Kompass ist der mutige Unternehmer. Wir glauben, dass die Lösungen für die dringendsten Probleme im Mut, in der Vision und in der Beharrlichkeit einiger weniger außergewöhnlicher Talente liegen. Unser Engagement besteht darin, in diese vielfältigen und inspirierenden Führungspersönlichkeiten zu investieren, die die zentralen Herausforderungen unserer Zeit mit Agilität und Schnelligkeit angehen.”

Und wo finden Sie diese “mutigen Unternehmer” und “inspirierenden Führungspersönlichkeiten” im Alltag, Herr Friederich? Wie muss man sich das konkret vorstellen? Wurde nicht jahrzehntelang gerade in Deutschland aber auch allgemein in Europa darüber gejammert, dass es beim Wissenstransfer von der Universität hin zum realen Markt hapert, alles zu langsam, zu bürokratisch, zu kompliziert?

Adrian Friederich: “Absolut, das ist immer noch ein riesengroßes Problem, aber eben auch eine riesengroße Chance. Wenn wir die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen und die Zahl der in Europa forschenden Wissenschaftler im Vergleich sieht zu der Wirtschaftskraft, die in anderen Regionen aus Forschung und Entwicklung entsteht, dann ist bei uns in Europa die Übertragungsrate von Wissenschaft zu Wirtschaftskraft noch schrecklich. Da geht noch sehr viel mehr. Und genau deswegen gibt es uns, die Wagniskapitalfonds. Wir gehen an die Universitäten, sprechen mit den Forschenden, suchen nach Innovatoren, die aktiviert werden müssen.”

Erfolgreicher Wissenstransfer von der Uni zur Realwirtschaft: Viele erfolgreiche Bio-Startups sind aus universitären Forschungsprojekten entstanden.
Erfolgreicher Wissenstransfer von der Uni zur Realwirtschaft: Viele erfolgreiche Bio-Startups sind aus universitären Forschungsprojekten entstanden. Hans von der Brelie

Klingeln bei Einstein

“Wie darf man sich das vorstellen?”, will ich wissen. “Sie suchen nach künftigen Einsteins, sprechen die an und sagen: Jetzt mach doch mal Dein eigenes Start-Up-Ding!?” Jetzt muss sogar Millionenverteiler Friederich kurz schmunzeln: “Ja, so in der Art. Heute Nachmittag beispielsweise fährt ein Teil des FoodLabs-Teams an die Technische Universität Berlin. Dort gibt es ein tolles Institut, das zu Fermentationsprozessen und -techniken forscht. Wir werden einige Stunden dort sein, wissenschaftliche Teams kennenlernen, uns mit denen austauschen, diskutieren, welche Themen und Projekte auch für eine Startup-Reise interessant sein könnten. Aber auch, welche Individuen das Persönlichkeitsprofil dafür mitbringen, diese Reise bis ans Ziel gehen zu können.”

Manifesto-Zitat (neben Foto eines zarten Keimlings, hellgrün und lichtgebadet): „Eine bessere Zukunft gestalten: Die Zukunft ist eine Leinwand mit unendlichen Möglichkeiten, und wir halten den Pinsel in der Hand. Mit jeder Innovation, die wir entwickeln, und jedem Unternehmer, den wir unterstützen, malen wir ein Bild der Hoffnung, Widerstandsfähigkeit und Harmonie – eine Welt, in der das Wohlergehen unseres Planeten und seiner Bewohner miteinander verbunden sind.“

Kann Europa noch mithalten? - Absolut!

Nun, legen wir den Pinsel einmal beiseite. Knallhart gefragt: Neue Lebensmittel “made in Europe”, haben die überhaupt noch eine Chance auf dem globalen Markt? Gerade in diesem Segment tummeln sich ja zahlreiche Konkurrenten aus den USA und Asien. Können europäische Start-Ups mithalten? “Absolut”, bejaht Friederich. “Wir sehen das auch daran, dass wir sehr spannende asiatische Partner haben, die auch in unseren Fonds investieren oder mit denen wir in sehr engem Austausch sind, die ganz bewusst aktiv nach Europa schauen, um zu gucken, was entstehen hier für Zukunftstechnologien, an denen sie dann auch teilhaben wollen. Also ich glaube, das ist das stärkste Signal, das man haben kann.“

Um dann doch etwas Wasser in den Wein der Begeisterung zu kippen, erwähne ich gegenüber Friederich die nicht gerade rekordverdächtigen Wagniskapitalzahlen des vergangenen Jahres. Europaweit aber auch global scheint die Lust auf aufregende Investitionen in neue Lebensmittel eher abzuflauen, so zumindest die Perspektive des Laien.

Friederich schwächt ab: „Was sich fundamental nicht ändert, sind die Herausforderungen (in den Bereichen globale Lebensmittelsicherheit und Klimawandel), die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten gelöst werden müssen. Ein zweiter Punkt ist die steigende Zahl der neuen Teams, die sich bei uns melden, die an den Start gehen wollen, uns spannende Lösungen vorstellen. Und eine dritte Komponente: Industrie und Politik zeigen immer mehr Offenheit zu kollaborieren, zu investieren und einen Weg auch für Startups zu bahnen.“

Konzept "Sciencepreneurship"

Sichtlich zufrieden legt Friederich Wert auf die Feststellung, dass das „Konzept Sciencepreneurship“ an Fahrt aufnehme: „Immer mehr Teams aus führenden Forschungseinrichtungen trauen sich, den Weg in die freie Wirtschaft zu gehen.“ Nach der Zeit der Risikokapital-Saat kommt die Zeit des Heranwachsens und Reifens, das gilt für Pflanzen wie für Ideen und Start-Ups, meint Friederich und übt sich in Gelassenheit: „Bis sich das in Kapitalmengen niederschlägt, dauert das eben eine Weile.“

Und was ist mit „künstlicher Intelligenz“, spielt die eine zunehmende Rolle bei Start-Ups, gerade in den Bereichen neue Lebensmittel und Biotechnologie? Friederich bejaht: „K.I. spielt eine Riesenrolle, denn Biologie ist wahrscheinlich der größte Datensatz, den wir auf der Welt haben. Aber Biologie ist auch noch wahnsinnig schwer zu greifen und als Datensatz zu erheben und zu strukturieren. Wir bewegen uns in Richtung von programmierbarer Biologie, dass wir als Menschheit soweit kommen, dass wir wirklich vorhersagen können und genau wissen, welche Aktion zu welcher Reaktion führt. Also weniger trial and error (Versuch und Irrtum) und mehr ganz bewusstes Design.“

Künstliche Intelligenz spielt eine Riesenrolle, denn Biologie ist wahrscheinlich der größte Datensatz, den wir auf der Welt haben.
Adrian Friederich
FoodLabs Principal, Head of Investment

Seit 2016 hat FoodLabs in fast hundert Unternehmen investiert, die Liste ist lang: Formo, Project Eaden, Infinite Roots, Micro Harvest, Pacifico Biolabs, Aardaia, InPlanet, Holy, Popit, Vuala, Klim, The Better Cat, Minus Coffee, Voltrac… Frage an Herrn Friederich: „Wenn Sie auf die Arbeit der vergangenen Jahre zurückblicken, auf was sind Sie besonders stolz?“

Beschleunigte Domestizierung von Wildpflanzen

Nach kurzem Überlegen meint Friederich: „Am meisten bin ich stolz darauf, mit innovativen Unternehmerteams zusammenzuarbeiten, die an der Zukunft von Laborautomatisierung arbeiten, die neue Wege finden, Nebenströme und Abfallströme aufzunehmen und aufzuwerten in wertvolle und relevante Produkte. Und dann auch einige wirklich sehr ambitionierte Projekte von beschleunigter Domestizierung von Wildpflanzen. Das wird sehr erfolgreich umgesetzt.“

Und wie sehen Sie die Rolle Europas? Ist die Europäische Union eher ein Hindernis oder ein Motor der Entwicklung? Adrian Friederich wägt ab, bemüht sich um eine differenzierte Antwort: „Die EU kann man mit einem Motor vergleichen, der noch ein bisschen ruckelt. Es gibt immer noch zu viele Insellösungen und noch immer keine perfekte Harmonisierung. Aber alles, was dazu beiträgt, dass wir gesamtheitlich europäisch denken, hilft uns, wirklich kompetitive Ideen in die freie Marktwirtschaft zu tragen.“

Die EU kann man mit einem Motor vergleichen, der noch ein bisschen ruckelt. Es gibt immer noch zu viele Insellösungen und noch immer keine perfekte Harmonisierung.
Adrian Friederich
FoodLabs Principal, Head of Investments

Das war jetzt druckreif formuliert, aber ich hätte es doch gerne etwas konkreter, weshalb ich an dieser Stelle nachhake: „Manche Start-Ups beschweren sich darüber, dass es in der EU angeblich zu komplizierte Regularien und zu lange Genehmigungsprozeduren gibt, bei der Zulassung neuer Lebensmittel beispielsweise. Wie sehen Sie das: Richtig? Falsch?“

Vorreiter Singapur und Südkorea

Friederichs Antwort: „Das stimmt an einigen Stellen. Gerade wenn es darum geht, neue Lebensmittel zulassen zu wollen, ist es faktisch leichter an anderen Orten dieser Welt. Dort gibt es Vorreiter wie Singapur und Südkorea. Aber auch in den USA war die Zulassung von Novel Food bislang sehr viel einfacher als in Europa.“ Was sich unter der Trump-Präsidentschaft ändern könnte.

Doch bleiben wir in Europa: „Ihre Wunschliste, Herr Friederich, für Politiker in Berlin und Brüssel. Was sollte sich ändern, damit made in Europe weiterhin Weltspitze bleibt, auch in den Bereichen Lebensmittel- und Biotechnologie?“

„Bei der Regulatorik sollten wir in der EU keine unnötigen bottlenecks, also Flaschenhälse im Sinn von Engpässen haben.“ Wo neue Produkte freigegeben werden können, sollten sie auch schnell freigegeben werden, mahnt der Hüter der Wagniskapitalmillionen. Die jüngsten EU-Vereinfachungen im Bereich der Regulatorik für Genmodifizierung beispielsweise begrüßt Friederich: „Das haben wir mit sehr viel Freude gesehen.“ Ganz generell müsse es einfacher werden für Startups, ihre innovative Technologie zu validieren, „ohne jahrelang warten zu müssen“ (Friederich).

Startups sollten es leichter haben, neue Produkte auf den Markt zu bringen, Genehmigungsverfahren sollten vereinfacht werden, fordert FoodLabs.
Startups sollten es leichter haben, neue Produkte auf den Markt zu bringen, Genehmigungsverfahren sollten vereinfacht werden, fordert FoodLabs. Hans von der Brelie

Und auch was Fördergelder aus Brüssel betrifft, meldet der Mann einen Wunsch an: „Die Förderlandschaft sollte zentralisiert werden. Es sollte besser strukturiert gefördert werden. Weniger Flickenteppich!“

Tipp für Gründer: Sich früh mit dem Markt beschäftigen

Friederich und seine Kollegen kennen Tausende Jungunternehmer, Wissenschaftler, Genies, Erfinder, Gründer, Macher und Menschen mit Mut. „Was ist denn Ihre ganz persönliche Empfehlung“, will ich von Friederich wissen, „was tun, damit ein Start-Up ein Erfolg wird, sich vielleicht sogar eines Tages in ein Einhorn verwandelt?“

Adrian Friederich holt Luft. Freundlich aber bestimmt führt er aus: „Sich ganz früh mit dem Markt beschäftigen und mit den Kundengruppen, die man adressieren möchte. Und dann: Raus aus dem Labor! Rein in die Realität! Früh Einblicke und Erfahrungen sammeln – und dann etwas entwickeln, was die Welt wirklich braucht.“

Raus aus dem Labor! Rein in die Realität! Früh Einblicke und Erfahrungen sammeln – und dann etwas entwickeln, was die Welt wirklich braucht.
Adrian Friederich
FoodLabs Principal, Head of Investment

2-Millionen-Euro-Tickets

Sprechen wir noch einmal vom Geld. Wie funktioniert das eigentlich bei einem spezialisierten Wagniskapitalfonds wie FoodLabs? Angenommen, ich hätte eine blendende Idee, kann aber bei den konservativ agierenden klassischen Banken kein Kapital locker machen. Wie springt der Risikokapitalgeber hier ein – und mit welchen Summen?

Von der ersten Pre-Seed- bis zur darauf folgenden Seed-Phase stellt FoodLabs Finanzmittel zwischen 100.000 Euro und 2 Millionen Euro zur Verfügung. Wobei Friederich und seine Kollegen das gute Geld natürlich nicht freihändig verteilen, sondern jeden Einzelfall auf Herz und Nieren prüfen, dann aber auch – wenn echtes Potential gesehen wird – voll ins Risiko gehen. Nach dem Motto: Wer wagt, gewinnt (vielleicht später einmal)!

Wie wird es aussehen, das Obstkisterl der Zukunft?
Wie wird es aussehen, das Obstkisterl der Zukunft? Hans von der Brelie

Abendbrot-Tisch 2050

Da wir während des Gesprächs gleich mehrfach auf das Thema neue Lebensmittel gekommen sind, will ich abschließend von Friederich auch noch wissen, wie er sich denn seinen Abendbrot-Tisch im Jahr 2050 vorstellt.

Friedrich lacht. Dann sagt er: “Wir sind ja in Deutschland, also würde ich sagen, dass 2050 das Brot wahrscheinlich noch köstlicher als heute ist. Es besteht aus einem neuen Getreide, das Umweltvorteile hat, aber auch super ernährend ist. Daneben liegt eine Wurst, die vielleicht aus einem pflanzlichen Produkt entstanden ist. Käse und Fleisch kommen möglicherweise aus dem Bioreaktor. Dazu wird ein probiotisches Getränk kredenzt, das uns gesund macht und unsere Langlebigkeit fördert.“

Und zum Abschluss noch ein letzter Blick in das FoodLab-Manifesto: “Technologische Durchbrüche sind zwar faszinierend, aber wir sollten niemals Kompromisse in Bezug auf Ethik eingehen. Wir unterstützen Innovationen, die sowohl revolutionär als auch ethisch verantwortungsvoll sind.”

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

Europäische Start-ups: KI-Rennen gegen die USA und China ist nicht verloren

Unternehmensfinanzierung: Wohin fließt das Risikokapital in Europa?

Risikokapital kann das Geschäft ankurbeln