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Esten fahren über gefrorene Ostsee: Was steckt hinter der Kältewelle?

Zwei Autos überqueren am Dienstag, dem zehnten Februar 2026, die zugefrorene Soela-Straße in der Ostsee nahe Hiiumaa in Estland.
Zwei Autos überqueren am Dienstag, dem zehnten Februar zweitausendsechsundzwanzig, die zugefrorene Soela-Straße in der Ostsee nahe Hiiumaa in Estland. Copyright  AP Photo/Kostya Manekov
Copyright AP Photo/Kostya Manekov
Von Angela Symons & Kostya Manekov mit AP
Zuerst veröffentlicht am
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Passagiere dürfen die Sicherheitsgurte nicht anlegen, damit sie im Notfall oder bei einem Unfall das Fahrzeug besonders schnell verlassen können.

In Nordeuropa ist es derzeit so kalt, dass Estinnen und Esten einen rund zwanzig Kilometer langen, zugefrorenen Meeresabschnitt nutzen können, der die beiden größten Inseln des Landes verbindet.

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Die sogenannte „Eisstraße“ verläuft zwischen den Inseln Saaremaa und Hiiumaa vor Westestland, zwischen der Ostsee und dem Rigaischen Meerbusen. Am Sonntag, dem achten Februar, wurde die Route offiziell freigegeben – schon am Nachmittag wartete eine lange Autoschlange auf die Überfahrt.

Die Behörden entschieden sich zur Öffnung, weil immer mehr Einheimische auf eigene Faust über das Eis fuhren und sich damit in große Gefahr brachten. Die Fähren hatten im zugefrorenen Meer große Mühe, den Fahrplan einzuhalten; seit Wochen sank das Thermometer immer wieder auf minus zehn Grad Celsius.

Woher kommt die Kältewelle in Nordeuropa?

Meteorologinnen und Meteorologen bringen die Kälte mit ungewöhnlich warmen Bedingungen in der Arktis und veränderten Luftströmungen in Verbindung. Sie sprechen von einer Störung des Polarwirbels, eines Ringes starker Winde, der normalerweise die kälteste Luft über dem Nordpol festhält. Schwächt sich dieser Wirbel ab oder verformt er sich, kann arktische Luft nach Süden ausbrechen – so wie derzeit in Nord- und Mitteleuropa sowie in Teilen der Vereinigten Staaten.

Fachleute verweisen außerdem auf sogenannte blockierende Hochdruckgebiete, die das Kaltluftpolster festhalten und mildere Atlantikluft abdrängen. Einige Forschende vermuten, dass rekordniedriges arktisches Meereis und ein geringerer Temperaturunterschied zwischen Arktis und mittleren Breiten zu einem schwächeren, stärker mäandrierenden Jetstream beitragen. Das könnte Kältewellen wahrscheinlicher machen und verlängern – über diesen Zusammenhang wird jedoch noch gestritten.

In Westestland liegen die Temperaturen weit unter dem für die Jahreszeit üblichen Niveau, und die zugefrorene Ostsee verstärkt die Kälte noch. Normalerweise gibt das Wasser Wärme an die Luft ab – jetzt konserviert die Eisschicht den Dauerfrost.

Eine Fähre fährt von der Insel Hiiumaa in das zugefrorene Wasser der Ostsee, Estland, Dienstag, den zehnten Februar 2026.
Eine Fähre fährt von der Insel Hiiumaa in das zugefrorene Wasser der Ostsee, Estland, Dienstag, den zehnten Februar 2026. AP Photo/Kostya Manekov

Bei Schnee oder Sonne: Aufs Meer zu gehen gehört zur Kultur

Auf der kleineren Insel Hiiumaa leben rund 9.000 Menschen. Viele fahren regelmäßig nach Saaremaa, wo etwa 31.000 Menschen leben – zum Einkaufen, für einen Kaffee oder um die Kinder zur Schule zu bringen. Von der größeren Insel aus besteht auch die Verbindung zum estnischen Festland.

Die Öffnung der Eisstraße war zunächst eine praktische Notlösung. Für Hergo Tasuja, den Bürgermeister von Hiiumaa, ist sie aber auch „Teil unserer Kultur“.

„Seit Generationen gehen die Menschen, die hier leben, vor allem jene an der Küste, im Sommer schwimmen und mit dem Boot hinaus“, sagte Tasuja der Nachrichtenagentur The Associated Press. „Und im Winter liegt es ihnen im Blut, aufs Meer zu gehen und das Eis zu betreten.“

Ein Auto fährt über den zugefrorenen Soelasund in der Ostsee nahe Hiiumaa, Estland, Dienstag, den zehnten Februar 2026.
Ein Auto fährt über den zugefrorenen Soelasund in der Ostsee nahe Hiiumaa, Estland, Dienstag, den zehnten Februar 2026. AP Photo/Kostya Manekov

Wie sicher ist Estlands Eisstraße?

Im Grunde handelt es sich um einen markierten Korridor auf dem zugefrorenen Meer, in dem Fachleute festgestellt haben, dass das Eis dick genug ist, um Autos zu tragen.

Die Vorbereitung sei allerdings aufwendig, sagte Marek Koppel, Straßenunterhaltungsleiter beim Bauunternehmen Verston Eesti, das die Eisstraße baut und betreibt. Teams messen alle 100 Meter die Eisdicke, um Abschnitte mit mehr als 24 Zentimetern Eis zu finden – das ist das Sicherheitsminimum. Außerdem glätten sie buckliges Eis und verschließen Risse. Wetter und Eisfestigkeit überwachen sie rund um die Uhr und passen die Route bei Bedarf an.

Fahrzeuge dürfen höchstens 2,5 Tonnen wiegen. Sie müssen entweder langsamer als 20 Stundenkilometer fahren oder zwischen 40 und 70 Stundenkilometern – Geschwindigkeiten dazwischen können Vibrationen erzeugen, die das Eis beschädigen. Anhalten ist verboten, und zwischen den Autos muss genügend Abstand bleiben. Die Insassen legen ihre Sicherheitsgurte ab, und die Türen müssen sich leicht öffnen lassen, damit alle im Notfall schnell aussteigen können.

„Die Straße war ziemlich gut, man konnte leicht fahren“, sagte Alexei Ulyvanov, der im nahe gelegenen Tallinn lebt und mit seinen Kindern auf die Inseln reiste, um ihnen zu zeigen, „dass man tatsächlich mit dem Auto über das Meer fahren kann“.

Nach Angaben Tasujas verband zuletzt vor rund acht Jahren eine Eisstraße die beiden Inseln. Seitdem waren die Winter zu warm.

Verston, das Bauunternehmen, teilte mit, die Behörden hätten es beauftragt, in dieser Woche zwei weitere Eisrouten einzurichten, die das estnische Festland mit zwei kleineren Inseln verbinden sollen.

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