Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Großer Verlust: Grönlands Schlittenhund-Champion bangt um Kultur durch tauendes Eis

In Ilulissat in Grönland streichelt Jørgen Kristensen am Dienstag, 27. Januar 2026, seinen Schlittenhund vor der Fahrt.
Jørgen Kristensen streichelt am Dienstag, 27. Januar 2026, in Ilulissat in Grönland seinen Schlittenhund vor der Fahrt. Copyright  AP Photo/Evgeniy Maloletka
Copyright AP Photo/Evgeniy Maloletka
Von Emma Burrows, Evgeniy Maloletka and Kwiyeon Ha mit AP
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare
Teilen Close Button

Der Schlittenhunde-Champion Jørgen Kristensen, zweiundsechzig, sagt, er erlebe zum ersten Mal einen Januar ganz ohne Schnee in seinem Leben.

Als Kind in einem Dorf im Norden Grönlands waren Jørgen Kristensens engste Freunde die Schlittenhunde seines Stiefvaters. Die meisten seiner Mitschüler waren dunkelhaarige Inuit, er stach heraus. Wenn ihn andere in der Schule wegen seiner hellen Haare hänselten – geerbt von einem dänischen Vater vom Festland, den er nie kennengelernt hat –, suchte er den Trost der Hunde.

WERBUNG
WERBUNG

Mit neun Jahren fuhr er zum ersten Mal allein mit ihnen zum Fischen aufs Eis hinaus. Aus diesen Touren entstand eine lebenslange Leidenschaft – und Kristensens Karriere als fünffacher grönländischer Hundeschlittenmeister.

„Ich war nur ein kleines Kind. Aber viele Jahre später habe ich angefangen zu überlegen, warum ich Hunde so sehr liebe“, sagt der heute zweiundsechzigjährige Kristensen.

„Die Hunde waren eine große Stütze. Sie haben mich wieder aufgerichtet, wenn ich traurig war.“
Jørgen Kristensen
Grönländischer Hundeschlittenmeister

„Die Hunde waren eine große Stütze“, sagt er. „Sie haben mich wieder aufgerichtet, wenn ich traurig war.“

Seit mehr als tausend Jahren ziehen Hunde Schlitten über die Arktis, für Inuit‑Robbenjäger und Fischer. In diesem Winter ist das in der Stadt Ilulissat, rund 300 Kilometer nördlich des Polarkreises, jedoch nicht möglich.

Statt über Schnee und Eis zu gleiten, holpert Kristensens Schlitten über Erde und Felsen. Er deutet auf die Hügel und sagt, er könne sich nicht erinnern, jemals einen Januar ohne Schnee – und ohne Eis in der Bucht – erlebt zu haben.

Steigende Temperaturen in Grönland lassen den Meeresspiegel weltweit ansteigen

Die höheren Temperaturen in Ilulissat lassen den Permafrost tauen, Gebäude absacken und Leitungen reißen. Die Folgen sind aber weit über Grönland hinaus spürbar.

Der nahegelegene Gletscher Sermeq Kujalleq gehört zu den schnellsten und aktivsten der Welt. Er stößt nach Angaben der UN‑Kulturorganisation UNESCO mehr Eisberge ins Meer als jeder andere Gletscher außerhalb der Antarktis.

Mit der Erwärmung des Klimas hat sich der Gletscher immer weiter zurückgezogen und bricht heute schneller denn je große Eismassen ab – und trägt so laut der US‑Raumfahrtbehörde NASA erheblich zu den steigenden Meeresspiegeln von Europa bis zu den Pazifikinseln bei.

Das schmelzende Eis könnte unerschlossene Vorkommen kritischer Rohstoffe freilegen. Viele Grönländerinnen und Grönländer sind überzeugt, dass genau das der Grund ist, warum US‑Präsident Donald Trump ihre Insel mit seinem Anspruch, sie besitzen zu wollen, und früheren Anspielungen, die USA könnten sie notfalls mit Gewalt nehmen, zu einem geopolitischen Hotspot gemacht hat.

Grönländische Schlittenhunde stehen in Ilulissat, Grönland, Dienstag, 27. Januar 2026.
Grönländische Schlittenhunde stehen in Ilulissat, Grönland, Dienstag, 27. Januar 2026. AP Photo/Evgeniy Maloletka

„Große Teile unserer Kultur gehen verloren“

In den 1980er‑Jahren lagen die Wintertemperaturen in Ilulissat nach Kristensens Erinnerung oft bei etwa minus 25 Grad.

Heute gibt es viele Tage mit Plusgraden – manchmal steigt das Thermometer auf bis zu zehn Grad.

Kristensen sagt, er müsse inzwischen Schnee einsammeln, damit die Hunde unterwegs trinken können, denn entlang der Route liegt keiner mehr.

Die Menschen in Grönland haben sich zwar schon immer angepasst – eines Tages könnten Hundeschlitten vielleicht Räder bekommen. Doch das schwindende Eis trifft sie ins Mark, sagt Kristensen, der heute eine eigene Firma führt und Touristinnen und Touristen seine arktische Heimat zeigt.

„Wenn wir das Hundeschlittenfahren verlieren, verlieren wir große Teile unserer Kultur. Das macht mir Angst“, sagt er, presst die Lippen zusammen und kämpft mit den Tränen.

Ein Schlittenhund steht unter den Nordlichtern über Ilulissat, Grönland, Mittwoch, 28. Januar 2026.
Ein Schlittenhund steht unter den Nordlichtern über Ilulissat, Grönland, Mittwoch, 28. Januar 2026. AP Photo/Evgeniy Maloletka

Das Meereis verschwindet

Im Winter sollten Jäger mit ihren Hunden weit hinaus aufs Meereis fahren können, sagt Kristensen. Die Eisflächen wirkten wie „große Brücken“: Sie verbanden die Menschen in Grönland mit ihren Jagdgebieten, aber auch mit anderen Inuit‑Gemeinschaften in Kanada, den USA und Russland.

„Wenn das Meereis früher kam, fühlten wir uns entlang der gesamten Küste völlig offen und frei und konnten selbst entscheiden, wohin wir fahren“, sagt Kristensen.

In diesem Januar gab es überhaupt kein Eis.

Mit dem Hundeschlitten über das Eis zu fahren, sei „wie komplett ohne Grenzen zu sein – wie auf der längsten und breitesten Autobahn der Welt“, erklärt er. Dass dieses Gefühl verschwinde, sei „ein sehr großer Verlust“.

Vor einigen Jahren musste die Regierung Grönlands vielen Familien im hohen Norden der Insel finanziell unter die Arme greifen, berichtet Sara Olsvig, Vorsitzende des Inuit Circumpolar Council, der Inuit aus allen Arktisstaaten vertritt. Damals fror das Meereis nicht mehr hart genug, um jagen zu können.

Das wärmere Wetter macht auch das Leben für Fischer gefährlicher, die ihre Hundeschlitten gegen Boote eingetauscht haben, sagt Morgan Angaju Josefsen Røjkjær, Kristensens Geschäftspartnerin. Statt Schnee falle immer öfter Regen.

Wenn Schnee fällt und zusammengedrückt wird, bleibt Luft zwischen den Flocken eingeschlossen – so entsteht das leuchtende Weiß des Eises. Gefriert dagegen Regen, enthält das Eis kaum Luft und wirkt eher wie Glas.

Weißes Eis können Fischer erkennen und versuchen, es zu meiden. Von Regen gebildetes Eis nimmt jedoch die Farbe des Meeres an – und das ist gefährlich, denn „es kann dich versenken oder dich aus dem Boot werfen“, sagt Røjkjær.

Der Klimawandel „trifft uns tief“, sagt Olsvig. In der Arktis wirke er verstärkt: Die Region erwärme sich „drei- bis viermal schneller als der globale Durchschnitt“.

Jørgen Kristensen fährt mit seinem Hundeschlitten in Ilulissat, Grönland, Dienstag, 27. Januar 2026.
Jørgen Kristensen fährt mit seinem Hundeschlitten in Ilulissat, Grönland, Dienstag, 27. Januar 2026. AP Photo/Evgeniy Maloletka

Die Gletscher schmelzen

Im Laufe seines Lebens habe sich der Gletscher Sermeq Kujalleq um rund 40 Kilometer zurückgezogen, sagt Karl Sandgreen, sechsundvierzig, Leiter des Eisfjord‑Zentrums von Ilulissat, das den Gletscher und seine Eisberge dokumentiert.

Durch das Fenster blickt Sandgreen auf Hügel, die normalerweise schneebedeckt wären. Er beschreibt freigelegtes Gestein und ein Tal im Fjord, das früher von Eis gefüllt war – „heute ist dort nichts mehr“.

Auch Verschmutzung beschleunigt das Schmelzen des Eises, erläutert Sandgreen. Sermeq Kujalleq verliere von oben her Masse, anders als viele Gletscher in der Antarktis, die durch steigende Meerestemperaturen vor allem von unten abtauen.

Zwei Faktoren verstärken diesen Prozess: Black Carbon, also Rußpartikel aus Schiffsabgasen, und Material aus Vulkanausbrüchen. Sie legen sich als dunkle Schicht auf Schnee und Eis, mindern die Reflexion des Sonnenlichts, nehmen mehr Wärme auf und beschleunigen so das Schmelzen. Black Carbon hat in den vergangenen Jahrzehnten mit dem zunehmenden Schiffsverkehr in der Arktis deutlich zugenommen, und im nahen Island kommt es regelmäßig zu Vulkanausbrüchen.

Viele Grönländerinnen und Grönländer sagten der Nachrichtenagentur AP, sie seien überzeugt, dass das schmelzende Eis der Grund ist, warum Trump – ein Staatschef, der den Klimawandel „als größten Schwindel aller Zeiten“ bezeichnet hat – die Insel besitzen will.

„Es geht ihm um die Rohstoffe“, sagt Sandgreen.

Seit Trump wieder im Amt ist, seien weniger Klimaforschende aus den USA nach Ilulissat gekommen, berichtet er. Der US‑Präsident müsse „auf die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hören“, die die Folgen der Erderwärmung dokumentieren, sagt Sandgreen.

Jørgen Kristensen steigt an einem Eisberg in der Diskobucht nahe Ilulissat, Grönland, Donnerstag, 29. Januar 2026, in ein Boot.
Jørgen Kristensen steigt an einem Eisberg in der Diskobucht nahe Ilulissat, Grönland, Donnerstag, 29. Januar 2026, in ein Boot. AP Photo/Evgeniy Maloletka

Kindern den Klimawandel erklären

Kristensen erzählt, er versuche den Touristinnen und Touristen, die er mit dem Hundeschlitten oder auf Bootstouren zu den Eisbergen bringt, die Folgen der Erderwärmung zu erklären. Er sage ihnen, dass Grönlands Gletscher genauso wichtig seien wie der Amazonas-Regenwald in Brasilien.

Internationale Gipfeltreffen wie die UN‑Klimaverhandlungen im November in der Amazonas‑Metropole Belém spielen dabei eine Rolle. Genauso wichtig sei es jedoch, „Kindern auf der ganzen Welt“ die Bedeutung von Eis und Ozeanen nahezubringen – gleichberechtigt mit Fächern wie Mathematik, sagt Kristensen.

„Wenn wir nicht bei den Kindern anfangen, können wir der Natur kaum helfen. Dann bleibt uns nur, sie zu zerstören“, sagt Kristensen.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

Heftige Stürme: Spur der Verwüstung, Tote in Portugal und neue Wetter-Warnungen in Frankreich

Esten fahren über gefrorene Ostsee: Was steckt hinter der Kältewelle?

Heißzeit-Risiko: Forschende warnen, mehrere Klimasysteme nähern sich Kipppunkten