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Novak Djokovic: Der Tennis-Superstar, der Impfgegner, der Nationalist - der Egoist?

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Von Aleksandar Brezar
Eine riesige Werbetafel mit einem Bild von Novak Djokovic an einer Häuserwand in Belgrad, Serbien.
Eine riesige Werbetafel mit einem Bild von Novak Djokovic an einer Häuserwand in Belgrad, Serbien.   -   Copyright  AP Photo/Darko Vojinovic

Vor Beginn der Australian Open in der kommenden Woche bekam die Welt eine andere, weniger bekannte Seite eines der erfolgreichsten Tennisspieler der Geschichte zu sehen.

Novak Djokovic, die amtierende Nummer 1 der Welt, der auf der Jagd nach seinem 21. Grand-Slam-Titel ist, wurde von den australischen Behörden die Einreise verweigert, weil für die medizinische Ausnahmegenehmigung, die er von den Organisatoren der Australian Open erhalten hatte, Nachweise fehlten.

Nachdem er mehrere Stunden auf dem Flughafen von Melbourne festgehalten worden war, wurde er zunächst aufgefordert, den Flughafen zu verlassen. Schließlich wurde er in einem Zentrum für Asylbewerber:innen untergebracht, während sein Anwaltsteam gegen die Einreiseverweigerung vorging.

Djokovic hat sich seit Beginn der Pandemie öffentlich skeptisch gegenüber der Impfung geäußert. Am Montag gaben die Behörden in Australien auch offiziell bekannt, dass Djokovic nicht geimpft ist. Offenbar fehlte nun bei seiner Einreise der Nachweis über einen medizinischen Zustand, der eine Impfung unmöglich machen würde.

Am Wochenende wurde dann bekannt, dass Djokovic laut vor Gericht eingereichter Papiere Mitte Dezember positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Einen Tag nach dem Test wurde er aber in der Öffentlichkeit gesehen und hatte zu zahlreichen Menschen Kontakt - ohne Maske.

Der Skandal weitete sich zu einem weltweiten Medienspektakel aus, und viele Menschen zeigen sich angesichts Djokovics Einstellung verständnislos. Für Impfgegner und COVID-Skeptiker ist Djokovic zu einem Helden geworden, der dem Establishment die Stirn bietet. Oder, wie es sein Vater Srđan in einer Erklärung gegenüber serbischen Medien kurz nach der Einreiseverweigerung seines Sohnes ausdrückte, "der Spartakus der neuen Zeit".

Tennis-Superstar gegen Pyramidenumarmer

"Djokovic war immer eine Art Dr. Jekyll und Mr. Hyde", sagte Sorin Cucerai, ein politischer Kommentator aus Rumänien.

"Es gibt zwei Seiten von Djokovic. Die eine Seite ist 'Nole' - ein fabelhafter Tennisspieler, der viel für den Sport und insbesondere für den Tennissport getan hat, jemand, der auf vielen Ebenen einen sehr positiven Einfluss auf den Tennissport hatte."

Nole ist ein Kosename für Novak, der in Djokovics Muttersprache Serbisch üblich ist.

"Auf der anderen Seite gibt es den, nennen wir ihn mal 'Novax'. Ein sehr seltsamer Typ mit seltsamen New-Age-Überzeugungen, die er von Zeit zu Zeit zur Schau stellt, und auch ein Verschwörungstheoretiker", erklärte er.

Tennis-Rivale Rafael Nadal ist geimpft und vertraut auf die Impfung. Im Zusammenhang mit Djokovics Streit mit der australischen Justiz sprach Nadal von "Zirkus".

Nole vs. Novax

"Nole und Novax gab es von Anfang an. Aber die meiste Zeit über steht Nole im Vordergrund. Jeder sieht den fabelhaften Tennisspieler."

"Ab und zu steht Novax im Mittelpunkt, wie bei diesem Vorfall in Australien", sagte Cucerai.

Während die meisten Menschen sich an seine sportlichen Leistungen auf dem Tennisplatz erinnern, scheinen Djokovics Berührungen mit esoterischen Überzeugungen und oft auch mit reinen Verschwörungstheorien aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden zu sein.

Unter anderem erklärte Djokovic an die Reinigung von Wasser durch Emotionen zu glauben. Er behauptete, "Menschen getroffen und gesehen zu haben, die Energieumwandlung durch die Kraft des Gebets und der Dankbarkeit genutzt haben, um selbst die giftigsten Lebensmittel und Wasser in Wasser mit heilenden Kräften zu verwandeln". Ins bosnische Visoko reist er regelmäßig, um seinen Körper im Tal der Pyramiden mit positiven Ionen aufzuladen.

Einige der Geschichten, an die er glaubt und zu denen er öffentlich steht, wirken bestenfalls skurril.

Novak der Superspreader

Dann veranstaltete Djokovic mitten in der Pandemie ein Turnier im kroatischen Zadar, um zu beweisen, dass die Welt angesichts von COVID-19 weiterhin normal funktionieren könne. Wenig später musste er sich aber für die Organisation entschuldigen, nachdem viele der Teilnehmer, darunter auch er, positiv getestet worden waren.

Im April 2020 wurde dann seine Kritik an einer möglichen Impfpflicht und einem Misstrauen gegenüber Impfstoffen deutlicher.

"Ich persönlich bin gegen Impfungen und möchte nicht, dass mich jemand dazu zwingt, eine zu bekommen, damit ich reisen kann. Wenn dies zu einer Regel und einem Gesetz wird, was wird dann passieren?", sagte er in einem Live-Chat mit seinen Davis-Cup-Teamkollegen.

AP Photo/Hamish Blair
Demonstranten versammeln sich in Melbourne vor dem Hotel für Einwanderer, in dem der serbische Spieler Novak Djokovic auf eine mögliche Ausweisung wartete.AP Photo/Hamish Blair

"Für ihn ist das ziemlich unangenehm, wenn Sie mich fragen", sagte Cucerai.

"Weil er psychologisch gesehen Novax braucht. Er ist gut, wenn das Publikum gegen ihn ist, und er braucht seine Novax-Persönlichkeit, um weiter zu kämpfen und Turniere zu gewinnen."

"Er ist nicht so beliebt wie [Roger] Federer oder Rafa Nadal, und er wird von der westlichen Öffentlichkeit nicht gemocht. Aber die andere Seite der Geschichte ist, dass seine Ansichten gefährlich sind, in dem Sinne, dass er eindeutig auch ein serbischer Nationalist ist", so Cucerai.

Im Jahr 2021 wurde Djokovic für seinen Besuch in Bosnien kritisiert, nachdem Fotos von seinem Treffen mit einem Kommandeur der "Drina Volves" aufgetaucht waren, einer Einheit, die am Völkermord von Srebrenica im Jahr 1995 beteiligt war. Damals wurden mehr als 8.000 bosniakische Männer und Jungen im Juli über drei Tage wegen ihres muslimischen Glaubens hingerichtet.

Später zeigte ein Video wie Djokovic auf einer Hochzeit sang und vom bosnisch-serbischen Nationalistenführer Milorad Dodik umarmt wurde, dessen separatistische Tendenzen derzeit die größte Krise in dem Land seit dem Ende des Krieges von 1992-1995 auslösten.

Seine Haltung zum Kosovo ist allgemein bekannt. Die ehemalige serbische Provinz, die sich nach dem NATO-Bombardement von 1999 und einem Jahrzehnt ethnischer Säuberungen gegen ethnische Albaner unter der Führung von Slobodan Milošević abspaltete, ist für viele serbische Nationalisten und Politiker ein Schwachpunkt.

Nachdem 2008 in Belgrad große Proteste gegen die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo ausgebrochen waren, nahm Djokovic ein Video auf, in dem er sagte: "Wir sind bereit zu verteidigen, was uns rechtmäßig gehört. Kosovo ist Serbien."

Als er 2011 gefragt wurde, ob er sein Handeln bereue, sagte er dem deutschen Magazin Der Spiegel: "Es ist der Geburtsort meiner Familie und auch der serbischen Kultur selbst."

"Ich bedaure nicht, was ich getan habe. Wir wollen Gerechtigkeit, aber wir können sie einfach nicht bekommen", sagte er.

Nachdem die serbische Nationalmannschaft den ATP-Cup 2020 gewonnen hatte, sang Djokovic zusammen mit seinen Mannschaftskameraden nationalistische Lieder, darunter "Vidovdan" - ein bekanntes Lied über den Kosovo, das während der Kriege im Zuge des Zerfalls Jugoslawiens eine wichtige Rolle spielte.

Damals verteidigte sein Vater Srđan ihn mit einer umstrittenen Aussage. "Novak ist natürlich ein Nationalist, und ich bin es auch", sagte er gegenüber serbischen Zeitungen.

"Das ist überhaupt nichts Schlechtes. Wir lieben unser Volk und unser Land, wir hassen kein anderes Volk oder ein anderes Land."

"Ihr hasst Nole, weil ihr die Serben hasst"

Während er am Flughafen von Melbourne festgehalten wurde, behauptete Srđan in einem Instagram-Post, dass sein Sohn von den australischen Behörden wegen seiner serbischen Abstammung ins Visier genommen wurde.

"Heute Abend können sie ihn in einen Kerker werfen, morgen können sie ihn in Ketten legen."

"Sie können ihn nicht auf dem Platz stoppen, also haben sie beschlossen, ihn am Flughafen zu stoppen", schrieb Srđan Djokovic und sagte, die Menschen sollten Novak zurück nach Serbien willkommen heißen, "wie er es verdient."

AP Photo/Hamish Blair
Ein Fan schwenkt eine serbischen Flagge nach der Ankunft von Tennis-Star Novak Djokovic.AP Photo/Hamish Blair

Am nächsten Tag sagte Srđan Djokovic auf einer Pressekonferenz in Belgrad, dass "[Novak] in Gefangenschaft gehalten wird... Novak ist Serbien und Serbien ist Novak. Wenn sie auf Novak herumtrampeln, dann trampeln sie auf Serbien und dem serbischen Volk herum."

"Jesus Christus wurde gekreuzigt, aber er hat überlebt und lebt immer noch unter uns, und Novak wird auch gekreuzigt", sagte Srđan am orthodoxen Heiligabend, der am 6. Januar gefeiert wird.

Der serbische Präsident Aleksandar Vučić reagierte ebenfalls auf Instagram und bezeichnete die Entscheidung der australischen Behörden als eine Form der "Schikane".

Seit Beginn seiner australischen Tortur hat Djokovic nur eine einzige öffentliche Erklärung abgegeben, und zwar über eine Instagram-Story auf seinem Profil.

Entweder er gewinnt oder er verliert. Aber was ist mit dem Rest von uns?
Aleksandar Hemon
bosnisch-amerikanische Journalist und Schriftsteller

"Danke an meine Familie, Serbien und all die guten Menschen in der Welt, die mir Unterstützung schicken. Ich danke dem lieben Gott für meine Gesundheit", schrieb Djokovic in dem Beitrag.

Seine PR-Abteilung teilte Euronews mit, dass Djokovic sich zu keinem Thema äußern wird, bis sein Berufungsverfahren abgeschlossen ist.

Eine Reihe von regionalen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die für ihre Impfskepsis bekannt sind, wie der Schauspieler Branko Đurić Đuro und der Geschäftsmann und Amateurarchäologe, der hinter den gefälschten bosnischen Pyramiden steht, Semir Osmanagić, haben ihre Unterstützung für Djokovic zum Ausdruck gebracht.

Für Cucerai geht Djokovics Bekenntnis zum Nationalismus Hand in Hand mit seinem Interesse an Verschwörungstheorien.

"In abstrakter Form ist der Nationalismus eine Verschwörungstheorie, die besagt, dass eine fremde, okkulte Macht versucht, dem eigenen Land zu schaden", sagte er.

Ein Produkt seiner Kindheit

Der bosnisch-amerikanische Journalist und Schriftsteller Aleksandar Hemon ist der Ansicht, dass Djokovic die gängigen Ideen der Anhänger des serbischen Nationalismus vertritt, weil er in der Zeit des Zerfalls Jugoslawiens aufwuchs.

Die ehemalige sozialistische Föderation umfasste das heutige Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Serbien, den Kosovo und Nordmazedonien und zerfiel in einer Reihe der blutigsten Kriege, die es in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg gab.

Hemon erklärt, dass Djokovic mit seinen Taten den Erwartungen an einen Nationalhelden entspricht - Figuren, die er wahrscheinlich als Junge idealisiert hat - und dass er für seine Taten mit der Verehrung belohnt wird, die ihm von Serben und anderen Menschen weltweit entgegengebracht wird.

"Er ist nicht in der Lage, sich außerhalb dieser nationalistischen nationalen Identität zu sehen. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass er ein aggressiver Propagandist ist, aber er ist sicherlich nachgiebig und hat solche Propagandisten getroffen", sagte Hemon gegenüber Euronews.

Und viele seiner Handlungen - und Überzeugungen, seien sie nationalistisch oder gegen das Establishment gerichtet - sind darauf zurückzuführen, dass er in einem Land aufgewachsen ist, in dem der grassierende Nationalismus giftig und sogar blutig wurde.

"Ich denke, es ist symptomatisch für eine Generation, ja sogar Generationen, in der Region, die völlig unfähig ist, sich selbst zu sehen oder die eigene Persönlichkeit zu verstehen und zu begreifen, was die eigene Identität außerhalb des einfachsten, dümmsten nationalistischen Kontextes ausmacht. Und das ist tragisch", erklärte Hemon.

Themba Hadebe/2008 AP
Der serbische Tennisspieler Novak Djokovic spielt mit seinem Schläger während des Endspiels des Tennisturniers Paris Masters gegen den Russen Daniil MedvedevThemba Hadebe/2008 AP

Im Kontext des Serbiens der 1990er Jahre folgen Djokovics öffentliche Überzeugungen einfach einem bereits etablierten Muster, erklärt er.

"Ich erinnere mich an die Zeit vor dem Krieg in den 1990er Jahren, als Nikola Tesla plötzlich ein nationalistischer Held wurde, obwohl Tesla sich [zu Lebzeiten] für nichts davon interessierte."

"Und dann gab es all diese Fantasien über Geheimwaffen, und seriöse Leute, öffentliche Persönlichkeiten sprachen darüber und behaupteten, Serbien habe Laser, die NATO-Flugzeuge besiegen könnten, die Tesla dem Land als sein Erbe hinterlassen habe", erinnert sich Hemon.

"Ich erinnere mich, dass ich dies in zuvor seriösen Publikationen las und dachte: 'Wer in Gottes Namen würde das glauben?' Ich meine, das ist doch Wahnsinn. Und dann stellt man fest, dass die Leute es tatsächlich glauben."

Nationalisten, Esoteriker und Okkultisten seien sich ähnlich, meint Hemon, denn alle teilen die ausgeprägte Überzeugung, im Recht zu sein, wenn andere im Unrecht sind, selbst wenn Fakten das Gegenteil beweisen.

"Das Interessante ist, dass dieses Interesse an antiwissenschaftlichen New-Age-Mythologien in den nationalistischen Bewegungen dieser Welt weit verbreitet ist. Denn in gewisser Weise ist der Nationalismus eine Illusion, ein Märchen.

"Es ist also leicht, in Fantasien über Energien, Märchen und Weltverschwörungen und all das abzugleiten. Der Ansatz der Fantasiebildung funktioniert sowohl im Hinblick auf die nationale Identität als auch auf medizinische Eingriffe", sagte er.

"Sein öffentlicher Status verleiht dem Unsinn, über den er spricht, einen Wert. Öffentlicher Wert bedeutet auch öffentliche Verantwortung, aber er lehnt diese Verantwortung ab", so Hemon.

"Dieser Egoismus, diese Art von fanatischem Individualismus funktioniert im Tennis, wenn man der beste Spieler ist. Aber es ist schädlich für die Idee des öffentlichen Wohls, weil es für ihn kein öffentliches Wohl gibt, sondern nur ein persönliches Wohl. Entweder er gewinnt oder er verliert. Aber was ist mit dem Rest von uns?"