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Ukraine-Krise: Kann Europa ein Ende russischer Gaslieferungen abwettern?

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Von Stefan Grobe
Ukraine-Krise: Kann Europa ein Ende russischer Gaslieferungen abwettern?
Copyright  Andriy Dubchak/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved.

Die Ukraine-Krise hat diese Woche einen neuen Höhepunkt erreicht, als US-Präsident Joe Biden die Verlegung von etwa 3000 zusätzlichen US-Soldaten nach Osteuropa anordnete. Diese Truppen, von denen etwa tausend bereits in Deutschland sind, werden in Polen und Rumänien stationiert, so das Pentagon.

Dadurch sollen die osteuropäischen NATO-Länder beruhigt werden. Washington sagte aber auch, dass es keine Truppen in die Ukraine schicken werden, sollte es zu einer russischen Invasion kommen.

Wie die Ukraine auf diese Erklärung reagierte, ist unklar. Kiew ist zunehmend ungeduldig und drängt den Westen, vor allem die EU, die Karten offenzulegen und die geplanten Sanktionen anzukündigen.

Ukraines Außenminister Dmytro Kuleba: "Ich verstehe, dass wir mit einer Gruppe von Partnern zusammenarbeiten, die noch überzeugt werden müssen, aktiver zu sein. Diese müssen wissen, dass eine schwierige Situation nicht ohne schwierige Entscheidungen gelöst werden kann."

Im Visier einer solchen Kritik ist vor allem Deutschland.

Berlin lehnt die Lieferung von defensiven Waffen in die Ukraine ab, blockierte die Lieferung von Waffen durch verbündete Staaten und hat lange Widerstand gezeigt, die Nord Stream 2 Gaspipeline in ein mögliches Sanktionspaket aufzunehmen, sollte Russland die Ukraine angreifen.

Gefragt, ob Deutschland noch ein zuverlässlicher Partner sei, verwies der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz auf die deutschen Finanzhilfen an die Ukraine, die in den vergangenen Jahren fast zwei Milliarden Euro betragen hätten. Kein Land, so Scholz, stellte der Ukraine mehr Geld zur Verfügung.

Es gibt die Sorge in Deutschland und anderswo, dass harte Sanktionen gegen Russland unbeabsichtigte Konsequenzen für die europäische Energiesicherheit mit sich bringen könnten.

Forscher am Brüsseler Wirtschaftsinstitut Bruegel warnten diese Woche vor einer Energiekrise wie in den 70er Jahren mit erheblichen Störungen von Europas wirtschaftlichem und sozialem Leben, sollten die russischen Gaslieferungen gestoppt werden.

Mehr dazu nun im Gespräch mit einem der Autoren dieser Studie, Simone Tagliapietra von Bruegel, einem Spezialisten in Energiepolitik.

Euronews: Was passiert, wenn russische Gaslieferungen gestoppt werden, wie lange kann Europa das durchhalten?

Tagliapietra: Tja, das ist die große Frage. Russland liefert 40 Prozent des europäischen Gasverbrauchs, und deshalb wird es schwer, mit einem völligen Lieferstopp umzugehen. Es müssten dann verschiedene Antworten geben, sowohl auf der Angebotsseite wie auf der Nachfrageseite. Und das wird für Europa mit sehr hohen Kosten verbunden sein.

Euronews: Kann russisches Gas durch zusätzliche Lieferungen aus, sagen wir, Norwegen, Algerien oder Katar ersetzt werden?

Tagliapietra: Die schnelle Antwort hier ist: leider nein. Europa verfügt über zusätzliche Importkapazitäten aus Algerien, Norwegen etcetera. Aber um die großen Mengen russischen Gases zu ersetzen, wird das nicht ausreichen. Die einzige wirkliche Option wäre Flüssiggas. Aber die globale Flüssiggaskapazität operiert bereits an der Grenze. Das Problem ist also nicht, wieviel Europa mehr importieren kann, sondern wie groß die Verfügbarkeit in den Förderländern ist. Vielleicht kann also Katar ein bißchen mehr produzieren und mehr nach Europa liefern, vielleicht können die USA mehr tun. Doch die Mengen reichen nicht aus, um russisches Gas vollständig zu ersetzen.

Euronews: Wie hoch wären die Kosten für die europäische Wirtschaft?

Tagliapietra: Die Kosten wären gewaltig. Wir werden schmerzhafte Entscheidungen treffen müssen, um den Gasverbrauch zu reduzieren, vor allem in der Industrie. Etwa die Schließung von Fabriken für einige Tage pro Woche, um das verfügbare Gas für das Heizen von Häusern zu nutzen, das hat Priorität.

Aus der wirtschaftlichen Perspektive wäre das schmerzhaft und könnte den derzeitigen Erholungsprozess wirklich zum Stillstand bringen.

Euronews: Könnte sich Europa schon jetzt auf einen solchen Ernstfall vorbereiten?

Tagliapietra: Europa sollte Notfallpläne entwickeln, um zumindest die Reduzierung des Gasverbrauchs auf geordnete Weise zu organisieren. Als erstes müssten nicht-stragegische Industrien geringere Gasmengen hinnehmen, später dann wichtigere Industrien. Das sollten wir derzeit planen. Es ist eine Notfall-Situation, in der  der völlige Stopp russischer Gaslieferungen näher rückt.