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Krieg in der Ukraine: Getreide als Waffe

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Von Stefan Grobe
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Der Ukraine-Krieg droht eine globale Lebensmittelkrise auszulösen
Der Ukraine-Krieg droht eine globale Lebensmittelkrise auszulösen   -   Copyright  Sandra J. Milburn/AP

Der Krieg in der Ukraine war diese Woche mehr als drei Monate alt. Drei Monate des Leidens, der Tragödie und der Trauer für die Zivilbevölkerung.

Militärisch gesehen geriet die russische Offensive schon früh ins Stocken, und viele westliche Experten wunderten sich über die Fehlkalkulationen der russischen Armeeführung: strategisch, taktisch und logistisch.

Dennoch ist Moskau entschlossen, den Krieg weiterzuführen. Verteidigungsminister Sergei Schoigu: “Trotz der erheblichen Unterstützung des Kiewer Regimes durch den Westen und den Druck der Sanktionen werden wir diese militärische Spezialoperation solange fortsetzen, bis alle Ziele erreicht sind.”

Eine der ungewollten Konsequenzen der russischen Invasion könnte tatsächlich gewollt sein, so sieht es die Europäische Kommission. Brüssel wirft Moskau vor, nicht nur Energielieferungen als Waffen einzusetzen, sondern auch die Lebensmittelproduktion.

In Davos sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Russland horde seine eigenen Lebensmittelexporte als Erpressung und halte Lieferungen zurück, um die Preise zu erhöhen und politische Unterstützung zu erzwingen. In der Ukraine zerstörten russische Truppen absichtlic h die Lebensmittelproduktion.

"In der russisch besetzten Ukraine beschlagnahmt der Kreml Getreide und Agrarmaschinen. (…) Die russische Artillerie bombardiert Getreidesilos, und russische Kriegsschiffe blockieren das Auslaufen ukrainischer Schiffe voller Weizen und Sonnenblumen-Saatgut. Die Folgen dieser beschämenden Taten sind für jeden zu sehen."

Das Ergebnis ist, dass Länder, die bei zu 50 Prozent ihrer Getreidelieferungen von der Ukraine abhängen, soffort betroffen sind, vor allem afrikanische und arabische Staaten.

Noch gibt es keinen Grund zur Panik, doch die Lage könnte sich rasch verschlechtern.

Dazu ein Interview mit Maximo Torero, Chefvolkswirt der Lebensmittel- und Agrarorganisation der UNO.

Euronews: Wir haben zuletzt zahlreiche Warnungen vor einer globalen Lebensmittelkrise durch den Ukraine-Krieg gehört, wie ernst ist die Lage wirklich?

Torero: Die Situation ist sehr ernst, dennoch würde ich noch nicht von Krise sprechen. Lassen Sie es mich erklären. Das Problem betrifft hauptsächlich die Exporte aus der Ukraine und Russland von Weizen, Mais und Sonnenblumen. Die ausstehenden Weizenlieferungen belaufen sich auf drei Millionen Tonnen, die ausstehenden Maislieferungen auf acht Millionen Tonnen. Das fehlt uns jetzt. Unsere Hauptsorge ist, dass wir eine Lebensmittelkrise im nächsten Jahr haben werden. Und das hat damit zu tun, dass Russland der weltweit größte Exporteur von Düngemitteln ist, wodurch sich die globale Produktion verzögern dürfte.

Euronews: Die EU kann ihren eigenen Bedarf decken, doch viele befürchten einen Dominoeffekt in ärmeren Regionen wie Afrika und dem Nahen Osten. Wie kann Europa dieses Szenario verhindern?

Torero: Wir glauben, dass wir Länder unterstützen müssen, die am stärksten gefährdet und aufgrund von Covid wirtschaftlich verschuldet sind. Und dafür schlagen wir die Food for Financing Facility vor, ein Mechanismus, den beispielsweise der IWF umsetzen kann. Damit soll ein Teil der enormen Preissteigerungen der Importe dieser Länder finanziert werden. Das wird eine gewisse Zeit helfen und soziale Unruhen vermeiden. Zweitens, da das Problem bei den Düngemitteln eine Frage der Versorgung ist, weil weniger Exporte aus Russland erfolgen, prüfen wir, wie wir die Effizienz bei der Verwendung von Düngemitteln verbessern können. Also, keine Verschwendung bei der Verwendung von Düngemitteln und, falls technologisch möglich, starke Anwendungen am Anfang der Pflanzzeit zu vermeiden, indem die Pflanzung auf spätere Phasen des Anbauprozesses verschoben wird.

Euronews: Hinter dieser Krise steht natürlich Russland, aber auch die westlichen Sanktionen sind nicht ohne Risiko. wie sieht diese Dynamik aus?

Torero: Das Problem ist natürlich der Krieg. Und der Anstieg der Energiepreise, der schon vorher eingesetzt hat. Wir müssen sehr vorsichtig sein, wie wir mit den Folgen dieses Anstiegs umgehen. Wenn der Gaspreis weiter nach oben geht, wird ein Teil des Gases für die Produktion von Nitrogen, ein Kernelement für Düngemittel, zu anderen Zwecken umgeleitet, weil die Produktion in Europa verlagert wird. Und das wird die Düngemittelproduktion außerhalb Europas beeinflussen. Die US-Finanzministerin hat bereits gewarnt, dass wir sehr vorsichtig sein müssen, denn wir wollen kein Problem bei der europäischen Düngemittelproduktion schaffen. Doch das Kernproblem ist und bleibt der Krieg. Wir müssen nach Zwischenlösungen suchen und eine Verschärfung des Problems verhindern.