Sturmtief Kristin verwüstet Portugal und fordert sechs Tote. Auch am Donnerstag gilt für Porto, Viana do Castelo und Braga weiterhin rote Warnstufe wegen extremen Wellengangs.
Das Sturmtief Kristin hat auf dem portugiesischen Festland eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Nach Angaben des Portugiesischen Instituts für Meer und Atmosphäre (IPMA) waren insbesondere Lissabon, Leiria, Coimbra, Castelo Branco, Portalegre, Santarém, Setúbal und Guarda betroffen. Der Sturm erreichte das Land in der Region Leiria und zog anschließend ins Landesinnere weiter.
Zahlreiche Menschen wurden obdachlos. Stadien und öffentliche Gebäude erlitten schwere Schäden, Dächer wurden abgedeckt, Flugzeuge zerstört, ein Riesenrad stürzte ein. Auch der Bahnverkehr kam vielerorts zum Erliegen. Bis Mittwochabend um 22 Uhr registrierte die Nationale Behörde für Notstand und Katastrophenschutz rund 5.400 Vorfälle.
Zeitweise war auch die Stromversorgung beeinträchtigt: Auf dem Höhepunkt des Sturms waren landesweit etwa eine Million Menschen ohne Elektrizität.
Mindestens sechs Menschen kamen ums Leben: drei in Leiria, einer in Marinha Grande, einer in Silves und ein weiterer in Vila Franca.
„Leiria wird sich erholen – aber heute braucht es Hilfe“
Besonders schwer traf es die Gemeinde Leiria. Bürgermeister Gonçalo Lopes sprach vor Ort von einer Erholungsphase, die „bis zu ein Jahr dauern könnte“. Das volle Ausmaß der Schäden sei noch nicht absehbar.
„Der Schaden ist noch nicht beziffert, aber er ist unvorhersehbar in seinen Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Wir sehen danteske Szenen: Kirchen ohne Dächer, Sportzentren ohne Dächer, zahlreiche Häuser ohne Ziegel, völlig zerstörte Gebäude und Fahrzeuge, umgestürzte Kräne. Es ist ein Post-Katastrophen-Szenario, vergleichbar mit Bildern aus Kriegsgebieten“, sagte Lopes gegenüber der Nachrichtenagentur Lusa.
In der Gemeinde wurde der Katastrophenalarm ausgerufen. Der Bürgermeister forderte darüber hinaus eine nationale Reaktion der Regierung. „Ich fordere die Regierung auf, den Katastrophenfall zu prüfen und auszurufen. Eine starke und solidarische nationale Antwort ist unerlässlich“, schrieb er auf Facebook.
Premierminister Luís Montenegro hielt sich am Mittwoch im Hauptquartier der Nationalen Behörde für Notstand und Katastrophenschutz auf. Er sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus und versicherte, dass die Regierung in engem Kontakt mit den lokalen Behörden stehe. „Es läuft bereits eine umfassende Bewertung der Schäden und der verfügbaren Instrumente, um die Lage so schnell wie möglich zu stabilisieren“, erklärte er. Die Ausrufung des Katastrophenfalls schloss er nicht aus.
Portugal könnte zudem – wie jedes EU-Land – das Europäische Katastrophenschutzverfahren aktivieren.
Windböen bis 202 km/h – ein Wirbelsturm der Kategorie 3?
Die stärkste von Kristin verursachte Windböe erreichte 202 km/h und wurde während des Durchzugs des Tiefs in mehreren Gemeinden des Distrikts Coimbra gemessen, darunter Figueira da Foz, Mira, Cantanhede, Montemor, Condeixa, Penela, Miranda do Corvo und Soure. Carlos Tavares, Kommandant des Zivilschutzes der Subregion Coimbra, sprach von einem Phänomen, das zwar kurz, aber von „extremer Gewalt und enormer Zerstörungskraft“ gewesen sei.
Damit wurde der bisherige nationale Rekord von 176,4 km/h, gemessen während des Sturms Leslie im Oktober 2018, deutlich übertroffen. Auf dem Luftwaffenstützpunkt Monte Real wurden Böen von 178 km/h registriert, ehe die Anlage schwere Schäden erlitt. In Cabo Carvoeiro wurden 150 km/h gemessen, in Ansião 146 km/h, in Faro an der Algarve rund 100 km/h.
Verglichen mit der Saffir-Simpson-Hurrikan-Skala entsprächen diese Werte einem Sturm der Kategorie 2 (154–177 km/h) oder sogar Kategorie 3 (178–208 km/h). Wäre Kristin tatsächlich ein Hurrikan dieser Stärke gewesen, wären die ohnehin massiven Schäden noch verheerender ausgefallen.
Die IPMA stuft Kristin als seltenes meteorologisches Ereignis ein, das nur von den Stürmen der Jahre 2009 und 2018 übertroffen wurde. „Wir sprechen hier manchmal von einer kleinen meteorologischen Bombe. Diese Systeme können eine sekundäre Zone extremer Intensität entwickeln, den sogenannten Sting Jet. Leider traf dieses seltene Phänomen ein Gebiet, das bereits durch Leslie schwer geschädigt war“, erklärte IPMA-Meteorologe Nuno Lopes.
Wetterausblick: Entspannung, aber weiter Vorsicht
Nach Angaben der IPMA soll sich die Wetterlage allmählich beruhigen, da sich Kristin in Richtung Spanien verlagert. Dennoch gilt für Porto, Viana do Castelo und Braga in der Nacht auf Freitag weiterhin eine rote Warnung vor starkem Seegang. Für die gesamte Westküste besteht eine orange Warnstufe.
Zwar lässt der Wind in den kommenden Tagen nach, doch der Regen hält an und könnte insbesondere den Norden und das Zentrum des Landes weiter belasten. Für elf Distrikte gelten gelbe Niederschlagswarnungen. Zudem wird ab Donnerstagnachmittag Schneefall in den höchsten Lagen der Serra da Estrela erwartet.
Trotz der angekündigten Wetterbesserung mahnen die Behörden weiterhin zu Vorsicht und Wachsamkeit.