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"Warum hat niemand nach dem Geld gefragt?“ Die verdächtigen Lücken im El Chapo-Prozess

"Warum hat niemand nach dem Geld gefragt?“ Die verdächtigen Lücken im El Chapo-Prozess
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REUTERS/Jane Rosenberg
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International wurde die Verurteilung des ehemaligen Chefs des mexikanischen Sinaloa-Kartells, Joaquin "El Chapo" Guzmán Loera, gefeiert. In allen zehn Anklagepunkten wurde er von einem New Yorker Gericht für schuldig befunden – unter anderem für Geldwäsche, Herstellung und Verbreitung von Kokain und Gebrauch von Schusswaffen. Doch der Prozess hat viele offene Fragen gelassen. Die mexikanische Investigativ-Journalistin und Autorin des Buches "Los señores del narco" (Die Herren des Narco) Anabel Hernández erklärt das im Euronews-Interview.

Frau Hernández, Sie recherchieren seit mehr als zwei Jahrzehnten zum Thema Korruption in Mexiko. Kaum etwas in dem Land ist so eng mit einem korrupten System verwoben wie der Drogenhandel. Warum sprechen Sie beim El Chapo-Prozess von verdächtigen Lücken?

Anabel Hernández: Der Prozess gegen Guzmán war für mich weitgehend eine Show. Richter und die Staatsanwaltschaft mussten immer wieder eingreifen und Dokumente zensieren, sodass wichtige Namen unbekannt blieben. Sie hätten zu viel über Vereinbarungen zwischen Anti-Drogen-Ermittlern und Mitgliedern des Sinaloa-Kartells verraten.

Gab es bestimmte Themen, bei denen Sie das so empfunden haben?

Anabel Hernández: All das, worüber im Prozess gesprochen wurde, war wichtig – aber noch wichtiger war, worüber geschwiegen wurde: Die Geldwäsche wurde kaum erwähnt. Guzmán wurde vorgeworfen, 14 Milliarden Dollar angehäuft zu haben. Und niemand fragte danach. Niemand fragte Zeugen, Freunde, Partner, Kollegen von El Chapo: Wo ist das Geld? Durch welche Banken wir es gewaschen, welche Geschäftsleute helfen ihnen dabei? Die Korruption endete nicht mit dem Prozess.

Sie meinen, es wurden viele Menschen gedeckt, die daran beteiligt waren?

Anabel Hernández: Sehr viele Menschen sind daran beteiligt, Drogenhandel zu betreiben, weil es sich lohnt. Sie gewinnen damit Millionen von Dollar, die sie über Banken und Geschäftsleute waschen müssen. Danach verteilen sie es weiter an Politiker und Beamte innerhalb und außerhalb Mexikos.

Auch Menschen in den USA?

Anabel Hernández
Die Investigativ-Journalistin Anabel Hernández recherchiert seit vielen Jahren zum Thema Korruption in Mexiko.Anabel Hernández

Anabel Hernández: Das Sinaloa-Kartell hat viel am Flughafen in Mexiko-Stadt operiert. Dort war eine der wichtigsten Drogenbasen für den Schmuggel in die Vereinigten Staaten – unter dem Schutz der mexikanischen Regierung. Ein guter Teil Drogen und des Geldes wird mit kommerziellen Fluggesellschaften oder Privatflugzeugen transportiert. Die Drogen gehen in die Vereinigten Staaten und das Geld zurück nach Mexiko oder in andere Teile der Welt.

Das heißt, wenn der Schmuggel und damit auch die Korruption auf den Flughäfen stattfindet – sowohl in Mexiko als auch auf den Flughäfen des Landes, das sie empfängt – dann kann es keine Mauer geben, die so hoch reichen kann, wie Flugzeuge fliegen.