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15 Stunden Bier schleppen: Der Tag im Leben einer Oktoberfest-Bedienung

Vanessa arbeitet seit vier Jahren in der Bräurosl
Vanessa arbeitet seit vier Jahren in der Bräurosl -
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Es ist Dienstag, Tag 4 des diesjährigen Münchner Oktoberfests. Vor Vanessa liegen noch 12 Tage Urlaub. 12 Tage in denen sie sich alles andere als ausruht, sondern Literweise Bier schleppen wird. Ein Traumjob? Schon seit sie klein ist, wollte sie mal auf die andere Seite blicken und Wiesn-Bedienung sein.

"Man muss ja nicht immer nur Gast sein", erklärt die 33-Jährige kurz vor ihrem Schichtbeginn. Ein verhältnismäßig ruhiger Dienstag liegt vor ihr. Zu Beginn der Woche werden die Kunden erst gegen frühen Abend so richtig trinkfreudig, und auch die Stimmung im Zelt, das sich gegen 16 Uhr füllt, wird besser. Am Wochenende ist das schon früh morgens der Fall.

15 Kilometer täglich, 16 Tage lang

Zwischen 11 und 15 Stunden ist Vanessa täglich auf den Beinen. Sie macht das jetzt schon das vierte Jahr in Folge. Als Kellnerin im Festzelt Bräurosl ist sie mit zwei Kollegen für 10 Tische zuständig. Um hier zu arbeiten, hat die 33-Jährige sich von ihrem eigentlichen Job Urlaub genommen. Die 16 Tage, die das Oktoberfest dauert, arbeitet sie durch, einen Ruhetag legt sie zwischendrin nicht ein.

Der Schrittzähler auf ihrem Smartphone verrät, dass sie täglich zwischen 20.000 und 25.000 Schritte macht. Das entspricht ungefähr 15 Kilometern. Und obwohl sie zwischen zwei Paar Schuhen hin und herwechselt, tun die Füße so langsam weh.

Das offizielle Wiesn-Poster

Doch auch die ruhigen Tage können lang werden. Denn Vanessa arbeitet zwar mit der Bräurosl in einem der großen Festzelte auf der Münchner Theresienwiese, aber einen fixen Stundenlohn gibt es nicht. Sie kauft den Festwirten das Bier ab und verkauft es anschließend an die Gäste weiter.

11,80 Euro kostet die sogenannte Maß (ein Liter Bier) für den Verbraucher in diesem Jahr. Ein Preis, der von den Gastronomen festgelegt wird, von Zelt zu Zelt leicht variiert - und über den die Bedienungen in diesem Jahr alles andere als glücklich sind.

Bierpreis und Trinkgeld entscheiden über das "Gehalt"

Denn in den 11,80 Euro sind für Vanessa 1,06 Euro Bedienungsgeld eingerechnet - für ihren restlichen Verdienst ist sie auf das Trinkgeld angewiesen, und dabei wird meist aufgerundet. Ein Bierpreis von 11,10 Euro oder 11,20 Euro käme den Kellnerinnen und Kellnern daher entgegen.

Hinzu kommen Ausgaben für die Arbeitskleidung: Das Dirndl, die Schürzen und die Bluse muss sie sich bei der Festzeltleitung besorgen. Alle vier bis fünf Jahre gibt es eine neue Kluft, im kommenden Jahr kommen die Kosten dann wieder auf die Belegschaft zu.

"Aktivurlaub"

Sich Urlaub zu nehmen, um auf der Wiesn zu arbeiten, ist gar nicht so ungewöhnlich. Eine erstaunlich große Zahl der in den Festzelten Angestellten haben Berufe, die mit der Gastronomie nichts zu tun haben: Sigi zapft das Bier aus den Holzfässern im Festzelt "Tradition" und ist im täglichen Leben Beamter. Stephanie arbeitet seit 5 Jahren im Augustinerbräu-Zelt, das restliche Jahr ist sie Physiotherapeutin. Richard betreibt eine Feriensiedlung in Südwestfrankreich und hat in den vergangenen Jahren schon in verschiedenen Festzelten bedient.

Und Vanessa hat ihren Bürostuhl im Marketing einer großen IT-Firma gegen die 16 Tage in der Bräurosl eingetauscht. Den ganzen Tag auf den Beinen, schwer tragen, angerempelt werden, mit Betrunkenen über den Bierpreis diskutieren und dazu laute Musik, von früh bis spät. Warum arbeitet jemand freiwillig als Bedienung auf dem Oktoberfest?

"Ich brauche, das um mich 16 Tage lang so richtig auszutoben", erklärt Vanessa. Wie viel Geld die Bedienungen am Ende genau mit nach Hause nehmen, variiert. Aber in einem guten Jahr kann es schon fünfstellig werden.

Der Verdienst hängt auch davon ab, in welchem Zelt man arbeitet, ob in einem der Partyzelte, in denen viel getrunken wird, oder in einem traditionell ruhigeren Zelt, und auch, für welchen Bereich im Zelt man zuständig ist: So gibt es reservierte Abschnitte und sogenannte Boxen, in denen es ruhiger zugeht. Hier komme zum Beispiel Unternehmen mit der Belegschaft her. Dem gegenüber stehen die nichtreservierten Bereiche, in denen die Gäste häufiger wechseln - und damit mehr konsumieren.

An jedem Teller Essen verdient Vanessa einen Euro

Dumme Anmachen und flotte Sprüche

Wenngleich manche das Gehalt am Ende der 16 Tage als "angemessene Entschädigung" für einen physisch anstrengenden Job ansehen, so ist Geld doch nicht die einzige Motivation. Für viele Bedienungen, und da schließt Vanessa sich ein, ist die Arbeit auf der Wiesn "eine angenehme Abwechslung zum normalen Bürojob".

Um die Arbeit durchhalten und sogar genießen zu können, muss man motiviert sein. Vielleicht ist das auch Vanessas Geheimnis, sie mag den Austausch mit den Menschen, sie kommt schnell in Kontakt und geht nach ihrer Schicht auch gerne nochmal mit ihren eigenen Freunden eine Weinschorle trinken.

Natürlich komme es auch mal vor, dass man von der Seite dumm angeredet oder auch mal angemacht wird. "Ich glaube, wenn man einfach einen flotten Spruch drauf hat, oder auch ein 'Maul wie ein Schwert', wie man in Bayern sagt, kommt man damit eigentlich auch ganz gut voran."

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