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Totana in Spanien: Von Kommunismus zu Rechtspopulismus in einer Nacht

Totana in Spanien: Von Kommunismus zu Rechtspopulismus in einer Nacht
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Josefina Gálvez bewahrt nur selten Zeitungen auf, aber die gedruckte Version der New York Times vom August 1988 hat Stadträtin des Linksbündnisses Izquierda Unida aus Totana noch. Die Ausgabe berichtet von dem Tag, an dem die Kleinstadt in der Region Murcia weltweit von sich reden machte.

Damals wurden ihre Einwohner zu Protagonisten, als die Regierung von Murcia beschloss, 133 der 500 ecuadorianischen Einwanderer, die seit fünf Jahren dort lebten, auszuweisen. Die Menschen demonstrierten, um dies zu verhindern.

Nur ein Jahr später änderte sich die Situation radikal. Bilder der Solidarität in Totana gingen um die Welt. Die Medienpräsenz führte dazu, dass sich die Zahl der Einwanderer innerhalb eines Jahres von 500 auf 2.500 verfünffachte.

Zeitweise untersuchte sogar die Guardia Civil die Existenz eines Netzes von Menschenhandel und Ausbeutung von Arbeitern, da viele der neuen Einwohner ohne Papiere im Dorf lebten und illegal beschäftigt wurden.

Ein anderes Szenario

Fast zwanzig Jahre später ist Totana wieder in den Nachrichten, aber diesmal sieht die Situation anders aus. Die Stadt ist die einzige Gemeinde, die innerhalb weniger Monate vom Kommunismus der Izquierda Unida zur rechten Partei Vox überlief.

Bürgermeister Juan José Cánovas, von der Kommunistischen Partei im Linksbündnis versuchte, das Phänomen Euronews gegenüber zu erklären: "Wir müssen bedenken, dass die Menschen bei der Parlamentswahl für eine Idee stimmen, die sie bewegt. Andererseits wählen die Menschen bei Kommunalwahlen die Person, die sie mögen."

Während am vergangenen 28. April mit fast 23% der Stimmen die PSOE die am meisten gewählte Partei war, hat Vox sie bei diesen letzten Wahlen mit 30,6% der Stimmen weggefegt. Insgesamt wählten 4.029 Totaneros für die Botschaft von Vox-Chef Santiago Abascal.

Vox hat auf der Grundlage von Falschmeldungen Wahlkampf gemacht. Dass die meisten Sozialleistungen von Migranten und Migrantinnen in Anspruch genommen werden, ist schlichtweg unwahr.
Juan José Cánovas
Bürgermeister von Totana

Für den Bürgermeister von Totana hat die Partei mit Unwahrheiten geworben. Zuerst behauptete sie, dass die eingewanderte Bevölkerung der nationalen überlegen sei, "es ist falsch, 80% der Bevölkerung in Totana sind Spanier", so Cánovas. Auch stimme es nicht, dass die Migranten mehr Sozialhilfe erhielten als die Menschen im Dorf. "Fast 70% der kommunalen Hilfe gingen an die Spanier, die ausländische Bevölkerung hat nur 30% erhalten", betonte er.

Wie kam es zu dieser falschen Wahrnehmung in Totana?

Als 1998 die Presse das Handeln der Menschen lobte, begann das Phänomen der Einwanderung, heute sind 20% der Bevölkerung Einwanderer. Dieses Wachstum hat sowohl Vorteile als auch Probleme des Zusammenlebens gebracht. "Die Infrastrukturen waren nicht bereit, eine solche Bevölkerung aufzunehmen. Wir haben Probleme mit Obdachlosigkeit, steigenden Mietpreisen und Situationen, in denen mehr Menschen im gleichen Gebäude leben, als es ratsam wäre", sagt der Bürgermeister.

Die Infrastrukturen waren nicht bereit, eine solche Bevölkerung aufzunehmen. Wir haben Probleme mit Obdachlosigkeit und steigenden Mietpreisen.
Juan José Cánovas
Bürgermeister von Totana

Die Stadtverwaltung ist der Ansicht, dass die Mischung aus einer konservativen Gesellschaft, Probleme des Zusammenlebens und die aufrührerische Botschaft von Vox gemeinsam dazu beigetragen haben, das Wahlverhalten der Bevölkerung radikal zu verändern.

Eine durch Schwindeleien stimulierte Gesellschaft sei unberechenbar, meint die linke Stadträtin. Josefina Gálvez, die 1998 an den Demonstrationen teilnahm, bedauert, dass man heute in Totana im "Konflikt" lebt. Auch sie glaubt wie Bürgermeister Canovas, dass das Hauptproblem die Integration der ausländischen Bevölkerung ist.

Gálvez schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, wenn man sie auf den Erfolg von Vox anspricht: "Wenn Totana keine Einwanderung hätte, würden wir die Menschen in ihren Herkunftsländern holen kommen. Vor zwanzig Jahren verloren die Bauern ihr Land, weil es keine Arbeitskräfte gab, die es für sie arbeiten konnten.

Wenn Totana keine Einwanderung hätte, würden wir die Menschen aus ihren Herkunftsländern holen gehen.
Josefina Gálvez
Stadträtin, Izquierda Unida

Die von El País veröffentlichte Analyse der Stimmen der 30.000 Wahlkreise in ganz Spanien zeigt, dass im Falle Murcias der Zusammenhang zwischen der Zahl der Einwanderer in einer bestimmten Gemeinde und der Zahl der Vox-Wähler stark voneinander abhängt. In den Dörfern mit der höchsten Anzahl von nichteuropäischen Einwanderern gewann die Partei mehr Stimmen.

Ein isolierter Fall?

Javier Lorente, Doktorand an der Universität von Madrid, erklärte, der Wechsel zwischen politischen Blöcken komme sehr selten vor. "Es gibt nur sehr wenige Wähler, die von einem linken Parteienspektrum zu einem rechten oder umgekehrt wechseln."

"Die letzten großen Fälle, an die man sich in der Demokratie erinnert, waren 1982 mit der überwältigenden Mehrheit der Sozialisten unter der Führung von Felipe González und 2011 mit dem dramatischen Zusammenbruch, den diese Partei mit José Luis Rodríguez Zapatero als Frontmann erlitten hat", erklärt Lorente. In beiden Fällen mussten die jeweiligen Präsidenten aufgrund von sozialer Unzufriedenheit und der Schwierigkeit, weiterhin zu regieren, vorgezogene Neuwahlen ausrufen.

Die durchschnittliche Volatilität unter den politischen Blöcken in den Parlamentswahlen 1982 bis 2011 betrug 13%, so eine Analyse des Centro de Investigaciones Sociológicas (CIS). In zwei Jahren war der Anteil überdurchschnittlich, 2011 waren es 16% und 1982 praktisch 50%, eine Zahl, die sich nie wiederholt hat.

Der Politologe stellt fest, dass Fälle von Volatilität bei jungen Menschen häufiger auftreten, da sie ihre Partei-Identität nicht definiert haben: "Partei-Identität ist die "Neigung" zu einer politischen Partei wird. Da junge Menschen erst seit kurzem wählen, haben sie eine weniger feste Identität, was sie volatiler macht.

Für Lorente muss etwas "sehr Traumatisches" geschehen, damit die Bürger ihre Wahl derart ändern. "In Situationen tiefer Unzufriedenheit benutzen sie solche Abstimmungen, um politische Machthaber zu bestrafen."