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Woher kommt Russlands Problem mit Rechtsterrorismus?

Proteste Rechter und Rechtsextremer am Tag der Einheit des Volkes in Moskau, 4. November 2019
Proteste Rechter und Rechtsextremer am Tag der Einheit des Volkes in Moskau, 4. November 2019 -
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REUTERS/Tatyana Makeyeva
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Im vierten Jahr in Folge ist die Zahl der durch Terrorismus verursachten Todesfälle weltweit gesunken. Doch eine andere Zahl ist alarmierend: In Westeuropa, Ozeanien und Nordamerika sind rechtsextremistisch motivierte Angriffe seit 2014 um 320% gestiegen. Das geht aus dem am Mittwoch veröffentlichten Global Terrorism Index hervor.

Im Jahr 2018 waren tödliche Angriffe im Zusammenhang mit Rechtsextremismus in Westeuropa auf dem Stand Russlands, wo die rechte Gewalt in den vergangenen 20 Jahren ein riesiges Problem war. In dieser Zeitspanne sind in Russland 486 Menschen durch Rechtsterrorismus ums Leben gekommen.

Das ist vier Mal so viel wie in Westeuropa (109) oder den Vereingten Staaten (113).

Im Zeitraum 2000-2017 war die Gewaltrate pro Million Einwohner in Russland vier Mal so hoch wie in Deutschland und doppelt so hoch wie in Schweden. Diese beiden Staaten sind diejenigen in Europa, in denen es die meisten tödlichen Angriffe durch Rechtsextreme gibt.

Jacob Aasland Ravndal und Johannes Due Enstad vom Forschungszentrum für Extremismus der Universität Oslo haben sich mit dem Problem Rechtextremismus in Russland befasst. In ihrer Studie betrachten sie nur die Todesfälle nach rechtsextremen Angriffen - da Verletzte und Opfer von Hassverbrechen in jedem europäischen Land unterschiedlich gezählt werden.

Woher stammt das Problem mit Rechtsterrorismus in Russland?

Im Gespräch mit Euronews erklärte Enstad, dass der Grund für die vielen rechtextrem motivierten Übergriffe auf eine Kombination unterschiedlicher Faktoren zurückzuführen ist.

  • Das Vorhandensein einer Subkultur von Skinheads: Das sozioökonomische Chaos, das durch den Zusammenbruch der Sowjetunion in den 90er Jahren und den Übergang zur Marktwirtschaft entstanden ist, "hat einen fruchtbaren Boden für eine regelrechte Skinhead-Kultur geschaffen, insbesondere in Großstädten", so Enstad. "Ein loses Netzwerk, bestehend aus kleinen Banden oder Freunden, die sich versammeln, um auf Einwanderer Jadg zu machen, ihre Angriffe mit den Handykameras zu filmen und das Filmmaterial ins Internet hochzuladen, um Ruhm zu erlangen."
  • Ankunft von Migranten aus Zentralasien und dem Kaukasus: Durch den Wirtschaftsboom hat die Einwanderung mit dem neuen Jahrtausend stark zugenommen. Neue Arbeitsmigranten aus ärmeren Gebieten der ehemaligen Sowjetunion haben sich vor allem in Großstädten wie Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg niedergelassen. Skinheads, nationalistische und rassistische Gruppen reagierten heftig auf den Einfluss neuer nicht-slawischer Nachbarn. Parallel dazu ist das nationalistische und migrantenfeindliche Gefühl in der Bevölkerung gewachsen", so Enstad weiter.
  • Putins autoritäres Vorgehen gegen die Opposition: Das rechtsextreme Gefühl hat keine parlamentarische Vertretung gefunden, nicht zuletzt wegen Putins autoritärem Würgegriff an Oppositionsparteien. "unter den Skinheads haben Sie das Argument, dass wir die Revolution auf der Straße bekämpfen müssen, weil die Politiker uns nicht zuhören, auch weil wir die politische Opposition, die radikale Nationalisten ohne Parlamentsvertretung zurücklässt, festnehmen", sagt der norwegische Wissenschaftler.

Eine freizügigere Art des öffentlichen Diskurses: In Russland "wird die offene Äußerung rassistischer Ideen und Ideologien im Vergleich zum Westen nicht verpönt oder stigmatisiert. Jugendliche können mit weniger sozialer Stigmatisierung davonkommen als der Westen", so Enstad gegenüber Euronews.

Kurzer Prozess für Rechtsextreme

Nach Angaben des Norwegischen Zentrums für Extremismusforschung finden die höchsten Stufen des Terrorismus einen fruchtbaren Boden in so genannten Anokratien oder Zwischenformen der Regierung zwischen Demokratie und Diktatur. Gerade weil sowohl in einer Demokratie als auch in einem autokratischen Staat das Niveau der terroristischen Gewalt niedriger ist - wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Seit 2009 ist Wladimir Putins in Russland verstärkt gegen extremistische und nationalistische Gewalt vorgegangen, nicht zuletzt, weil Anwälte, führende Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft und sogar Mitglieder der Polizei ins Visier geraten waren.

"Die russischen Behörden haben mehr in den Kampf gegen Skinheads investiert und sie in großer Zahl ins Gefängnis gesteckt, doch lebenslange Haftstrafen wurden nicht verhängt. Heute gibt es im rechten Lager von Putins Partei "Einiges Russland" zwei Lager: Putinanhänger (zum größten Teil) und die Kritiker des Präsidenten, die Migranten gegenüber offener sind und der Nichtvertretung der ethno-nationalistischen Sache beschuldigt werden.

Seit 2014, nach der Invasion der Krim, sind die russischen Nationalisten weiter gespalten zwischen denen, die die Militäroperation unterstützten, und denen, die die ukrainische Maidan-Revolution auch nach Moskau bringen wollten, um die Regierung Putins zu stürzen.

Rechtsterrorismus in Russland - verglichen mit Europa

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