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Konjunkturprogramme in Europa: Mehr Ausgaben für mehr Wachstum

Konjunkturprogramme in Europa: Mehr Ausgaben für mehr Wachstum
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Weil die europäische Wirtschaft kaum wächst, hält die Europäische Zentralbank die Zinsen für die Kreditaufnahme lokaler Unternehmen und Haushalte niedrig. Welche Maßnahmen führen die Wirtschaft aus der Stagnation heraus? Sind öffentliche Investitionen der einzige Wachstumsmotor in Europa? In den Niederlanden schauen wir uns die Auswirkungen der aktuellen EZB-Politk an. Und wir fragen die Chefökonomin der OECD in Paris Laurence Boone, welche Maßnahmen angebracht wären. Das ist das Thema dieser Folge von Real Economy.

In Paris und Amsterdam geht Real Economy der Frage nach, welche Maßnahmen die Wirtschaft aus der Stagnation führen können. Die Europäische Zentralbank stellt sich dieser Herausforderung seit Jahren. Aber jetzt meinen Experten, dass ihr Finanzinstrumentarium fast ausgeschöpft ist. Einige Länder werden aufgefordert, mehr zu investieren, wie z.B. die Niederlande. Das ist wirklich wichtig für kleine und mittlere Unternehmen, die mehr als 99 Prozent aller europäischen Unternehmen ausmachen. Bei ihrer Finanzierung sind sie zu 70 Prozent von Banken abhängig. Wir schauen uns ihre Situation in Europa an.

Fakten und Zahlen

In der Eurozone hat sich die Finanzierungslücke bei kleinen und mittleren Unternehmen seit 2015 halbiert (sie ist von 6% des BIP 2015 auf 3% des BIP 2019 gesunken.) Das sind 400 Milliarden Euro.

Und das Ergebnis von rekordverdächtig niedrigen Zinssätzen für Bankkredite sowie einer höheren Verfügbarkeit dank EZB-Unterstützung: mehr Kredite vor allem in den Kernländern (Deutschland, Frankreich, Belgien und die Niederlande).

Die größte Kluft zwischen Angebot und Nachfrage nach Bankkrediten von KMU besteht in den Niederlanden (22% des BIP), Belgien (14%), Frankreich (9%) und Italien (4%). Gleichzeitig verzeichneten Frankreich (+78%), die Niederlande (+38%) und Deutschland (+34%) die höchsten Zuwächse bei der Kreditvergabe. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Banken in diesen Ländern in guter Verfassung sind. KMU in Griechenland sind nach wie vor stark von einem fehlenden Zugang zu Finanzmitteln betroffen: Es ist das größte Problem für ein Viertel von ihnen. Dasselbe gilt für Italien, Irland und Frankreich. Länder, die den zweit- und drittgrößten KMU-Anteil haben,

Dauerhafte Niedrigzinsen lassen Immobilienpreise explodieren

Die dauerhafte Niedrigzinsen wirken sich auch auf die Immobilienpreise aus: In einigen europäischen Städten steigen sie auf ein gefährlich hohes Niveau wie zum Beispiel in Amsterdam. Eurnews-Reporterin Fanny Gauret recherchierte in den Niederlanden, wie Unternehmen vor Ort mit dieser EZB-Politik zu Rande kommen:

"In dieser Teeplantage im Süden der Niederlande geht es auch um Wachstum. Das im Jahr 2015 aufgelegte Anleihenkaufprogramm der EZB zur Unterstützung der europäischen Wirtschaft hilft KMU, billigere Kredite zu erhalten. Auch dieses Unternhemen profitierte davon."

"Special Plants" beschäftigt 25 Mitarbeiter. Vor kurzem entwickelte das Unternehmen eine lokale Pflanze für einen umweltfreundlichen Tee. Um das Projekt zu realisieren, brauchte der Unternehmer finanzielle Hilfe:

"Der Bankkredit war unerlässlich, um das Pflanzengeschäft zu starten", sagt Johan Jansen, Chef von "Tea by Me". "Es war eine große Investition von insgesamt 1,8 Millionen Euro. Wir benötigten einen großen Geldbetrag zu niedrigen Zinsen. Mit dem Tee bereiten wir uns auch darauf vor, international zu expandieren. Es ist wichtig, billiges Geld zu haben, denn sonst können wir nicht wachsen."

Auch private Haushalte profitieren

Der den Banken zur Verfügung gestellte Cashflow ist auch ein Anreiz, Kredite an Haushalte zu vergeben und sie zu ermutigen, ihr Geld auszugeben. Fenna hat kürzlich eine Wohnung gekauft, obwohl der Wohnungsmarkt in den Niederlanden stark angezogen hat. Die Bank finanzierte 45 Prozent der Transaktion. Dank familiärer Hilfe konnte sie trotzdem kaufen:.

"Für mich ist es eine Chance, weil der Zinssatz so niedrig ist. Ich verdiene zwar nicht viel Geld und ich muss meine Hypothek monatlich abbezahlen. Aber weil die Zinsen zurzeit so niedrig sind, war es für mich definitiv der richtige Moment, eine Wohnung zu kaufen", sagt die junge Frau.

Bei niederländischen Banken lief 2019 eine ausstehende Hypothekenschuld von privaten Haushalten in Höhe von 91% der Gesamtwirtschaft des Landes auf - gegenüber 55% im Durchschnitt in Europa. - für die niederländische Zentralbank ist das eine der größten Gefahren für die Finanzstabilität des Landes:

"Das erste Risiko besteht darin, dass der Immobilienmarkt weiter steigt und durch die Immoblienpreise eine Blase entsteht", sagt Bas Jacobs, Wirtschaftsprofessor an der Erasmus-School of Economics. "Das zweite Risiko ist, dass niedrige Zinssätze der Haftung der Pensionsfonds schaden. Und das ist natürlich sehr schlecht für die niederländische Wirtschaft. Niedrige Zinsen sind ein Signal, dass die Regierung mehr investieren sollte, insbesondere in Bildung und Forschung sowie den Energiewandel."

Die EZB fordert Länder mit Haushaltsüberschüssen wie die Niederlande auf, mehr in ihre Wirtschaft zu investieren, um das Wachstum in Europa zu fördern.

Welche Maßnahmen wären angebracht?

Nicht alle sind damit einverstanden. Die Finanzminister in Deutschland und den Niederlanden weisen darauf hin, dass ihre Regierungen bereits viel tun, um die Binnennachfrage anzukurbeln. In Europa gibt es endeutig Meinungsverschiedenheiten über dieses Thema. Die Euronews-Reporterin interviewt die Chefökonomin der OECD Laurence Boone: Welche Maßnahmen wären angebracht?

Euronews:"Vielen Dank, dass Sie bei uns sind. Meine erste Frage: Ist die EZB an ihre Grenzen gestoßen, um das Wachstum in der Eurozone anzukurbeln?"

Laurence Boone, OECD-Chefökonomin: "Die EZB hat die Zinssätze auf einem sehr niedrigen Niveau festgelegt. Aber gleichzeitig hat sie auch dafür gesorgt, dass der Verlauf der Zinssätze lange vorhersehbar ist. Wir wissen, dass die Zinssätze lang anhalten werden. Die EZB hat seit Beginn der Krise viel getan. Aber diese Maßnahmen waren lange die einzigen. Das kann nicht ewig so bleiben. Wir plädieren dafür, dass die Finanzpolitik eingreift und die EZB dabei unterstützt, ihr Ziel zu erreichen."

Euronews:"Wer sollte mehr tun?"

Laurence Boone: "Es gibt nicht wenige Länder mit einem Finanzspielraum in der Eurozone. Beispielsweise die Niederlande, Deutschland und viele nordische Länder. Aber alle müssen in Technologie, den digitalen Bereich und in die Energie des 21. Jahrhunderts investieren. Nehmen wir die Niederlande. Sie haben in ihrem jüngsten Haushalt angekündigt, dass sie ihren Haushalt um 1% des BIP erhöhen. Aber noch wichtiger ist, dass sie einen Fonds von 50 Milliarden einrichten, der teilweise durch Kredite finanziert wird, um den Energiewandel tatsächlich zu finanzieren. Das sind die Maßnahmen, die wir von den Ländern erwarten."

Euronews:Was sagen Sie zu den Warnungen, die wir von Ökonomen, Experten, aber auch aus der EZB selbst hören, dass die Politik der EZB die Bildung von Blasen begünstigen könnte. Sind Sie auch besorgt?"

Laurence Boone:"Wir haben zwei Maßnahmenpakete miteinander verglichen. Einerseits das Agieren der EZB allein, andererseits Maßnahmen, die von der EZB und der Fiskalpolitk jeweils zur Hälfte getragen werden. Mit dem Ergebnis, dass man ein vergleichbares BIP-Wachstum erzielt, mehr oder weniger die gleiche Inflation - etwas höher mit der Fiskalpolitik. Aber noch wichtiger ist, dass sie mit dieser optimalen Mischung aus Maßnahmen der EZB und der Fiskalpolitk nur die Hälfte der Vermögenspreisinflation haben, wie mit der EZB-Politik allein. Unsere Botschaft lautet also: eine bessere Mischung der Maßnahmen bringt nicht nur ein besserer Wachstum, sondern vermindert auch das Risiko für Blasen."

Euronews:"Also können öffentliche Investitionen aus bestimmten Ländern zusammen mit niedrigen Zinssätzen für eine bestimmte Zeit der europäischen Wirtschaft etwas Luft verschaffen."

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