Eilmeldung
This content is not available in your region

Leben nach dem Lockdown: Wann können wir wieder durch die Welt reisen?

Leben nach dem Lockdown: Wann können wir wieder durch die Welt reisen?
Copyright  AP
Schriftgrösse Aa Aa

Anfang März 2020 führte Reiseleiter Yuval Ben-Ami eine Gruppe von Touristen durch das finnische Lappland, als bekannt wurde, dass ein Coronavirus-Patient im nahe gelegenen Rovaniemi, der Stadt, die besser bekannt ist als die offizielle Heimat des Weihnachtsmanns, behandelt wird.

Italien hatte gerade mit der Abriegelung der nördlichen Provinz Lombardei begonnen, kurz darauf kam die Quarantäne in Frankreich, Spanien und den nordischen Staaten landesweit. In diesen frühen Tagen des Ausbruchs, als COVID-19 weitgehend auf China beschränkt war, war die Gruppe nicht übermäßig beunruhigt.

"Einige machten Witze darüber, was für Draufgänger wir doch sind, die in diesen Zeiten unterwegs zu sein", sagte Ben-Ami.

Es sollte die letzte Reise sein, die Ben-Ami machen würde, bevor die Grenzen auf der ganzen Welt geschlossen wurden.

Innerhalb weniger Tage war der 43-jährige Reiseleiter, wie 66 Millionen andere in Frankreich, in seinem Haus im Luberon in der Provence isoliert und durfte sich nicht mehr als einen Kilometer von seiner Haustür entfernen. Was ihn nicht davon abhält, YouTube-Videos für seine Follower zu drehen.

Geschichte ist dynamisch und das Reisen ändert sich immer.
Yuval Ben-Ami
Fremdenführer

Die Auswirkungen des Coronavirus auf die Reisebranche sind nicht nur für Reiseleiter wie Ben-Ami deutlich spürbar: Die Hälfte der Weltbevölkerung befindet sich im sogenannten Lockdown, weltweit wurden bisher rund eine Million Flüge gestrichen.

Nach Angaben der Welttourismusorganisation (UNWTO) sind derzeit 96% der weltweiten Reiseziele von Reisebeschränkungen und anderen Sperrmaßnahmen betroffen.

"Die Welt ist wirklich zum Stillstand gekommen", sagte der Kommunikationsdirektor der UNWTO, Marcelo Risi, gegenüber Euronews.

Die UNWTO hat davor gewarnt, dass touristische Reisen bis 2020 um bis zu 30% zurückgehen könnten. Der Binnenmarktkommissar der Europäischen Union, Thierry Breton, schätzt, dass die Tourismuswirtschaft der EU um bis zu 70 Prozent zurückgehen könnte. Er fordert für die Branche Mittel zur Wiederbelebung der Wirtschaft.

Auf dem gesamten Kontinent macht der Tourismus bis zu 27 Millionen Arbeitsplätze aus, und allein im vergangenen Jahr habe die Branche 400 Milliarden Euro erwirtschaftet, so Risi von der UNWTO. In einem Interview mit Euronews Now er die Regierungen auf, starke finanzielle und steuerliche Maßnahmen zu ergreifen, um den Sektor und seine Beschäftigten zu unterstützen.

"Wir sprechen hier von Millionen von Arbeitsplätzen. Dies ist nicht etwas, das verschwinden wird. Die sozialen und entwicklungspolitischen Auswirkungen - wenn wir über Europa hinausgehen und so viele Länder der Welt betrachten, die den Tourismus als Lebensader haben - können enorm sein", warnte er.

Robert Di Gioacchino
Robert Di Gioacchino mit einer seiner Reisegruppen am Tower of LondonRobert Di Gioacchino

Frankreich hatte im Jahr 2018 89,4 Millionen Besucher aus dem Ausland, der Tourismus macht 8% des BIP aus. Die Regierung schätzt, dass zwei Millionen Menschen direkt oder indirekt in der Reisebranche arbeiten, und viele dieser Menschen, darunter Ben-Ami, sind heute arbeitslos.

Er und seine Frau haben beim französischen Staat Hilfe beantragt, und obwohl sie die Mittel noch nicht erhalten haben, fand das Ehepaar den Prozess schnell und effizient.

"Dies ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich Unterstützung vom Staat beantragt habe, aber ich hab keine Wahl: Nachdem wir den Gürtel in der ruhigen Jahreszeit schon enger geschnallt haben, mussten wir nun ein weiteres Loch in den Gürtel stanzen und alles tun, was wir können, um den Sturm zu überstehen", sagte er.

AP/Frank Augstein
Souvenirläden sind geschlossen in der sonst so belebten Londoner Oxford Street.AP/Frank Augstein

Großbritannien keine Ausnahme

Auch Großbritannien ist seit Beginn der COVID-19-Epidemie stark vom Rückgang der Touristenzahlen betroffen. Stätten wie der Tower of London, der Buckingham Palace und die Westminster Abbey sind leer, während Bilder eines verlassenen Oxford Circus - Londons Haupteinkaufsstraße - die verheerenden Auswirkungen der Maßnahmen auf die britische Wirtschaft verdeutlichen.

Als akkreditierter "Blue Badge"-Reiseleiter ist Roberto Di Gioacchino normalerweise diese Woche an diesen Orten und führt Touristen aus aller Welt herum, aber seine Kunden haben nicht nur ihre Buchungen bis Juli storniert, auch für August sieht es ziemlich schlecht aus.

Di Gioacchino nahm daher am 11. März einen der letzten Flüge nach Teramo in Italien, wo er sich in der Stadt Alba Adriatica um seine 92-jährige Mutter kümmert. Als Italiener, sagt er, weiß er die Notwendigkeit eines Lockdown in Großbritannien zu schätzen - auch wenn dies auf Kosten seines Geschäfts geht.

"Als es begann, hörte ich, dass viele Leute darüber verärgert waren. Die Leute sagten, die Regierung solle nicht alles schließen. Aber da ich Italiener bin und hier in Italien festsitze, ist mir klar, wie schwierig die Situation ist", sagte er.

Seine Mutter, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat, gibt ihm eine weitere Perspektive auf die Krise. So starke Einschränkungen habe auch sie noch nicht erlebt.

"Meine Mutter erlebte den Krieg und sagte, dass sie selbst dann, wenn sie nichts hatten, immer noch hinausgehen und die Luft atmen konnten. Jetzt haben wir Angst davor, hinauszugehen und Menschen zu berühren - das ist etwas, das sie in ihrem Leben nie erwartet hätte", sagt er.

Doch Di Gioacchino ist zuversichtlich, dass die Reisenden zurückkehren werden, wenn sich die Coronavirus-Pandemie beruhigt hat. Seine Kunden, die für diesen Sommer abgesagt haben, haben ihm versichert, dass sie ihren Urlaub zunächst verschoben haben und auch er selbst wird seinen eigenen Urlaub im Oktober dieses Jahres - eine Kreuzfahrt - noch absagen.

Großbritannien hat den von der Coronavirus-Pandemie betroffenen Menschen langsamer finanzielle Hilfe geleistet als Frankreich. Vor allem diejenigen, die selbständig sind oder kleinere Unternehmen leiten, warten auf Unterstützung.