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Warum die Corona-Krise den Osten weniger hart trifft

Trotz relativ geringer Infektionszahlen geht auch Dresden auf Nummer sicher: Auto-Kino in Corona-Zeiten.
Trotz relativ geringer Infektionszahlen geht auch Dresden auf Nummer sicher: Auto-Kino in Corona-Zeiten.   -   Copyright  Sebastian Kahnert/AP
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Sachsen-Anhalt lockert seine Ausgangssperre ab heute spürbar. Anders als in anderen deutschen Bundesländern dürfen hier nicht nur Friseure und auch größere Geschäften wieder öffnen, sogar Zusammenkünfte von bis zu fünf Personen sind ab jetzt erlaubt.

Das Argument: Sachsen-Anhalt ist und war von Anfang an nur schwach von der Pandemie betroffen - so wie viele Regionen im Osten Deutschlands. Wie ist das zu erklären?

Weniger Fälle in Ostdeutschland

Seit gestern wurden in Bayern 205 neue Ansteckungen mit dem Coronavirus gemeldet. In Sachsen-Anhalt waren es gerade mal zwei. Solch eklatante Unterschiede zwischen den Infektionszahlen in den alten und neuen Bundesländern kann man schon seit Wochen beobachten.

Mit Ausnahme von Berlin ist die Corona-Bilanz in den ostdeutschen Bundesländern im Vergleich sehr niedrig. Auch Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen und Thüringen hat es deutlich weniger hart getroffen als etwa Nordrhein-Westfalen oder Süddeutschland. Das gilt sowohl in absoluten Zahlen als auch auf 100.000 Einwohner gerechnet.

Robert Koch-Institut
Die aktuellen Fallzahlen in den deutschen Bundesländern.Robert Koch-Institut

Älter und weniger mobil

Laut Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen sind die Gründe dafür vielfältig: "Es kommen mehrere Aspekte zusammen". Eine Erklärung sei der hohe Anteil alter, weniger mobiler Menschen im Osten, der bei der Ausbreitung des Virus wie eine Bremse wirke.

"Wir gehen oft in erster Linie davon aus, dass Alter ein Risikofaktor für schwere Erkrankungen ist", so Zeeb. Das sei auch richtig, aber die Ausbreitung erfolgte am Anfang tendenziell vor allem über jüngere Menschen, oft Reisende, die aus dem Skiurlaub zurückkamen.

Ältere Menschen hätten zwar oft einen schwereren Krankheitsverlauf, erklärt der Mediziner. "Aber wenn der Virus eben gar nicht erst eingetragen wird, dann wirkt das halt auch protektiv für die, die möglicherweise später klinisch schwerer betroffen wären."

Weniger Menschen, weniger Partys

Hinzu komme die recht niedrige Bevölkerungsdichte in vielen ostdeutschen Ländern. "Gerade Mecklenburg-Vorpommern fällt mit niedrigen Zahlen auf: Ein Bundesland mit sehr geringer Bevölkerungsdichte und viel ländlicher Struktur."

Es gebe aber auch Gegenbeispiele: Bremen etwa habe eine hohe Bevölkerungsdichte und dennoch recht niedrige Infektionszahlen. "Das zeigt eben auch, dass das Ganze jetzt nicht so einfach schwarz und weiß zu beschreiben ist."

Eine große Bedeutung bei der Virusausbreitung spielten Experten zufolge wohl auch Karnevalsveranstaltungen - die in Westdeutschland traditionell beliebter sind als im Osten. "Solche Feste und Zusammenkünfte moderieren und verändern das Krankheitsgeschehen eindeutig", erklärt Zeeb.

Kleinere Geldbeutel

Ein weiterer Unterschied: Während in Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg das Virus wohl vielerorts aus Skigebieten wie Ischgl in Österreich eingeschleppt wurde, sind solche Berichte aus ostdeutschen Bundesländern seltener.

"Das Reiseziel hat ja durchaus auch etwa mit dem sozioökonomischen Status des Reisenden zu tun", sagt Zeeb mit Blick auf die Gehälter, die in Ostdeutschland durchschnittlich geringer sind als im Westen: "Ausführliche Winterurlaube können besonders Leute machen, die ausführlich Geld haben."

Und schließlich: Als in Deutschland die ersten Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus beschlossen wurden, hatten die ostdeutschen Bundesländer zum Teil erst verhältnismäßig wenige Fälle registriert. Aus Zeebs Sicht ein Glücksfall: "Das ist ja das Optimale, wenn man Prävention früh genug einführt, damit eben nichts passiert."

Hilft die DDR-Impfpflicht?

Seit Wochen kursiert zudem die Theorie, dass viele Ostdeutsche noch heute von der Impfpflicht in der DDR profitierten. Dort war die sogenannte BCG-Impfung gegen Tuberkulose vorgeschrieben. Jetzt vermuten einige, die Impfung habe das Immunsystem nicht nur auf eine Tuberkulose-Infektion vorbereitet, sondern auch für den Kampf gegen das Coronavirus.

Dafür gibt es bislang aber keine Beweise, so Zeeb. Laut Robert Koch-Institut (RKI) laufen weltweit mehrere Studien zu möglichen Effekten der BCG-Impfung in Bezug auf Schutz vor Covid-19. Doch auch RKI-Präsident Lothar Wieler betont: "Diese Hypothese wird von manchen Wissenschaftlern in den Ring geworfen, sie ist nicht belegt."

Es sei auch unklar, ob sie sich überhaupt belegen lasse. Genau wie Zeeb verwies er auf soziale und demographische Faktoren als mögliche Gründe für regionale Unterschiede bei der Ausbreitung der Pandemie.

Tuberkulose-Impfstoff: WHO warnt vor Engpässen

In einem Beitrag in der Fachzeitschrift "The Lancet" erklären Forscher, darunter WHO-Chef Tedros Ghebreyesus, was derzeit aus wissenschaftlicher Sicht für die BCG-Impfung im Kampf gegen Covid-19 spricht. Gleichzeitig warnen sie, noch sei die Wirkung nicht nachgewiesen und der breite Einsatz des Impfstoffes nicht sinnvoll.

Auch, weil es sonst zu Versorgungsengpässen kommen könnte in Gegenden, wo Tuberkulose nach wie vor ein großes Risiko ist. Das könnte insbesondere Kinder in Gefahr bringen, die auf die Impfung angewiesen sind.