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Kultur in Coronazeiten: Künstler fordern Kurzarbeitergeld

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Kultur in Coronazeiten: Künstler fordern Kurzarbeitergeld
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Kultur in Zeiten von Corona, das bedeutet tiefgreifende Einschnitte, um die Pandemie zu bekämpfen: Großveranstaltungen wie Festivals und Konzerte sind abgesagt, Theater, Opernhäuser geschlossen, Auftritte verschoben oder annulliert, Unterricht ist nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Für Kulturschaffende ist das eine Existenz bedrohende Perspektive. Dazu kommt, dass Hilfsmaßnahmen uneinheitlich ausfallen, Fördertöpfe schnell leer sind. Viele Künstler fallen durch das Raster der meisten Hilfsprogramme und landen in der Grundsicherung. Besonders die Lage von freischaffenden Künstlern, die nicht an ein staatliches Orchester oder eine sonstige von Städten oder Bundesländern getragene Kultur-Institution gebunden sind, ist prekär.

Covid-19 hat die freischaffenden Künstler k.o. geschlagen, überall in Europa. Von was sollen sie ihren Lebensunterhalt bestreiten, nachdem sämtliche Festivals und Auftritte abgesagt wurden? Von was lebt ein Musiker, wenn er keine Konzerte mehr geben darf? Wie geht es den virtuosen Globetrottern von Weltrang, die mit ihren dreihundert Jahre alten Meistergeigen nicht mehr von Land zu Land reisen dürfen? Wie bezahlen Tontechniker, Festival-Roadies, Musikmanager, Liedermacher und Rockmusiker ihre Kredite, Dachreparaturen, Rentenbeiträge, Mieten, Ausbildungshilfen für Kinder oder auch nur was Ordentliches zu essen, wenn die Einnahmen bei Nullkommanull liegen? Eine Reise durch die – derzeit nicht sehr rosige – Welt freischaffender Künstler in Deutschland und Ungarn.

Weit abseits der stählernen Skyline am Main schlägt das wahre Herz Frankfurts: Auf den Stufen seines Holzhauses treffen wir Willy Wagner. Versunken zupft er auf seiner akustischen Gitarre eine leicht melancholische Rockimprovisation. Die Sonne scheint, das Bild wirkt eher friedlich. Doch die scheinbare Frühlingsidylle täuscht: derzeit läuft so einiges richtig falsch aus Sicht der freischaffenden Musiker. Wegen Covid-19. Wegen der Unfähigkeit deutscher Kulturpolitiker, ein flächendeckendes Netz echter und bundesweit einheitlicher Hilfsangebote zu knüpfen – so sehen es die allermeisten Künstler, die wir auf dieser Reportage-Tour treffen.

Willy hat den Blues

Willy Wagner bricht ab, als er uns sieht, steht auf, bittet uns mitzukommen ins Haus. Unglaublich – alles voller Gitarren, unter der Decke, in den Ecken, aufgereiht an den Wänden. E-Bass, Verstärker, abgegriffenes Holz der Gitarrenkörper, denen man ansieht: diese E-Bässe haben schon viele Hunderte Auftritte hinter sich. Willy ist kein „Nobody“, Abertausende kennen seine Bass-Soli von Konzerten und Festivals. Doch Willy hat den Blues, klar - wegen Covid-19.

Willy Wagner heizte schon ein für Michael Jackson, spielte mit seiner Gruppe vor Auftritten von Brian Adams, Robby Williams, Celine Dion, Herbert Grönemeyer, Fugees und The Cure. Im Alter von acht Jahren griff Willy erstmals in die Saiten. 1987 spielte er mit Rio Reiser, später mit Gina Livingston, Mikis Theodorakis. Willy war Bandmitglied bei der Hessischen Kultband Flatsch („Die groben Junggesellen“), selbst im Staatstheater Wiesbaden und in der Alten Oper Frankfurt rockte Willy bereits. Ob Fish (Marillion), Wolfgang Niedecken, Moses Pelham Band, Richard Clayderman, The Busters, Curtis Blow, Xavier Naidoo, Jim Kahr oder Wolfgang Ambros… es wäre einfacher eine Liste von Musikern und Bands zu erstellen, mit denen Willy noch nicht gespielt hat… Doch COVID-19 kennt kein Erbarmen: ohne Konzerte gibt's kein Geld. Auch nicht für Willy. Denn Willy ist ein „freischaffender Musiker“, sein eigener Herr, also eine Art Soloselbstständiger, der immer in die Vollen ging und geht – auf eigenes Risiko durchs auch für Profi-Rockmusiker nicht immer einfache Leben.

Covid-19 Super-GAU

"Durch Covid-19 hat sich für uns freischaffende Künstler der Super-GAU ergeben", meint Willy Wagner. "Das heißt, unseren Berufszweig gibt es von heute auf morgen plötzlich nicht mehr, überhaupt nicht mehr. Uns hat es einfach den Boden unter den Füßen weggezogen. Wir können nicht mehr arbeiten." Es klingt eine gewisse Bitterkeit in Willy Wagners Stimme: "Ich habe den Eindruck, dass es die Politiker überhaupt nicht mitbekommen haben, dass wir Musiker in verschiedenen Bands spielen. Wir leben seit 30 Jahren davon – und das ist normal. Wir haben unser Leben darauf aufgebaut, dass wir als einzelne Solo-Selbstständige in unterschiedlichen Bands spielen und dadurch unseren Lebensunterhalt verdienen."

Von was lebt Willy nun, ohne Konzerte, ohne Gagen, ohne Einnahmen? Von was bezahlt er sein Mittagessen, Strom und Wasser? "Ich komme über die Runden und will zunächst einmal sagen, dass ich mich darüber freue, in einem Land zu leben, in dem es ein bisschen Unterstützung gibt: manchmal reicht es, manchmal reicht es nicht“, meint Willy. „Im Moment komme ich mit Hartz IV so halbwegs über die Runden – aber auch nur deshalb, weil ich alle meine Kosten quasi auf null senken konnte."

Von Michael Jackson zu Hartz IV

Willy Wagner hat einen Namen, kann was, wird angefragt. Pardon, wurde angefragt. Wenn da nicht Covid-19 ein ganzes Jahr kaputt gemacht hätte. Willy rechnet kurz durch: "Ich hätte jetzt in den nächsten drei Monaten 8050 Euro verdient, und es wäre dann auch gut weitergegangen mit zwei, drei kleineren Tourneen - und jetzt bekomme ich momentan 740 Euro vom Jobcenter."

Dem Mann fehlt die Bühne, das Publikum, die Musik mit der Band, den Stars, den kleinen und mittleren und den bekannten. Wer Willy Wagner trifft, spürt, hier ist ein Mann, der seinen Beruf liebt, dieses Leben mag und braucht, zwischen Reisen, Rampenlicht, Backstage, dem Hexenkessel der Rockarena und – warum nicht – zwischendurch auch mal der Augsburger Puppenkiste.

Ausgetrickst

Wenn er nicht tourt, unterrichtet Willy Wagner. Kunst kommt von können – und wer was kann, wie Willy, der möchte das Wissen auch weitergeben. Nur, auch hier vereitelte COVID-19 einen "geregelten Lehrbetrieb". Kurzerhand stieg Willy um auf WhatsApp, organisierte sich und seine Schüler um.

Willy klemmt sein intelligentes Telefon hinter die Saiten eines riesigen Kontrabasses, Einwahl, Verbindungsaufbau, Hallo-Hallo und schon geht’s los. Wenn auch für so manche Ohren etwas gewöhnungsbedürftig. Wie dem auch sei, heute ist Willy mit seinen zugeschalteten WhatsApp-Schülern zufrieden, die haben brav geübt und sind ein gutes Stück weitergekommen mit ihren Beatles-Klassikern. Das ist ja schon mal was, um sich zu freuen: Covid-19 wurde ein stückweit ausgetrickst, dank moderner Telefonie.

New York, London, Pamplona, Essen – alles gestrichen

Szenenwechsel. Vom Rock zum Barock. Wir sind in Leipzig - der Stadt Johann Sebastian Bachs und Nadja Zwieners. Sie und ihr Mann spielen Alte Musik auf Weltklasseniveau. Bei "The English Concert" - einem Londoner Ensemble, das Standards setzt für die historische Aufführungspraxis - gibt Nadja Zwiener den Ton an. Zwiener ist eine virtuose Barockgeigerin. Mit ihrer David Tecchler Geige aus dem Jahr 1723 tourt sie "normalerweise" um den Globus. Das war vor Covid-19.

"Normalerweise" wäre Nadja Zwiener auch in diesem Frühling unterwegs gewesen, ihr Kalender ist meist eng getaktet, ihr Können gefragt, in Deutschland, Europa, Übersee - weltweit. Es schmerzt schon, wenn man den Termin in der Carnegie Hall in New York ersatzlos streichen muss. Doch da geht es Zwiener wie Tausenden ihrer Kollegen. Covid-19 hat ein unbarmherziges Licht auf die sehr unterschiedliche Situation freischaffender Künstler geworfen. Je nach Wohnort, Staatsangehörigkeit, Vertragsgestaltung macht sich der Totalausfall von Konzerten auf dem Konto der Künstler mal weniger, meist stärker bemerkbar. Nicht alle Veranstalter zahlen Ausfallhonorare, staatliche oder private Hilfsangebote für freischaffende Künstler sind in vielen EU-Mitgliedstaaten häufig unzureichend.

Kalenderdurchsicht mit Galgenhumor

Als das Euronews-Team Nadja Zwiener in ihrer Wohnung in Leipzig besucht, sitzt sie mit ihrem Mann - auch er Barockmusiker - am Schreibtisch, gemeinsam sehen sie ihre Konzertkalender durch. "Johannespassion in Arnstadt, dann London, Bristol... die ganze Tour ist weg", sagt sie. "Bei mir", ergreift ihr Mann das Wort, "war bis gerade eben noch das Kammerkonzert in Essen, die haben mit der Absage bis kurz vor Schluss gewartet."

Nadja Zwiener streicht New York City, San Diego und weitere Stationen einer US-Tournee mit einem Rotstift durch. Ihr Mann fragt dazwischen: "Was ist aus dem Pamplona-Konzert geworden?" - Der Computer meldet sich mit einem scharfen "Pling", beide blicken von ihren Kalendern auf Richtung Bildschirm. "Guck mal", meint Nadia Zwiener zu ihrem Mann, "mein Flug wurde gestrichen." - Dann, mit einem Anflug trockenen Galgenhumors: "Das ist gut, dann bekomme ich das wenigstens zurückerstattet."

Die weitreichenden Auswirkungen von Covid-19 machen sich in der freien Kulturszene brutal bemerkbar. Nadja Zwiener vergleicht, nennt Zahlen, differenziert, wägt ab, versucht gleichzeitig nüchtern und faktenbezogen zu argumentieren, und doch spürt man gelegentlich Emotionen aufbrechen, als die Sprache auf die Option kommt, unter Umständen Arbeitslosengeld-2 beantragen zu müssen: "Insgesamt beläuft sich bei uns der Einnahmeausfall auf mittlerweile 35.000 Euro", sagt sie bitter. "Wir leben im Moment teilweise von unseren Rücklagen, die wir eigentlich für unsere Rente gebildet hatten, und für die Ausbildung unserer Kinder."

Gängel-Instrument

Durch ihre engen Kontakte mit Musikerkollegen in anderen Ländern kann Zwiener vergleichen. Das bundesdeutsche Modell vergleicht sie mit Vorschlägen aus Belgien und mit dem, was sie aus Großbritannien erfahren hat: "Meine englischen Kollegen haben die Möglichkeit, das Durchschnittseinkommen der letzten drei Jahre zu 80 Prozent als eine Art Kurzarbeitergeld zu bekommen. Das wäre für mich eine viel geeignetere Lösung als dieses deutsche Arbeitslosengeld-Zwei, das ich als absolutes Gängel-Instrument empfinde."

Zwieners Einschätzung steht nicht alleine im Raum. Mitte Mai verabschiedeten über zwei Dutzend „tonangebende“ Vereine und Verbände einen gemeinsamen Appell an die Bundesregierung in Berlin, unterzeichnet unter anderem vom Bundesverband Freie Darstellende Künste BFDK, dem Bundesverband Zeitgenössischer Zirkus buzz, dem Dachverband Tanz Deutschland, der Deutschen Jazzunion, der Gesellschaft für Neue Musik GNM, der Vereinigung Alte Musik in Deutschland VAM, dem Verband Deutscher Puppentheater VDP, Freie Ensembles und Orchester in Deutschland FREO, Landesmusikrat Berlin

Freischaffende gegen Grundsicherung

Darin heißt es: "Handeln Sie, bevor irreparabler Schaden entsteht und ein Grundpfeiler der kulturellen Vielfalt unwiderruflich massiv beschädigt wird!" - Einerseits wird zwar lobend erwähnt, dass Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Berlin schnell gehandelt hätten, doch andererseits "gibt es eine extreme Ungleichbehandlung je nach Wohnort". Und: "Nicht alle Künstler konnten von den Landeshilfen profitieren. Die Mittel in NRW und Berlin waren innerhalb weniger Tage ausgeschöpft."

Und was ist mit dem Sozialschutzpaket der Bundesregierung? Hierbei handelt es sich um ein Gesetz, das für freischaffende Künstler unter anderem den Zugang zur Grundsicherung/ALG II erleichtert. Doch dies wird von nahezu allen Kunst- und Kulturverbänden heftigst kritisiert. Warum eigentlich?

Eines der Kernargumente der freischaffenden Künstler gegen die "Grundsicherung" lautet, im Vergleich zu abhängig Beschäftigten werde man ungleich behandelt: "Es entsteht der Eindruck, dass den Akteuren der Freien Künste eine geringere Wertigkeit zugesprochen wird – einerseits im Vergleich mit den Kollegen in den vergleichsweise gut abgesicherten Kulturinstitutionen und andererseits im Vergleich mit anderen Berufsgruppen, die durch Ausgleichszahlungen oder das Instrument Kurzarbeit abgesichert werden."

Künstler fordern Kurzarbeitergeld

Auch andere von der Bundesregierung angebotene Hilfsinstrumente werden von den freischaffenden Künstlern als ungeeignet für ihren Berufszweig angesehen. So könne man über die wirtschaftlichen Soforthilfen zwar laufende Betriebskosten geltend machen, "doch bei den allermeisten solo-selbstständigen Künstlern der Freien Kunst- und Kulturszene greifen die Hilfen nicht, weil sie kaum relevante laufende Verbindlichkeiten wie gewerbliche Mieten, Pachten oder Leasing-Aufwendungen haben."

Nach unzähligen Gesprächen mit deutschen Musikern und Künstlern in Ost und West, Nord und Süd, kristallisiert sich als konkreter Vorschlag der Wunsch nach einer dem Kurzarbeitergeld vergleichbaren Regelung heraus, zumindest für die Dauer der Covid-19 Krise.

Nächste Station – Budapest

Unser ungarischer Reporterkollege Gábor Kiss hat sich zeitgleich mit unserer „Deutschlandtour“ auf der Budapester Donau-Insel Sziget umgesehen. Auch hier scheint die Sonne, alles wirkt ruhig und friedlich. Zu ruhig. Spaziergänger flanieren mit ihren Hunden, eine Familie verzehrt ihr Picknick auf der riesigen Rasenfläche, Vater und Sohn lassen einen Drachen steigen. Hier auf der Donau-Insel findet alljährlich eines der größten Popfestivals Europas statt – Sziget ist mittlerweile ein fester Begriff von Portugal bis Polen, von Norwegen bis Nordmazedonien.

Eine halbe Million Besucher kam im vergangenen Jahr für die Dauer des Festivals nach Ungarn, nach Budapest, auf die Donauinsel Sziget. Jetzt bleibt der Rasen leer, denn Ungarn hat Großveranstaltungen bis Mitte August verboten. Alle fünf Festivals, die von Sziget gemanagt werden, mussten annulliert werden, tausende Menschen verlieren dadurch ihre Jobs. Es ist ja nicht so, dass ein Festival nur aus Musikern besteht. Hinter der Bühne, neben und vor der Bühne arbeiten unzählige Hände an Tonreglern, Sandwich-Verkaufsständen, Eingangskontrollen. Alles in allem geht es um 10.000 Jobs, die nun weg seien – schätzt Tamás Kádár, er ist der Boss hier, der CEO des Sziget Festival.

"Für alle Konzert- und Festivalveranstalter ist die Lage extrem schwierig“, erläutert der Musik- und Festivalmanager gegenüber Euronews. „Es fließt kein Geld in die Kassen, die Einnahmen liegen bei null. Gleichzeitig muss aber das Geld für die im Vorverkauf erstandenen Tickets zurückerstattet werden. Wir stehen vor einem riesigen Problemberg, mit so etwas waren wir noch nie konfrontiert." Hinzu komme, dass man ja bereits im Vorlauf enorme Kosten gehabt habe für Marketing und diverse Vorverträge mit Bands aus der ganzen Welt. Der Manager nennt eine Zahl, eine Milliarde Forint. Auch wenn man das durch 350 teilen muss, um auf die entsprechende Euro-Summe zu kommen, ein Pappenstiel ist das nicht."

Einer der jetzt beschäftigungslosen Backstage-Helfer, Licht- und Tontechniker, die mit Sziget und anderen Festivals ihr täglich Brot verdienen ist István Ondecs Bygyó. Wenn es so richtig rockt, ist er der Mann am Verstärker-Regler. Wir treffen den Mann mit dem coolen Dreitagebart und den ironischen Lachfältchen um die Augen Backstage. Der Weg führt über einen Hof, auf dem drei beschäftigungslose Kollegen in Liegestühlen wippen, Witze reißen, einem Hund einen Ball zuwerfen, sich offensichtlich langweilen.

Rotstift raus und alles weg...

Um seine Rechnungen bezahlen zu können, arbeitet István Ondecs Bygyó jetzt in einem Supermarkt, packt Waren aus und ein. Nicht gerade vergleichbar mit der Atmosphäre eines Rockkonzerts. Und auch nicht exakt das Tätigkeitsfeld, auf dem der technisch hochbegabte Mann kompetent ist. Rückkoppelungen, Soundprobleme, Kabelwege, Verstärkertücken – das sind so die Herausforderungen, mit denen Istvan wagemutig und meist erfolgreich kämpft, in diesem Bereich ist er ausgebildet und kann sich einbringen. Die Festivalmanager wissen das: Wenn Istvan hinter der Bühne mit im Team ist, dann hören vor der Bühne Tausende Fans genau das, wozu sie hergekommen sind: Klasse Musik, laut und gut – und ohne Störgeräusche.

Mit einer Crowdfunding-Aktion hilft Istvan nun anderen freischaffenden Bühnentechnikern, die in der Klemme sitzen. In gerade einmal einer Woche kamen fünf Millionen Forint zusammen - das sind rund 14.000 Euro. Auf seinem PC zeigt er uns stolz das Foto der symbolischen Scheckübergabe.

István Ondecs Bygyó: "Die Spendengelder sind für Menschen - einige Notlagen kenne ich persönlich - die zu Hause bleiben mussten, wegen COVID-19. Zum Beispiel, weil die Schulen geschlossen wurden und sie sich um ihre Kinder kümmern mussten, während ihr Partner einem unterbezahlten Teilzeitjob nachgeht. Wir unterstützen auch Kollegen mit gestrichenen Aufführungsterminen, die jetzt auf einmal ihren Bankkredit nicht mehr bedienen können, weil sie nicht mehr arbeiten dürfen."

Istvan bedeckt Instrumente, ein Schlagzeug, mit einem riesigen weißen Tuch. Soll zwar nur gegen Staub schützen, es kommt ja niemand mehr zum Proben. Wirkt aber wie ein Leichentuch: Hier ruht Ungarns freischaffendes Künstlertum. Dabei ist es ja nicht so, als ob die ungarische Regierung kein Hilfsprogramm auf die Beine gestellt hat. Doch das ist kaum mit Geld gefüllt und verteilt sich auf eine potenziell sehr hohe Zahl von bedürftigen Freischaffenden. Wer die oberste Förderrate bekommt, erhält eine Einmalzahlung von etwa 900 Euro – für den gesamten Zeitraum der Covid-19-Blockade.

Geraldino muss kürzer treten

Letzte Station: das fränkische Nürnberg, im Süden von Deutschland. Wir haben uns vor einer kleinen Kunstgalerie verabredet. Hier stellt Geraldino aus. Klar, das ist ein Künstlername, klingt schwungvoller als Gerd Grashaußer. Der Mann kann so ziemlich alles, singen, tanzen, malen, komponieren, schreiben, reden. In der Galerie zeigt er uns seine mit Plastikspielzeug belegten Kunst-Pizzen, einer seiner neuesten Einfälle. Anschliessend lädt er uns ein nach Hause, er will uns sein Tonstudio zeigen.

Obwohl Geraldino ein im deutschen Sprachraum anerkannter Kinderliedermacher ist und sogar ein eigenes Festival gegründet hat, muss er derzeit jeden Euro zweimal umdrehen. Ja sicher, wegen COVID-19, versteht sich. Auf die Regierung ist er stinksauer. Gerd Grashaußer (Geraldino):

"Die Autoindustrie fordert Geld, Adidas, Puma, die Fluggesellschaften werden unterstützt. Aber wenn es um Menschen geht, um Menschen, die wirklich keine Einnahmen mehr haben, die lässt man einfach so im Regen stehen. Das, finde ich, ist eigentlich eine Frechheit. Das ist uns gegenüber nicht fair, gegenüber den kleinen, selbstständigen und anderen selbstständigen Künstlern ist das einfach nicht fair. Das ist unmöglich."

Auch Liedermacher fordern Kurzarbeitergeld

Zwar hat Bayern Nothilfe angekündigt, tausend Euro pro Monat, doch nur für Freischaffende in der Künstlersozialkasse. Zu wenig, meint Geraldino, während er zusammen mit Konzertmanagerin Claudia Martin seine rasch wachsende Sammlung abgesagter Konzerttermine durchsieht: "Wir hätten hundert Auftritte normal im Jahr, 40 wurden bereits abgesagt und für 2021 ist nichts geplant." Die Managerin ergreift das Wort, es entwickelt sich ein Dialog vor laufender Kamera.

Claudia Martin: "Keiner weiß, wie sich das Infektionsgeschehen weiterentwickelt, es heisst, sie können nicht sagen, ob wir ab September wieder hundertprozentig werden spielen können. Es kann keiner voraussagen."

Gerd Grashaußer: "Aber dann müssen die doch auch für uns sorgen, dann müssen die uns doch einfach irgendetwas geben, Geld geben, von was sollen wir denn leben so lange?"

Claudia Martin: "Solange die Auftritte nur eingeschränkt möglich sind, muss es eine Entschädigung geben, mindestens 60 Prozent des Einkommens."

Gerd Grashaußer: "Mein Appell an die Politiker: Gebt uns eine Chance, gebt uns Perspektiven - lasst uns nicht verdursten."

Journalist • Hans von der Brelie

Cutter • William Vadon

Weitere Quellen • Kamera: János Hajdu (Budapest); Eric Deyerler (Nürnberg); Jochen Hasmanis (Frankfurt/Main); Fabian Welther (Leipzig); Produktion: Jewgenija Rudenko; leitender Redakteur: Jeremy Wilks