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Italien: Immer mehr Tunesier fliehen vor der Krise nach Europa

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Italien: Immer mehr Tunesier fliehen vor der Krise nach Europa
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Auch noch 14 Tage Corona-Quarantäne nach einer halsbrecherischen Überfahrt nach Italien? - geschenkt. In Italien kommen laut Beobachtern vier mal so viele Migranten an wie Anfang 2020, 9.372 bisher im Lauf des Jahres – die weitaus meisten sind in Tunesien aufgebrochen. Und kaum einer sieht je ein NGO-Rettungsschiff von innen.

Die wahren Zahlen könnten noch viel höher sein, da "Geisterlandungen" nicht berücksichtigt sind, spontane Ankünfte, die die Behörden nicht immer auf dem Schirm haben.

Neu im Vergleich zu den vergangenen 3 Jahren: Inzwischen sind es vor allem tunesische Staatsangehörige, die beschließen, ihr Heimatland zu verlassen.

Warum?

Tunesien macht eine der schlimmsten politischen und wirtschaftlichen Krisen seit der Unabhängigkeit des Landes von Frankreich durch, mit sozialen Spannungen, die durch die globale Pandemie verschärft werden.

Die nach zähen Verhandlungen gebildete Regierung Elyes Fakhfakh ist Mitte Juni zurückgetreten – er war der siebte Regierungschef seit dem Arabischen Frühling und den demokratischen Reformen von 2011.

Paolo Howard, Migrationsdatenanalytiker, “Save the Children”, Rom:

"Der Ausnahmezustand im Land hat die Präsenz von Polizeikräften in den Städten erhöht, aber er hat auch zu einer weit verbreiteten Einschränkung der individuellen Freiheit wie der Gedankenfreiheit geführt oder des Protestrechts, das kommt noch zur finanziellen Krise dazu."

Die Boote aus Tunesien landen in Sizilien und besonders auf der Insel Lampedusa.

Sergio Scandura, Journalist “Radio Radicale”:

"Einer der Gründe ist die geografische Nähe. Ein Boot aus Libyen fährt etwa 130 Meilen. Wer stattdessen aus Tunesien losfährt, hat nur die Hälfte vor sich. In Tunesien gibt es viel mehr Holzboote, so dass diese Schiffe mit höherer Wahrscheinlichkeit ihr Ziel erreichen, obwohl sie überfüllt sind."

Und Covid-19 spielt auch seine Rolle: Immer mehr Kriminelle wandern aus Libyen nach Tunesien ab, und ziehen da ihr Geschäft auf.

In Libyen trifft der Rückgang der Ölpreise auch die Kriminellen
Sergio Scandura
"Radio Radicale"

Sergio Scandura, Journalist “Radio Radicale”:

"In Libyen trifft der Rückgang der Ölpreise auch die Kriminellen, die Restriktionen machen auch ihr Leben schwerer. Deshalb sind die meisten nach Tunesien gezogen."

© Euronews
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Die Rolle der sozialen Medien ist von entscheidender Bedeutung. Laut der italienischen Zeitung "Il Messaggero" haben Ermittler herausgefunden, dass Schmuggler vor allem soziale Plattformen wie Telegram oder Facebook nutzen, um Leute zu finden, die bereit sind, für eine Überfahrt nach Europa ein paar tausend Euro zu zahlen.

Facebook-Seiten, die Touristen Informationen über Italien zu liefern scheinen, werden oft verwendet, um die Überfahrten zu arrangieren. Auch tunesische Staatsangehörige landen bei der Reiseplanung oft dort.

Paolo Howard, Migrationsdatenanalytiker, “Save the Children”, Rom:

"In der Regel sind es Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, die weg wollen. Sie sind fasziniert von dem, was die sozialen Medien so zeigen. Sie überlegen, welche Jobs sie in Italien finden, leichter als in Libyen."

Und diese "Reisen" übers Mittelmeer werden so bald nicht aufhören. Der Zusammenbruch der tunesischen Regierung bedroht die Stabilität dieser nordafrikanischen Demokratie, und da die Konflikte im nahen Libyen weitergehen, dürfte sich auch die Migrationskrise im Mittelmeer weiter verschärfen.

Giorgia Orlandi, su