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Der "Mister Klima" der Niederlande senkt die CO2-Emissionen

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Englischsprachiges Interview im Originalton
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In Den Haag hat euronews Sandor Gaastra, Generaldirektor im niederländischen Ministerium für Wirtschaft und Klima, getroffen. Gaastra ist der "Mister Klima" der Regierung, zuständig für die Beschleunigung der Maßnahmen zur schnellstmöglichen Eindämmung der CO2-Emissionen des Landes. Nach einem kürzlich ergangenen Urteil des höchsten Gerichts der Niederlande ist die niederländische Regierung verpflichtet, die Emissionen bis Ende 2020 um mindestens 25 Prozent gegenüber dem Benchmark-Niveau von 1990 zu senken.

Euronews-Reporter Hans von der Brelie:Wie ist Ihr aktueller Stand bei der Reduzierung der CO2-Emissionen im Vergleich zu 1990?

Sandor Gaastra, Generaldirektor im niederländischen Ministerium für Wirtschaft und Klima:
Wir tun unser Möglichstes. Auch deswegen, weil es in letzter Instanz ein Urteil des Obersten Gerichtshofes der Niederlande gegeben hat. Wir tun unser Möglichstes, um das Ziel von 25 Prozent am Ende dieses Jahres zu erreichen. Ob wir dieses Ziel erreichen werden oder nicht, wird erst im nächsten Jahr klar sein, aber wir ergreifen alle notwendigen Maßnahmen, um dieses Ziel zu erreichen.

Euronews:
Covid-19 ließ die Emissionen sinken. Hat Covid-19 Sie gerettet, weil Sie dadurch bessere Zahlen bekamen?

Sandor Gaastra:
Vielleicht rettet uns das für das Jahr 2020, das könnte gut sein. Aber uns muss bewusst sein, dass es nicht nur um 2020 geht, wir müssen über 2020 hinaus denken, bis 2030 und 2050. Ja, möglicherweise wird Covid uns helfen, die Ziele für 2020 zu erreichen, aber sicherlich sind auch langfristige Maßnahmen notwendig, um die Ziele für 2030 und 2050 zu erreichen.

Umsetzung der Klimaziele - warum so spät, warum so langsam?

Euronews:
Warum hinken Sie hinterher?

Sandor Gaastra:Zwei Gründe; erstens verzeichneten wir im vergangenen Jahr einen wirtschaftlichen Aufschwung in den Niederlanden, also wuchs die Wirtschaft und damit stiegen auch die Emissionen. Das ist der erste wichtige Grund, wir hatten eine recht günstige wirtschaftliche Situation in den Niederlanden. Und zweitens gibt es in den Niederlanden eine breite industrielle Basis - und das ist ein Unterschied, wenn man die Niederlande mit anderen Ländern vergleicht. Unser Land ist hochgradig industrialisiert, und wie wir alle wissen, ist die Industrie einer der gesellschaftlichen Schlüsselbereiche, wo die Klimaziele schwierig umzusetzen sind.

Euronews:
Warum ist der Anteil der erneuerbaren Energien so niedrig im niederländischen Energiemix?

Sandor Gaastra:
Das ist Teil unserer Geschichte. Wir haben Erdgas entdeckt, eine große Menge Erdgas in den Niederlanden. Sie kennen die Provinz Groeningen, dort gibt es in der Tat eine der größten Erdgasmengen der Welt. Der Großteil unseres Energieverbrauchs basiert auf diesem Vermögenswert, wenn es um die Industrie geht, aber auch wenn es um den Gebäudebestand geht, denn fast alle Häuser und Büros werden mit Erdgas geheizt. Deshalb ist der Übergang zu einem nachhaltigeren Energiemix für uns ein ziemlich langer Weg. Wir haben nicht die Mittel, die andere Länder haben.

Euronews:
Was unternimmt die niederländische Regierung, um dem Gerichtsurteil vom Dezember nachzukommen?

Sandor Gaastra:
Zunächst einmal tun wir - wie ich bereits sagte - unser Möglichstes, um alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um das Ziel einer 25-prozentigen CO2-Reduzierung bis Ende dieses Jahres zu erreichen, wie z.B. zusätzliche Maßnahmen zum Verbot der Stromerzeugung aus Kohle, dem derzeit wichtigsten Faktor, den wir steuern können. Und es werden noch in diesem Jahr zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden, um den Anteil der Kohleproduktion an der Stromerzeugung in den Niederlanden vor Ende dieses Jahres weiter zu reduzieren. Das wird einen großen Unterschied machen und die Nachhaltigkeit von Wohnungen und Büros in den Niederlanden beschleunigen. Um Ihnen eine Zahl zu nennen: Wir haben 150 Millionen Euro an Subventionen bereitgestellt, die Haushalten und Unternehmen zur Verfügung stehen, um ihre Büros und Häuser nachhaltiger zu gestalten.

Was passiert mit der Kohle?

Euronews:
Im Laufe dieses Jahres werden Maßnahmen ergriffen, um die Kohleverstromung zu reduzieren. Konkrete Frage: Planen Sie, ein weiteres Kohlekraftwerk abzuschalten?

Sandor Gaastra:

Wir prüfen gerade die Möglichkeit, die Produktion der Kohlekraftwerke per Gesetz auf eine Mindestkapazität zu reduzieren, die für die Versorgungssicherheit in den Niederlanden erforderlich ist. Was bedeutet, dass die Kohleproduktion der drei verbleibenden Kohlekraftwerke in den Niederlanden um zwei Drittel reduziert werden muss und ein Drittel der Produktionskapazität übrig bleibt. Das wäre an sich eine sehr wichtige Maßnahme, um die Lücke zwischen den bestehenden Emissionswerten und dem Emissionsniveau, das wir bis Ende 2020 erreichen wollen, zu schließen.

Thema Solarenergie

Euronews:
Was unternimmt die niederländische Regierung, um Solarenergie zu fördern?

Sandor Gaastra:
Kernpunkte des Aktionsplans Solar ist viel Sonne auf den Dächern, das ist eine Schlüsselpriorität, und wenn möglich, wenn wir es mit der Umwelt vereinbaren können, auch Solar am Boden in größerem Maßstab, aber vor allem Solarmodule auf den Dächern.

Thema Windenergie

Euronews:
Wie will die niederländische Regierung Windenergie fördern?

Sandor Gaastra:
Um die Windenergie zu fördern, setzen wir auf die Nordsee, weil wir dort den Platz haben, den wir für große Mengen Windenergie benötigen. Für den Zeitraum bis 2030 haben wir bereits 11 Gigawatt Offshore geplant, und wir prüfen nun die Möglichkeit, diesen Anteil sogar noch zu erhöhen.

Thema Industrie

Euronews:
Sie leben in einem hochindustrialisierten Land. Wie kann man in all den vielen Industrieanlagen, die sie haben, Energie sparen und die CO2-Emissionen senken?

Sandor Gaastra:
Wasserstoff wird als Lösung für die Industrie von entscheidender Bedeutung sein. Man kann auch Power-to-Gas sagen, denn es geht nicht nur um Wasserstoff. Wir brauchen große Mengen grüner Energie, wandeln sie in Wasserstoff um und nutzen sie in der energieintensiven Industrie. Außerdem liegen konkrete Pläne auf dem Tisch für alle sechs Industrie-Energiecluster in den Niederlanden, damit das funktioniert.

Thema Landwirtschaft

Euronews:
Die Landwirtschaft ist immer noch ein Problem, gerade hier haben Sie eine industrielle Art der Nahrungsmittelproduktion und Massentierhaltung. Wie gehen Sie damit um?

Sandor Gaastra:
Das ist ein schwieriges Thema, denn es bedeutet die Landwirtschaft stärker strukturell zu verändern. Die Forstwirtschaft ist eine der Lösungen, die wir prüfen, um Teile des Landes wieder aufzuforsten, die heute für die intensive Agrarindustrie genutzt werden. Außerdem müssen wir die Möglichkeit prüfen, in unserem Marschland in den Niederlanden Maßnahmen zu ergreifen, weil von dort viel Methan kommt - in diesem Bereich müssen wir Maßnahmen ergreifen.

Thema Mobilität & Alltag

Euronews:
Schaut man hier aus diesem Fenster, haben die meisten Autos einen Verbrennungsmotor, das ist also immer noch ein Problem.

Sandor Gaastra:

Es ist immer noch ein Problem, aber der Verkauf von Elektrofahrzeugen nimmt in den Niederlanden zu, und es gibt steuerliche Anreize, um die Einführung von Elektroautos zu unterstützen. Ab dem Jahr 2030 darf in den Niederlanden kein neues Auto mit Verbrennungsmotor mehr verkauft werden.

Euronews:
Die Niederlande ist ein sehr dicht besiedeltes Land, die Menschen brauchen Energie zum Kochen, zum Waschen, zum Wohnen - für das tägliche Leben. In diesem Bereich gibt es Potenzial, was ist das für ein Potenzial und wie können Sie es nutzen?

Sandor Gaastra:
In diesem Bereich gibt es ein riesiges Potenzial, denn die überwiegende Mehrheit der Häuser in den Niederlanden wird immer noch mit fossilem Gas geheizt. Wir müssen von einer fossilen zu einer nachhaltigeren Lösung wechseln. Heizsysteme, wie sie in Dänemark im Einsatz sind, also Fernwärmesysteme, wären ein Teil dieser Lösung. Derartige Fernwärmesysteme könnten mit nachhaltigen Energiequellen betrieben werden, wie zum Beispiel Erdwärme. Wir erforschen jetzt den gesamten Untergrund in den Niederlanden, um zu sehen, wo es in den Niederlanden ein Potenzial für geothermische Energie gibt.