Eilmeldung
Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

Kampf gegen toxische Männlichkeit - Frauen in arabischen Ländern

euronews_icons_loading
Die saudische Radsportlerin Sawsan Abdel Fattah fährt vor einem Plakat, das den  saudischen König Salman und seinen Kronprinzen Mohammed bin Salman zeigt.
Die saudische Radsportlerin Sawsan Abdel Fattah fährt vor einem Plakat, das den saudischen König Salman und seinen Kronprinzen Mohammed bin Salman zeigt.   -   Copyright  Amr Nabil/Copyright 2021 The Associated Press.
Schriftgrösse Aa Aa

Am 8. März gehen Frauen von Moskau bis San Franciso auf die Straße, um Ungleichheit anzuprangern und ihre Rechte einzufordern. Wie sieht es in arabischen Ländern aus, in denen die Möglichkeiten der Frauen bekanntermaßen stärker eingeschränkt sind als bei uns in Europa?

Der Tag ist international, also wird er überall gefeiert, auch in der arabischen Welt, stellt die Menschen- und Frauenrechtsaktivistin Nosra Ayari erst einmal klar.

Menschenrechtsorganisationen, ob nationale oder internationale, würden um den Tag herum versuchen, auf die Förderung von Frauenrechten aufmerksam zu machen, insbesondere auf Gewalt an Frauen, die während der Covid-19-Pandemie noch einmal zugenommen habe – nicht nur in der arabischen Welt.

Kernthemen des Internationalen Frauentags in arabischen Ländern seien politische Partizipation, restriktive Gesetze, die Frauen benachteiligen, besonders das islamisch geprägte Erbrecht, und die Situation von Frauen in Ländern, in denen Konflikte herrschen, weiß Nosra Ayari. Die Expertin für die MENA-Region (Middle East and North Africa) hat von Tunis aus in den vergangenen Jahren für staatliche und nicht-staatliche Organisationen Projekte zur Förderung von Menschen- und Frauenrechten geleitet.

Reformstau und schlimme Lage für Frauen in Konfliktländern

Zugang zum öffentlichen Raum – eine Voraussetzung, um überhaupt auf die Straße gehen zu können und etwas, das in westlichen Staaten ganz selbstverständlich ist – dafür hätten Frauen in arabischen Ländern seit jeher kämpfen müssen, so die Menschenrechtsexpertin Nosra Ayari. Und dieses Etappenziel ist in einigen Teilen heute auch schon erreicht.

Aber in Konfliktregionen wie Syrien, den besetzten palästinensischen Gebieten, im Irak und Jemen hätten die Frauen eine Menge Probleme, sie haben dort keinen Zugang zum öffentlichen Raum, Zugang zu Schutz, zur Gesundheitsversorgung, besonders diejenigen, die aus ihrer Region vertrieben wurden.

Nosra Ayari: „Wenn wir uns diese Paradigmen anschauen, sehen wir, dass es in Ländern, in denen Konflikte herrschen, insgesamt weniger Fortschritte bei den Frauenrechten gibt.“

Heirate-Deinen-Vergewaltiger-Gesetz ursprünglich von europäischen Kolonialherren

Der sogenannte "Heirate deinen Vergewaltiger"-Paragraf war jahrelang Gegenstand von Kontroversen in der arabischen Welt. In Tunesien, Jordanien, Marokko und im Libanon wurden die Paragrafen bereits abgeschafft, die Vergewaltigern Straffreiheit gewähren, wenn sie ihr Opfer heiraten. Frauenrechtlerinnen hatten lange dafür gekämpft. Unter anderem in Palästina, Syrien, Libyen und dem Irak gibt es solche Gesetze immer noch.

Die Paragrafen werden oft mit islamischen Traditionen in Verbindung gebracht. Tatsächlich gehen sie aber teilweise auf osmanisches Recht zurück, teils auf die einstigen Kolonialherren. Eine Klausel im marokkanischen Strafrecht beispielsweise, die Straffreiheit gegen Heirat für Männer gewährt, die Minderjährige vergewaltigt haben, ist damals aus der französischen Gesetzgebung übernommen worden. Napoleons Strafgesetz stammt von 1810. In Frankreich wurde der Artikel erst 1994 gestrichen. Marokko hatte die Gesetzeslücke für Vergewaltiger 2014 entfernt, nachdem sich eine 16-Jährige 2012 wegen einer Zwangsehe mit ihrem Vergewaltiger mit Rattengift das Leben genommen hatte.

Jung und mutig - Frauen als Treiber für gesellschaftliche Veränderungen

Menschenrechtsexpertin Nosra Ayari hält die Förderung von feministischen Graswurzel-Bewegungen für wichtig. Frauen, die an der Basis arbeiten und die in ihrem direkten Umfeld Veränderungen bewirken, können die Gesellschaft von unten umwälzen. Widerständen zum Trotz ist es Frauenrechtsorganisationen in der arabischen Welt zuletzt gelungen, einige bemerkenswerte Achtungserfolge zu erzielen.

Natürlich gäbe es auch in Saudi Arabien, das für seine besonders rückschrittlichen Frauenrechte bekannt ist, viele junge, gebildete und ambitionierte Frauen, die sich mehr Möglichkeiten wünschen.

Die saudische Aktivistin Manal al-Sharif hatte sich kurzentschlossen hinters Steuer gesetzt, um gegen das Autofahrverbot für Frauen zu protestieren. Eine Freundin filmte und das Video verbreitete sich rasant über die sozialen Medien. Manal al-Sharif kam ins Gefängnis, aber auch andere Frauen filmten ihre Fahren und traten eine Bewegung los. Per Dekret verfügte der saudischen König später, dass Frauen künftig Autofahren dürfen.

Die Gesellschaften in der arabischen Welt sind jung. Über das Internet sind sie mit der Welt vernetzt und wollen Veränderungen. Der Druck auf die Herrscher lässt die Bereitschaft steigen, Reformen anzugehen.

"In Marokko haben es Frauen nicht schlechter als migrantische Frauen in Deutschland"

Die Geschäftsführerin des Berliner Vereins Oyoun, Louna bent Abdelmoula Sbou, hat in mehreren arabischen Ländern gearbeitet und stammt aus Marokko. Ihr sei der Internationale Weltfrauentag in Europa weniger aufgefallen als zum Beispiel im Libanon oder Jordanien. Da würde es alles geben, vom einfachen „Frausein“ feiern bis hin zu Kundgebungen und Protesten. Besonders in Erinnerung seien ihr der Weltfrauentag im vergangenen Jahr in Beirut, der mit der revolutionären Stimmung und den Protesten wegen der wirtschaftlichen Krise zusammenfiel; aber auch die Frauentage in Marokko in der Zeit der „490er-Bewegung“, die für die Abschaffung des Paragrafen kämpfte, der Sex vor der Ehe bestraft hat.

Aber der wohl größte Unterschied sei, dass sich der Kampf um mehr Gleichberechtigung, anders als in Deutschland, nicht nur auf den 8. März konzentriere. In Deutschland ist die Gleichberechtigung ja auch weiter fortgeschritten könnte man jetzt sagen. Für Louna Sbou aber gibt es in Deutschland genauso gute Gründe auf die Straße zu gehen wie in Marokko.

„Die Frauen in Marokko haben es nicht schlechter als migrantische Frauen in Deutschland“, sagt sie. Einige weibliche Verwandte seien vor einigen Jahren von Deutschland zurück nach Marokko gegangen, weil sie sich in der Gesellschaft dort respektierter und wohler gefühlt hätten.

Steter Tropfen höhlt den Stein

In Tunesien und Algerien gebe es große Fortschritte, sagt Nosra Ayari. Zum Beispiel durch die Gesetzesänderungen von 2017, die neuen Schutz und Veränderungen in vielen Aspekten des Lebens gebracht hätten. Es gebe jetzt Stellen, wo Frauen Belästigungen und Bedrohungen im öffentlichen wie privaten Raum anzeigen können. Bis heute existiere eine soziale Stigmatisierung von Frauen, die offen über Gewalt sprechen, der gesellschaftliche Druck zwinge sie dazu zurückhaltend zu sein und ihre Angreifer nicht anzuzeigen. Es sei ein wichtiger Punkt, dass Frauen Gewalt jetzt überhaupt zur Anzeigen bringen können, so Ayari. Das sei nicht in allen Ländern gegeben.

In Tunesien können muslimische Frauen nach einer Gesetzesänderung auch andersgläubige Männer heiraten. Tunesien ist eines der fortschrittlichsten arabischen Länder in Sachen Frauenrechte. Trotzdem wollen besonders in den letzten ein bis zwei Jahren wegen der tiefgreifenden ökonomischen Krise viele junge Menschen das Land verlassen – nicht nur die Männer.

Wichtiger Kampf: Tabubruch Erbrecht

Alle Frauenrechtsaktivistinnen mit denen Euronews gesprochen hat, Chloé aus Beirut, Nosra Ayari aus Tunis oder Louna aus Marokko – sie alle haben eine überfällige Änderung des Erbrechts als wichtiges Anliegen genannt. Das islamisch geprägte Erbrecht, das Frauen und Mädchen stark benachteiligt, ist eine Dauerbaustelle ist in vielen arabischen Ländern. Teilweise werden weibliche Angehörige komplett vom Erbe ausgeschlossen. Allerdings lassen sich die Frauen das heute mehr so einfach gefallen und haben bereits juristisch Teilerfolge erzielt.

Sollte die Gleichstellung beim Erbe tatsächlich Gesetz und Alltagspraxis werden, wäre dies ein Tabubruch in der islamischen Welt. Denn das Erbrecht stützt sich dort auf das islamische Recht, die Scharia.

Generell sind die rechtliche Diskriminierung von Frauen und Mädchen sowie eine geringe Partizipation am Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft die Angelpunkte der mangelnden Geleichberechtigung.

Frauenanteil in Parlamenten arabischer Länder wächst stark

Zum vergangenen Weltfrauentag hatte UN-Generalsekretär António Guterres ein „Jahrhundert der Gleichstellung von Frauen“ gefordert und unter anderem kritisiert, dass auf drei männliche Abgeordnete in den Parlamenten nur eine Frau komme.

Die regelmäßigen Erhebungen der Interparlamentarischen Union (IPU) zeigen einen starken Zuwachs von Frauen in den Parlamenten der arabischen Länder. Aufgrund der Reformen, die dort in Folge des Arabischen Frühlings angestoßen wurden, haben Frauen einen leichteren Zugang in politische Ämter. Von 1995 bis 2021 ist Frauenanteil um 13,5 Prozent gewachsen. Ägypten erreichte 2020 dank einer Quotenregelung einen historischen Höchststand für Frauen im Parlament. Insgesamt ist der Frauenanteil in den Parlamenten der MENA Region jedoch mit 17,8 Prozent der niedrigste auf der ganzen Welt.

Ja, es gibt mehr Politikerinnen, bestätigt auch Nosra Ayari, aber hautsächlich in unwichtigen Positionen mit einem teilweise eingeschränkten Aktionsradius. „Aber dann müssen wir uns auch den Zwiespalt angucken zwischen der erreichten Macht-Position und ihrem wirklichen Handlungsspielraum."

Aufmerksamkeit auf toxische Männlichkeit lenken

Ein tiefverwurzeltes Patriarchat haben in der Wirtschaft und in politischen Systemen ein gewaltiges Ungleichgewicht entstehen lassen, dass sich nicht von heute auf morgen auflösen lässt. Die Aufmerksamkeit müsse auf die toxische Männlichkeit gelenkt werden, die Fortschritte erschweren, sagt Nosra Ayari. Aber eine neue Generation junger Männer, die gleichberechtigt mit ihren Schwestern aufwachsen und von globalen Trends wie metrosexuellen Männer, die das maskuline, dominante Rollenbild des Mannes in Frage stellen, in den sozialen Medien beeinflusst sind, seien mittlerweile überall zu finden.

Heute können die jungen Frauen in der arabischen Welt laut und offen ihre Rechte einfordern, deren sie sich sehr bewusst sind. Sie repräsentieren sich selbst, gehen auf die Straße. Sie können sich auch für Minderheiten wie Homosexuelle einsetzen, was in Staaten der Golfregion zum Beispiel schwierig sei, sagt Ayari.

Gemeint sind allerdings die üblichen bekannten Reformländer wie Libanon, Marokko, Algerien und Tunesien.

"Eine feministische Bewegung darf nicht anti-muslimisch sein"

Für weitere Fortschritte dort und in anderen arabischen Ländern sei es aber wichtig, dass Initiativen für mehr Gleichberechtigung und Teilhabe, selber nicht ausgrenzen, sondern integrieren und alle Teile der mitnehmen, so Louna Sbou, die von ihren Erfahrungen unter anderem aus Marokko berichtet. Man müsse die Bedürfnisse verschiedener Gruppen im Blick behalten. Louna Sbou: „Eine feministische Bewegung darf keine transfeindliche Bewegung sein - und keine anti-muslimische.“

Mit ihrem Verein setzt Louna Sbou internationale, dekoloniale, queer*feministische Kulturprojekte mit migrantischen Blickwinkel um, heißt es auf der Website. Im Moment organisieren sie ein Festival, dass in vielen Ländern stattfindet, auch in arabischen.

„Ich würde nicht sagen, dass meine Mutter oder meine Großmutter es schwer hatten als wir heute. Sie haben sogar freier gelebt. Die Rückschritte kamen erst mit dem Kolonisalismus. Mit dem Heteropatriachiat wurde die Gesellschaft geschwächt. Bilder aus den 20er, 60er und 70er-Jahren zeigen, dass damals eine ganz andere Atmosphäre geherrscht hat. Emanzipation war damals kein Thema, aber sie wurde gelebt.“

MENA-Frauen sind auf dem richtigen Weg

Von den Errungenschaften müsse man jetzt auch Gebrauch machen, die hart erkämpften Gesetzesänderungen müssen angewendet werden, sagt Nosra Ayari auf die Frage, wie sich der Emanzipationsprozess weiter vorantreiben lässt. Frauen müssten dazu ermutigt werden, zum Beispiel ihre Rechte einzuklagen oder Angreifer wirklich anzuzeigen.

Außerdem sei es ein Motor, weiterhin Bildung zu fördern und Frauen auch in Führungspositionen zu bringen. Arabische Frauen seien hervorragend in Wissenschaft, Kunst und Literatur, entsprechend der bekannten weltweiten Tendenz würden mehr Mädchen gute Abschlüsse machen als Jungen – das ist auch in den arabischen Ländern nicht anders. Und auch die berühmte Glasdecke gibt es hier, in höheren Positionen sind weniger Frauen anzutreffen. Hier müsse man ansetzen. Männer würden eher weitere Männer aus ihrem eigenen Netzwerk promoten, während Frauen in Führungspositionen nach dem sogenannten „Bienenkönigin-Syndrom“ auch nicht unbedingt mehr Frauen nachziehen, so Ayari.

Im Großen und Ganzen seien wir aber auf dem richtigen Weg, meint Nosra Ajari zuversichtlich, zu mehr Gleichberechtigung für alle auf der Welt und besonders für die Frauen in der MENA-Region.

***