Eilmeldung
Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

Nicht für die Tonne: Mehr Lebensmittel verwerten

Nicht für die Tonne: Mehr Lebensmittel verwerten
Schriftgrösse Aa Aa

Dieser Professor erklärt Ihnen, wie Sie Lebensmittelabfälle reduzieren können (und warum das so wichtig ist).

Nach Jahrzehnten des Rückgangs ist der weltweite Hunger wieder auf dem Vormarsch. 2019 hungerten 8,9 Prozent der Weltbevölkerung, und das war noch vor der COVID-19-Pandemie.

Eine wachsende Bevölkerung wird die Situation nicht verbessern. 2050 werden rund 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Um alle ernähren zu können, muss die Nahrungsmittelproduktion um 60 Prozent gesteigert werden.

Berechnungen zur Lebensmittelverschwendung auf der ganzen Welt zeigen ein widersprüchliches Bild - ein Drittel aller für den menschlichen Verzehr produzierten Lebensmittel geht verloren oder wird auf nicht nachhaltige Weise verschwendet. In der EU liegt diese Zahl bei etwa 20 Prozent. Private Haushalte sind für mehr als die Hälfte dieser Verschwendung verantwortlich. Es liegt also an jedem Einzelnen, an unseren individuellen Maßnahmen, dieses Problem anzugehen.

"Wir müssen Lebensmittelverschwendung vermeiden und dann über eine Steigerung der Produktion nachdenken", erklärt Professor Andrea Segrè von der Universität Bologna. Seine Forschungen zur Lebensmittelverschwendung haben dazu beigetragen, die besten Vorgehensweisen zu finden und zu verstehen, warum so viele Lebensmittel im Müll landen.

Lebensmittelverschwendung ist mehr als nur ein ethisches Anliegen - die Wissenschaft beweist uns, dass sie auch tiefgreifende Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Klimawandel hat.

"Wir müssen vermitteln, dass Lebensmittel einen Wert darstellen und einen Einfluss auf die Umwelt und unsere Gesundheit haben", sagt der Wirtschaftswissenschaftler.

Wie kann man Lebensmittelverschwendung reduzieren?

Vom Erstellen einer Einkaufsliste bis zum Verstehen von Etiketten: Lebensmittelerziehung ist der Schlüssel

Professor Segrè zufolge ist Lebensmittelerziehung der erste erforderliche Schritt, damit Menschen sich für das Thema engagieren.

"Bildung sollte genauso innovativ sein wie Technologie", sagt er. Schüler sollten lernen, dass Lebensmittel eine Investition sind, sowohl für den Planeten als auch für unsere Gesundheit.

"Das wäre eine Innovation", meint er und räumt ein, "es sollte normal sein".

Den Schülern beizubringen, wie man eine Einkaufsliste erstellt oder wie man sich gesund ernährt, sind Methoden, die dabei helfen könnten, nur das zu kaufen, was notwendig ist.

"Lassen Sie sich nicht vom Einkaufswagen treiben. Fahren Sie ihn und kaufen Sie nur, was Sie brauchen", erklärt er. Supermarktangebote verleiten zu übermäßigem Konsum. Konkret nennt er das Beispiel, dass man zwei Joghurts kauft und den dritten umsonst bekommt. Attraktive Angebote dieser Art verleiten die Verbraucher zu unklugen Kaufentscheidungen. Wenn der dritte Joghurt abläuft und weggeworfen wird, sollten die Leute kein weniger schlechtes Gewissen haben, weil sie ihn nicht bezahlt haben.

Lebensmittelverschwendung hat auch Auswirkungen auf den Geldbeutel. In Italien macht sie pro Haushalt etwa 250 Euro im Jahr aus. In der EU wurden die Kosten im Zusammenhang mit Lebensmittelverschwendung im Jahr 2016 auf rund 143 Milliarden Euro geschätzt.

Professor Segrè betont außerdem, wie wichtig es ist, Produktetiketten interpretieren zu können. Verfallsdaten und der Unterschied zwischen "Mindesthaltbarkeit" und "Verfallsdatum" zum Beispiel.

"Es ist wichtig, Schülern Regeln beizubringen, wie z.B. das Lesen von Etiketten und das Wissen, dass sie das Produkt auch noch einen Tag später essen können, wenn auf dem Etikett 'Mindesthaltbarkeitsdatum' steht, und dass ihnen nichts passieren wird."

Er empfiehlt auch, nachhaltige Unternehmen und Produzenten zu unterstützen. Die Menschen sollten lernen, wie sie Greenwashing vermeiden und wie sie herausfinden können, ob ein Produkt wirklich nachhaltig ist.

Produkte mit dem Etikett "grün", "öko" oder "natürlich" sind keine Garantie für nachhaltige Praktiken oder gesundheitliche Vorteile.

Lokale Initiativen schaffen, um die Verschwendung von guten Lebensmitteln zu vermeiden

Die Einführung lokaler Systeme, um ein besseres Management von Lebensmittelabfällen zu fördern, ist wichtig für einen nachhaltigen Wandel. Last Minute Market ist ein erstes Beispiel dafür, dass es funktionieren kann. Dieses Sozialunternehmen wurde von Professor Segrè gegründet und entwickelt lokale Projekte, um unverkaufte Produkte zu retten und sie an Wohltätigkeitsorganisationen zu verteilen.

"Es ist ein Projekt, das Nachhaltigkeit und Solidarität zusammenbringt und Abfallproduktion vermeidet", erklärt er.

Die Initiative verwertet Lebensmittel, aber auch andere Artikel wie Medikamente oder Bücher. Sie überwacht zudem, dass die Produkte den Sicherheitsanforderungen entsprechen.

"Lebensmittelsicherheit ist für Menschen in Not noch wichtiger".

Die Nähe zwischen Produzenten und Konsumenten ist ein wichtiger Punkt. Denn je näher Lebensmittel am Verbraucher sind, desto weniger Transport-, Lager- oder Kühlkosten anfallen.

Die Kunden werden ermutigt, ihre üblichen Konsumgewohnheiten in dieser Hinsicht zu überprüfen und vielleicht zu ändern.

"Es geht nicht nur um die Verwertung von Lebensmitteln", erklärt der Professor. "Es ist auch ein Logistik-Projekt. Wir brauchen ein effizienteres Lebensmittelsystem. Das wird, zusammen mit anderen Instrumenten, das globale Problem des Hungers lösen."

Neue Technologien nutzen, um Lebensmittel und natürliche Ressourcen zu sparen

Der Kampf gegen Lebensmittelverschwendung ist auch ein Kampf gegen den Klimawandel. Wenn wir Lebensmittel produzieren, werden natürliche Ressourcen wie Boden, Wasser und Energie benötigt. Entlang der Lieferkette gehen diese Ressourcen oft verloren. Das hat Auswirkungen auf die Umwelt und den Klimawandel.

"Die Verschmutzung ist die relevanteste Folge von Lebensmittelabfällen", sagt Professor Segrè.

Er erklärt, dass Lebensmittelabfälle, wenn sie ein Land wären, die drittgrößte Quelle von Treibhausgasemissionen in der Welt wären, nach China und den USA.

Dennoch können neue Technologien dazu beitragen, die Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten und Verluste zu reduzieren.

"Technologien müssen die natürlichen Ressourcen effizienter nutzen".

EU-Maßnahmen zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen

Die Halbierung der Pro-Kopf-Lebensmittelabfälle auf der Ebene des Einzelhandels und der Verbraucher ist eines der Hauptziele der Europäischen Union für 2030, um das entsprechende UN-Ziel für nachhaltige Entwicklung zu erreichen. Die EU ´ hat sich außerdem verpflichtet, die Lebensmittelverluste entlang der Lebensmittelproduktions- und Lieferketten zu reduzieren.

"Ich denke, das ist sehr positiv. Wenn man den "Grünen Deal" und die neue "Vom Hof auf denTisch"-Strategie liest, ist die Richtung klar", sagt Professor Segrè.

Im Rahmen dieser Strategie versucht die EU auch, die Ernährungssicherheit zu verbessern und gesunde und nachhaltige Lebensmittel für alle Europäer zugänglicher und erschwinglicher zu machen.

Obwohl der Weg noch lang ist, glaubt der Wirtschaftswissenschaftler, dass Europa den richtigen Weg einschlägt. Er ist optimistisch, dass das Thema nun Teil der internationalen Agenda ist.

"Heute haben wir sogar einen internationalen Tag, der dem Bewusstsein für Lebensmittelverschwendung gewidmet ist", sagt er.

Veranstaltungen wie diese können von Aktivisten als dürftige Symbolik abgetan werden, aber Segrè ist da anderer Meinung: Je mehr Menschen ihre Aufmerksamkeit auf ein Problem richten, desto größer ist der Spielraum für Lösungen.