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Koloniale Vergangenheit: Deutschland bekennt sich zu Völkermord in Namibia

Von Euronews mit dpa
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Das Archivbild zeigt Schädel von Ovaherero und Nama-Angehörigen während einer Andacht von Repräsentanten der Stämme aus Namibia in Berlin, 29.09.2011
Das Archivbild zeigt Schädel von Ovaherero und Nama-Angehörigen während einer Andacht von Repräsentanten der Stämme aus Namibia in Berlin, 29.09.2011   -   Copyright  Michael Sohn/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved.
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Mehr als sechs Jahre haben die Verhandlungen zwischen Namibia und Deutschland gedauert, bevor ein Durchbruch erlangt werden konnte. Deutschland wird die zur Kolonialzeit in der einstigen deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika begangenen Grausamkeiten gegen die Nama und Herero als Genozid anerkennen. Deutschland wird die Nachkommen der Volksstämme mit 1,1 Milliarden Euro unterstützen und offiziell um Vergebung bitten.

"Ich bin froh und dankbar, dass es gelungen ist, mit Namibia eine Einigung über einen gemeinsamen Umgang mit dem dunkelsten Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte zu erzielen", sagte der deutsche Außenminister Heiko Maas an diesem Freitagmorgen.

Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts

Im Wettrennen europäischer Mächte um die Vorherrschaft in zahlreichen Überseegebieten eignete sich das damalige Deutsche Reich 1884 das Gebiet des heutigen Namibia an. Aufstände und Proteste gegen die Kolonialherren wurden blutig niedergeschlagen - mit Zehntausenden Toten. Der Herero- und Nama-Krieg zwischen 1904-1908 gilt inzwischen als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts. Zwischen 65.000 und 80.000 Herero und 10.000-20.000 Nama wurden durch die Deutschen getötet.

Neben Deutsch-Südwestafrika verleibten sich die Deutschen in Afrika auch Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika (Tansania) ein. Deutsche Kolonien gab es zudem im chinesischen Tsingtao und im Pazifik, wie die mikronesischen Inseln der Karolinen, Marianen und Palau. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg 1918 wurden die einstigen deutschen Kolonien unter den Siegermächten aufgeteilt.

Der juristische Begriff "Völkermord" ist erst nach dem Ende des 2. Weltkriegs und als Konsequenz aus dem Holocaust als Straftatbestand eingeführt worden. Erstmals wurde der Begriff von der Generalversammlung der Vereinten Nationen 1948 in der "Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes" angewandt. Allerdings gilt diese nicht rückwirkend, so dass sich für Deutschland trotz Anerkennung des Straftatbestands keine juristischen Konsequenzen ergeben.

Deutsche Zahlungen für Landreformen, Infrastruktur und Bildungsprojekte

Die vereinbarte Summe von 1,1 Milliarden Euro, die Deutschland nun an Namibia zahlen will, soll Projekten der Landreform, Landreform, Wasserversorgung und Berufsausbildung in Nama und Herero-Siedlungsgebieten zugute kommen. Sie soll über einen Zeitraum von 30 Jahren gestreckt werden.

Neben der gemeinsamen politischen Erklärung, die in den kommenden Wochen feierlich unterzeichnet werden soll, wird der deutsche Präsident Frank-Walter Steinmeier vor dem Parlament von Namibia um Vergebung bitten. "Unser Ziel war und ist, einen gemeinsamen Weg zu echter Versöhnung im Angedenken der Opfer zu finden", sagte Maas.

Er betonte aber auch, dass die Vereinbarung mit Namibia keinen Schlussstrich unter die Vergangenheit bedeute. "Die Anerkennung der Schuld und unsere Bitte um Entschuldigung ist aber ein wichtiger Schritt, um die Verbrechen aufzuarbeiten und gemeinsam die Zukunft zu gestalten", betonte er. Ziel ist es, die Zusammenarbeit beider Länder nun deutlich zu intensivieren.

Kritik von Nama und Herero-Vertretern

Vertreter:innen der Nama und Herero waren nicht uneingeschränkt zufrieden mit dem Ausgang der jahrelangen Verhandlungen. Die Ovaherero Traditional Authority und die Nama Traditional Leaders Association kritisierten in einer Erklärung das Ergebnis als einen "PR-Coup" Deutschlands und einen "Akt des Betruges der namibischen Regierung". Beide Gruppen könne allerdings nicht repräsentativ für alle Herero und Nama-Gruppen angesehen werden. Die namibische Regierung erkennt offiziell acht der Gruppen an, diese wurden auch an den Verhandlungen beteiligt.

Der Einigung müssen auf deutscher Seite jetzt noch die beiden Parlamente zustimmen.