Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

Lebensraum schwimmender Müll: Warum die Anpassung dieser Tiere Hoffnung und Sorge macht

Access to the comments Kommentare
Von Cornelia Trefflich
Eine Biologin des Galapagos-Nationalparks sammelt Müll aus dem Nest eines flugunfähigen Kormorans an der Küste im Galapagos-Archipel im Pazifik,  21.02.2019
Eine Biologin des Galapagos-Nationalparks sammelt Müll aus dem Nest eines flugunfähigen Kormorans an der Küste im Galapagos-Archipel im Pazifik, 21.02.2019   -   Copyright  RODRIGO BUENDIA/AFP or licensors

Schon seit Ende der 1990er Jahre ist bekannt, dass im Pazifik riesige Müllinseln, die auf englisch den klangvollen Namen "Great Pacific Garbage Patch (GPGP)" tragen, umhertreiben. Sie erstrecken sich über eine Fläche von 1,6 Millionen Quadratkilometern und bestehen wissenschaftlichen Schätzungen zufolge aus 79.000 Tonnen Plastikmüll, Tendenz steigend.

Nun haben Forscher:innen festgestellt, dass einige Pflanzen- und Tierarten, die sonst nicht im offenen Meer leben, anfangen, die Müllberge zu besiedeln. Anders ausgedrückt: Pflanzen und Tiere, die normalerweise an Land leben, haben einen Weg gefunden, auf dem offenen Ozean zu überleben.

Neuer Lebensraum: das offene Meer

Die US-Meeresbiologin Linsey Haram und ihr Teams veröffentlichten ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift "Nature Communications". Die Forscher:innen analysierten den auf Segelexpeditionen eingesammelten Plastikmüll und gelangten zu erstaunlichen Erkenntnissen.

Sie stellten fest, dass viele an Küsten beheimatete Arten - darunter Anemonen, Hydroiden (wie beispielsweise Wasserkrebse) und garnelenähnliche Amphipoden - auf Meereskunststoff nicht nur überleben, sondern sogar gedeihen und florieren.

Das Forscher:innenteam nennt diese neu entstandenen Lebensgemeinschaften "neopelagisch", wobei "neo" für "neu" steht und "pelagisch" sich auf das "offene Meer" bezieht (im Gegensatz zum Land).

Bislang war bekannt, dass an Küsten beheimatete Pflanzen- und Tierarten auf sogenannten natürlichen Flößen wie Baumstämmen, Samen, Seegras oder anderen Meerestieren weite Strecken auf dem offenen Ozean zurücklegen können. Allerdings wurde angenommen, dass deren Vorkommen relativ kurzlebig ist. So erklären Forscher:innen beispielsweise die Existenz bestimmter auf dem Festland vorkommenden Spezies auf ozeanischen Inseln. Ein Beispiel dafür ist die Besiedlung der Galapagos-Inseln durch den Meeresleguan (Amblyrhynchus cristatus).

Die jüngsten Forschungsergebnissen legen nahe, dass küstennahe Arten auf dem Plastikmüll einen dauerhaften Lebensraum finden, der es ihnen ermöglicht, auf dem offenen Meer zu überleben.

Adrian Vasquez/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved.
Ein Meeresleguan sonnt sich an einer Strandpromenade auf den Galapagos-Inseln, Ecuador, 02.05.2020Adrian Vasquez/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved.

Chaos in empfindlichen Ökosystemen

Diese Tatsache bringt jedoch Probleme mit sich: denn die Ansiedlung dieser neuen Bewohner:innen kann ein ohnehin schon empfindliches und ressourcenarmes Ökosystem ordentlich durcheinander wirbeln.

"Küstenarten stehen in direkter Konkurrenz zu diesen ozeanischen Schwimmern", so Haram gegenüber der Forschungs- und Bildungseinrichtung "Smithonian". "Sie konkurrieren um Platz. Sie konkurrieren um Ressourcen. Und diese Wechselwirkungen sind nur sehr unzureichend erforscht", fügt sie hinzu.

Wissenschaftler:innen forschen schon länger daran, welche Rolle die sogenannten Flöße bei der Ausbreitung von küstennahen und kontinentalen Pflanzen- und Tierarten spielen. Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied.

Sie konkurrieren um Platz. Sie konkurrieren um Ressourcen. Und diese Wechselwirkungen sind nur sehr unzureichend erforscht.
Linsay Haram
Meeresbiologin

Bislang waren die als Flöße dienende Gegenstände vor allem eins: biologisch abbaubar und daher zeitlich begrenzt verfügbar. Doch seitdem der Mensch die Umwelt mit unvorstellbaren Mengen an Kunststoffabfällen überschüttet, bieten diese schwimmenden Müllhalden eine dauerhafte Möglichkeit für küstennahe Arten, Ozeane zu durchqueren, aber auch eine langfristige Heimat.

Hochsee-Lebensgemeinschaften bedeuten Paradigmenwechsel

Im Bereich der Meeresbiologie zeichnet sich durch die Existenz der neuen "Hochsee-Lebensgemeinschaften" ein Paradigmenwechsel ab. Die schier endlosen Wasserflächen galten bislang als physikalische und biologische Barriere für Lebewesen und deren Ausbreitung. Einzige Ausnahme waren sporadische Klimaereignisse, wie etwa ein Tsunami, der natürliche Flöße schaffte.

AP/AP
Schwanenhals-Seepocken (Lepas anatifera), die auf einer Boje im Golf von Alaska wachsenAP/AP

"Der offene Ozean war bisher für Küstenorganismen nicht bewohnbar", sagt Gregory Ruiz, leitender Wissenschaftler am Umweltforschungsinstitut SERC, der mit Haram an dem Projekt zusammengearbeitet hat. "Zum Teil wegen des eingegrenzten Lebensraums - früher gab es dort kein Plastik - und zum Teil, weil wir dachten, dass es eine Nahrungswüste war."

Das ist nun offenbar widerlegt. Plastik bietet den Lebensraum. Und irgendwie finden die Küstenarten auch Nahrung auf offener See. Wie genau, muss erst noch erforscht werden.

Genauso, wie das Vorhandensein von sich selbst erhaltenden Lebensgemeinschaften auf hoher See sich selbst und anderen Arten eine Chance bietet, sich in fremden Lebensräumen an der Küste auszubreiten. Ein Problem, das den Forscher:innen besonders Kopfschmerzen bereitet. Denn so könnte eine Vielzahl von Biotopen an Land mit invasiven Arten konfrontiert werden, darunter Meeres- und andere Schutzgebiete.

Viele offene Fragen für Forscher:innen

Die Forscher:innen wollen auch herausfinden, wie viele der Küstenarten es schaffen, im Meer zu überleben und ob sie zusammen mit anderen, normalerweise im Meer lebenden Organismen auf den Plastikinseln vorkommen. Auch die Art der zum Überleben benötigten Plastik soll untersucht werden - handelt es sich hierbei um Haushaltsmüll wie Plastikflaschen, eine losgelöste Boje oder Fischernetze?

Die Liste der Fragen ist lang, doch eines ist sicher. Die Menge des Plastikmülls in den Weltmeeren wird zunehmen. Wissenschaftler:innen haben errechnet, dass bis 2050 mehr als 25 Milliarden Tonnen Plastikmüll in der Umwelt landen werden. Mehr als genug Gelegenheit also für Tier- und Pflanzenarten, ihn als neuen Lebensraum in Besitz zu nehmen.