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Kampf gegen Omikron: Mit dem Virus leben - Covid-19-Fallzahlen & Inzidenz nicht mehr wichtig?

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Von Kirsten Ripper  & Euronews  mit AP, AFP, Guardian
Menschen mit Masken in Paris in Frankreich bei sehr hohen Infektionszahlen mit der Omikron-Variante
Menschen mit Masken in Paris in Frankreich bei sehr hohen Infektionszahlen mit der Omikron-Variante   -   Copyright  Thibault Camus/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved

In Frankreich schießen die Corona-Infektionszahlen in bisher nicht gekannte Höhen. Am 1. Januar wurden mehr als 232.000 bestätigte Ansteckungen mit dem Coronavirus verzeichnet, in Paris lag die 7-Tage-Inzidenz bei spektakulären 2.563,6 Neuinfektionen pro 1.00.000 Einwohnerinnen und Einwohner. In vielen Städten gilt ab diesem Montag zwar wieder eine Maskenpflicht im Freien - auch für Kinder ab 6 Jahren -, aber die Schule beginnt wie geplant. Und die Quarantäneregeln werden gelockert: die Zeit, die sich Menschen isolieren müssen, wird in den meisten Fällen auf 7 Tage verkürzt. Es gelten verschiedene Regeln für Geimpfte und Nicht:Geimpfte. 

Nicht nur in Frankreich, auch anderswo auf der Welt zeichnet sich "mit dem Virus leben" als neue Devise ab.

"Das Virus mutiert, unser Kampf gegen das Virus passt sich an"

Die neuen Maßnahmen richteten sich gegen die Ausbreitung des Virus, aber ihr Ziel sei es auch, das tägliche Leben zu schützen. 

"Das Virus mutiert, unser Kampf gegen das Virus passt sich an", schreibt Olivier Véran, der Mediziner ist, an diesem 2. Januar auf Twitter.

Bisher galt als sicher, dass hohe Infektionszahlen unweigerlich zu einer hohen Zahl von schweren Covid-19-Erkrankten führen und die Intensivstationen der Krankenhäuser überlasten. 

Auch in anderen Ländern war die Eindämmung hoher Infektionszahlen schon zuvor dem Ziel, das Leben der Menschen so wenig wie möglich einzuschränken, untergeordnet worden. In England und in der Schweiz waren Diskotheken und Nachtclubs an SIlvester geöffnet - trotz extrem hoher Inzidenzen.

Von der Pandemie zur Endemie?

Im Schweizer "Tagesanzeiger" warnt der Virus-Experte Richard Neher: "Innert Wochen könnte das halbe Land an Corona erkranken". Dennoch ist der Wissenschaftler der Universität Basel angeichts neuer Medikamente und der höheren Zahl von Geimpften und Genesenen optimistisch. "Wir stehen kurz davor, von einer pandemischen in eine endemische Situation zu wechseln", prophezeit Neher. Endemisch bedeutet, dass das Virus - wie die Grippe - häufig vorkommt, aber kaum tödliche Verläufe auslöst.

Der Coronavirus-Experte Christian Drosten hatte erklärt,  dass sich im Winter zeigen werde, ob die endemische Situation erreicht werde. "Wenn sich das Virus bis dahin nicht sehr stark weiter verändert, werden wir wahrscheinlich einen relativ normalen Winter haben, vielleicht wie in einem normalen, schweren Influenza-Winter."

Expertin in den USA fordert, Fallzahlen gar nicht mehr zu veröffentlichen

Dass hohe Fallzahlen angesichts der Omikron-Variante weniger Bedeutung haben, meinen mehrere Expertinnen und Experten in den USA. Auch regionale US-Gesundheitsbehörden verweisen darauf, dass Omikron zwar wesentlich ansteckender ist als frühere Varianten, aber zu viel weniger schweren Erkrankungen führe.

In einem Artikel im Guardian erklärt Dr. Monica Gandhi, Spezialistin für Infektionskrankheiten und Professorin für Medizin an der University of California in San Francisco: Die hohen Fallzahlen "lösen viel Panik und Angst aus, aber sie spiegeln nicht mehr das wider, was früher der Fall war, nämlich dass die Krankenhauseinweisungen mit den Fällen übereinstimmen."

Zudem macht es Monica Gandhi zufolge einen entscheidenden Unterschied, dass inzwischen viele Menchen gegen Covid-19 geimpft sind.

Laut Monica Gandhi sollten die Gesundheitsbehörden jetzt den gleichen Ansatz verfolgen wie bei der Grippe und nur Daten über Krankenhausaufenthalte und Todesfälle veröffentlichen, aber keine Zahlen über die Anzahl der Infketionen. Denn wie bei der Grippe - so meint Gandhi - sei es nicht möglich, das Virus zu eliminieren. Man müsse sich auch die Schwere der Erkrankungen konzentrieren.

"Wenn man erst einmal akzeptiert hat, dass das Virus endemisch ist, genau wie die Grippe, dann verfolgt man die Fälle nicht mehr, weil wir so nie nach anderen Viren suchen, sondern nach dem, was Krankheiten verursacht und Menschen ins Krankenhaus bringt", sagte Gandhi.

Omikron greift die Lunge weniger stark an

Auf Twitter teilt die Medizinerin Monica Gandhi auch Artikel, die davon berichten, dass Omikron weniger schwere Krankheitsverläufe auslöst.

Laut neuen Studien werden die Lungen bei Menschen, die sich mit der Omikron-Variante infiziert haben, weniger stark betroffen als bei der Delta-Variante oder beim Ursprungsvirus.

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin, Prof. Dr. Christian Karagiannidis, berichtet auf Twitter von "good news". Vier experimentelle Untersuchungen zeigten, dass die Omikron-Variante im Vergleich zu Delta. weniger infizierte Zellen in der Lunge, eine niedrigere Viruslast in der Lunge und weniger Entzündungsreaktion in der Lunge verursache.

In Deutschland wurden zum Jahreswechsel weniger Covid-19-Patientinnen und -Patienten auf Intensivstationen behandelt.

Die vom Robert Koch-Institut veröffentlichten Infektionszahlen gelten allerdings seit der Weihnachtsfeiertage als unzuverlässig. Ob sich die Strategie "Mit dem Virus leben" auch in Deutschland durchsetzt und wie sich die Zahl der Krankenhauseinweisungen nach Infektionen mit der Omikron-Variante in Europa entwickelt, bleibt abzuwarten.