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30 Babys von Leihmüttern warten in einem Bunker in Kiew auf ihre Eltern - Tendenz steigend

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Von Alexandra Leistner  & Nathalie Huet, Naira Davlashyan
Tausende Babys sind seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine bereits zur Welt gekommen - viele in unterirdischen Schutzräumen. Odessa, 9. März 2022
Tausende Babys sind seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine bereits zur Welt gekommen - viele in unterirdischen Schutzräumen. Odessa, 9. März 2022   -   Copyright  BULENT KILIC/AFP

Der drei Wochen alte Ali hat seine leiblichen Eltern nie kennengelernt und wartet in einem Luftschutzkeller in Kiew auf jemanden, der ihn abholt. Von einer Leihmutter in der Ukraine geboren, ist er eines von Dutzenden Babys, die in der Hauptstadt gestrandet sind.

Bezahlte Leihmutterschaft ist in der Ukraine legal, das Land hat sich als eines der weltweit günstigsten und reibungslosesten Orte für die Praxis einen Namen gemacht.

Ob Leihmutter oder nicht: Tausende Schwangere bringen in diesen Tagen und seit Ausbruch des Kriegs unter schwierigsten Bedigungen Kinder zur Welt. Darunter sind auch zahlreiche ukrainische Frauen, die den Embryo eines fremden Paares austragen.

Was sich in den vergangenen Jahren zu einer regelrechten Industrie entwickelt hat und kinderlosen Paaren aus aller Welt neue Hoffnung bringt, stellt alle Beteiligten in Kriegszeiten vor ungeahnte Herausforderungen.

Schon in der Covid-Pandemie hatten Unternehmen, die Leihmütter und Wunscheltern zusammenbringen das Problem, dass mit internationalen Reiseverboten hunderte Babys nicht abgeholt werden konnten. In eigens eingerichteten Hotels kümmerten sich Schwestern um den Nachwuchs, während die Eltern im Ausland versuchten Wege zu finden, ihr Kind so schnell wie möglich in ihr neues Zuhause zu holen.

In einer sehr viel gefährlicheren Lage kommen auch seit Ausbruch des Krieges zahlreiche Babys von Leihmüttern zur Welt. Allein das Unternehmen BioTexCom betreut derzeit rund 600 schwangere Leihmütter. Und auch diese Anzahl wird weiter steigen, denn auch in den Tagen vor der russischen Invasion wurden noch Embryonen eingesetzt, wie die Pressesprecherin Maria Holumbovska gegenüber Euronews erklärte.

Efrem Lukatsky/AP
Babys von ukrainischen Leihmüttern warten in Kiew auf ihre Eltern. Im März 2020 hatten Reiseverbote wegen der Covid-Pandemie die Abholungen erschwert.Efrem Lukatsky/AP

"Wir wissen nicht, was wir als nächstes tun sollen"

Alis leibliche Eltern leben in Toronto, Kanada, wo sie über 10 Jahre lang versuchten, ein Kind zu bekommen, aber trotz mehrerer Versuche der In-vitro-Fertilisation (IVF) scheiterten.

Vor drei Jahren beschloss das Ehepaar, eine Leihmutterschaft in der Ukraine in Anspruch zu nehmen, wo Paare für etwa 40 000 bis 60 000 Euro - die Hälfte der Kosten in den USA - eine Mutter auswählen können, die bereit ist, ihren Embryo im Mutterleib auszutragen und das Kind für sie zu bekommen.

Nach dem fünften Embryotransfer konnten Farooq* und seine Frau endlich eine Leihmutterschaft feiern. Der Kaiserschnitt war für den 20. Februar geplant, aber Ali kam zu früh, am 18. Februar.

Während er seine ersten Tage auf der Neugeborenenstation verbrachte, flogen seine neuen Eltern von Toronto aus mit einem Zwischenstopp nach Istanbul.

Doch am 24. Februar marschierte Russland in die Ukraine ein. Die Fluggesellschaften stoppten alle Flüge in das Land und plötzlich konnte das Paar Kiew nicht mehr erreichen.

100 Neugeborene bis Ende des Monats

"Unser Baby ist in einem Bunker in Kiew. Er ist in einem Bunker und wir haben keine Möglichkeit, zu ihm zu gelangen", sagte Farooq. "Wie soll ich dorthin kommen? Ich spreche kein Ukrainisch, ich kenne das Land nicht."

Mit Ali warten derzeit etwa 30 Babys momentan auf die Abholung - Tendenz steigend. Darunter sind drei Neugeborene, die ihre Eltern aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz noch nie getroffen haben. Zehn Paare konnten ihre Kinder aber auch abholen, manche wohnen in Wohnungen von BioTexCom. Gemeinsam mit ihren Babys warten sie auf eine Beruhigung der Lage. Sowohl die Neugeborenen als auch ihre Eltern befinden sich in Luftschutzräumen.

"Jeden Tag kommen ein, zwei oder drei neue Babys dazu", so Denis Herman, Rechtsberater bei BioTexCom gegenüber Euronews.

Die Wunscheltern werden über den Zustand ihrer Babys informiert. Auf Youtube wurde dieses Video mit dem Titel "Das Leben von Neugeborenen in Kriegszeiten" veröffentlicht.

Der Bitte der Eltern, den kleinen Ali nach Lwiw (Lemberg) zu bringen, konnte BioTexCom aufgrund der Sicherheitslage nicht nachkommen. "Sie sagten uns, es sei zu gefährlich zu kommen, die Züge seien alle überfüllt und es sei nicht sicher zu reisen", sagte Farooq und fügte hinzu: "Wir haben keine Ahnung, was wir als nächstes tun sollen."

BioTexCom bestätigte, dass es den Eltern empfiehlt, eine sicherere Zeit abzuwarten, um ihre Babys abzuholen, da Luftangriffe, Treibstoffrationierung und Lebensmittelknappheit es zu gefährlich machen, mit einem Neugeborenen in einem fremden, vom Krieg zerrissenen Land unterwegs zu sein.

Familien in ein Kriegsgebiet schicken?

"Wir haben noch nie etwas Schlimmeres gesehen. Dies ist eine absolute Krise", sagte Sam Everingham, dessen gemeinnützige Organisation Growing Families Eltern unterstützt, die sich für Leihmutterschaft entscheiden, gegenüber Euronews.

Seine Organisation hat mehr als 10 Jahre Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Regierungen und Behörden in Krisenzeiten - von einem Militärputsch in Thailand über Erdbeben in Nepal bis hin zu Luftraumsperrungen während der COVID-19-Pandemie.

Derzeit hilft die Organisation rund 100 Familien, die in der Ukraine ein Kind durch Leihmutterschaft bekommen haben und nun verzweifelt versuchen, ihre Neugeborenen - und ihre Embryonen - sicher aus dem Land zu bringen.

"Jeder dieser Fälle ist schlimm", so Everingham. "Wir können Menschen über die Grenzen bringen, aber das ist ein ganz anderes Level. Wissen Sie, Familien in ein Kriegsgebiet zu schicken, um sie mit ihren Kindern zu vereinen, ist wirklich schwierig."

Evgeniy Maloletka/AP
Eine Krankenpflegerin legt einer Mutter ihr Neugeborenes auf die Brust nach der Geburt in Mariupol.Evgeniy Maloletka/AP

Auf der Flucht vor dem Krieg - und im 9. Monat schwanger

Oksana, eine 32-jährige ukrainische Leihmutter, ist in der 39. Woche mit einem Mädchen schwanger, das sie für ein Paar aus Bulgarien austrägt.

Sie wohnte mit ihrem Mann und ihrer 9-jährigen Tochter in einer Kiewer Wohnung in der Nähe der Klinik von BioTexCom, als Russland in die Ukraine einmarschierte.

Die Familie kauerte zwei Tage lang in einer der U-Bahn-Stationen der Stadt, bevor sie in den Norden nach Tschernihiw flüchtete. Als auch diese Stadt bombardiert wurde, flohen sie in ihre Heimatstadt in der Nähe der nordöstlichen Stadt Sumy.

"Hier ist es ruhiger, wir sind noch nicht betroffen, Gott sei Dank", sagte Oksana gegenüber Euronews. "Das Wichtigste für uns ist im Moment, das Baby zu bekommen und zu überleben", sagte sie und fügte hinzu, dass die Familie nicht vorhabe, wieder wegzuziehen - vorerst.

Wie die meisten ukrainischen Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren darf auch ihr Mann das Land nicht verlassen, da er zum Kampf eingezogen werden könnte.

"Wir gehen nicht allein, ich verlasse meine Familie nicht. Wir sind vereint, wir sind eine Familie und wir müssen bis zum Ende zusammenbleiben", so Oksana.

Weil die rechtliche Lage im Ausland anders ist, wird den schwangeren Leihmüttern geraten, das Land nicht zu verlassen. "Manche Leihmütter sind aber nach Polen geflüchtet, sie versprechen, später im Frieden in der Ukraine die Kinder zur Welt zu bringen. Vielleicht wird eine Evakuierung in die benachbarten Staaten möglich, wo die Leihmutterschaft erlaubt ist", so Holumbovska.

Everingham vom Netzwerk Growing Families sagte, einige Paare hätten Leihmütter unter Druck gesetzt, in sicherere Teile der Ukraine zu fliehen oder sogar das Land in Richtung Georgien zu verlassen, wo Leihmutterschaft ebenfalls legal ist.

"Das ist moralisch nicht richtig", sagte er. "Diese Frauen sind kein Eigentum. Man muss ihnen das Recht geben, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, sie können nicht gezwungen werden, umzuziehen. Und das müssen die Eltern und die Behörden verstehen."

Den Leihmüttern, mit denen die Schwangerschaftsberatung des Unternehmens in Kontakt ist, wird angeboten in die Zweigstelle in Kropywnyzkyj zu ziehen. "Dort ist es ruhier und sicherer", so Holumbovska. In der Hauptstadt Kiew macht sich die Bevölkerung auf eine russiche Belagerung bereit, seit Beginn der russischen Invasion gibt es dort Bombardierungen.

Oksana wartet in der Ostukraine ab. Die Wehen könnten jeden Tag einsetzen, während die Kämpfe im ganzen Land zunehmen. "Hoffentlich klingen die Kämpfe ab, und ich kann das Kind in die Klinik bringen und es mit offiziellen Dokumenten übergeben", sagt sie.

"Es ist nicht mein Baby, es ist ihr Baby. Es sollte bei ihnen sein".

Oksana hat sich für die Leihmutterschaft entschieden, um eine teure Operation für ihren Vater zu bezahlen. Jetzt im Krieg ist auch das in der Schwebe. Doch trotz der erschütternden Umstände hat sie keine Zweifel an ihrer Entscheidung, Leihmutter zu werden.

"Ich habe es kein einziges Mal bereut, denn die Menschen werden glücklich sein, wenn sie ein Baby haben", sagte sie.

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Die Mutter der kleinen Alana hat bei der Bombardierung der Geburtstation in Kiew mehrere Zehen verloren - das Baby kam unversehrt per Kaiserschnitt in Mariupol zur Welt.Evgeniy Maloletka/AP

"Jedes Mal, wenn ich eine E-Mail erhalte, habe ich Angst, dass es eine schlechte Nachricht sein wird", sagte Farooq und fügte hinzu, dass seine Frau, nach seinen Worten in Depressionen verfallen sei.

Er sagte, er habe an das Rote Kreuz und andere NGO appelliert, die sichere Ausreise seines Sohnes zu gewährleisten, während die kanadische Botschaft sich um einen Pass für ihn bemühe.

"Aber der Pass nützt nichts ohne das Baby."

*Name auf Anfrage der Person geändert