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António Vitorino: "Diese Flüchtlingskrise ist absolut unvergleichbar"

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Von Nuno Prudêncio  & Sabine Sans
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António Vitorino: "Diese Flüchtlingskrise ist absolut unvergleichbar"
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Krieg, Terrorismus, Armut, Klimawandel: Es kann viele Gründe für Migration geben. Wir sind bei den Estoril-Konferenzen in der Nähe von Lissabon, wo junge Menschen über eine "Zukunft der Hoffnung" diskutieren. Dort war der IOM-Chef zu Gast bei The Global Conversation.

Euronews-Reporter Nuno Prudêncio: Bei uns ist António Vitorino, Generaldirektor der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Willkommen bei euronews. Meine erste Frage lautet: Wir sind hier von jungen Menschen umgeben. Ganz in unserer Nähe, in der Ukraine, tobt ein Krieg. Wie können wir nachfolgende Generationen darauf vorbereiten, sich den verschiedenen immer wiederkehrenden Migrationsbewegungen zu stellen und auf sie zu reagieren? 

António Vitorino: Die überwiegende Mehrheit der Migranten weltweit sind junge Menschen. Unsere erste Aufgabe besteht darin, mit diesen jungen Migranten in den Zielländern in Kontakt zu treten. Man muss sie kennenlernen und verstehen, warum sie gekommen sind. Was sind ihre Hoffnungen und Erwartungen? Mein Appell bei den Estoril-Konferenzen lautet: Engagieren sie sich, nehmen sie Kontakt auf, verstehen sie, warum Menschen vor Krieg, Armut und Klimawandel fliehen. Und dann handeln, und handeln bedeutet Freiwilligenarbeit, Unterstützung, aber auch das Eintreten für eine menschenwürdige Behandlung von Migranten. 

Euronews: Wie geht Ihre Organisation mit der Möglichkeit eines lang anhaltenden Krieges um?

António Vitorino: Diese Flüchtlingskrise ist absolut unvergleichbar. Vor allem, weil sie in sehr kurzer Zeit enorm gewachsen ist. Und leider befürchte ich, dass diese Krise von Dauer sein wird. Wir müssen uns also um die unmittelbaren Bedürfnisse dieser Menschen kümmern, sowohl um die Flüchtlinge in den europäischen Ländern als auch um diejenigen, die alles verloren haben und trotzdem in der Ukraine geblieben sind, d.h. um Unterkünfte, Wasser, Strom, Lebensmittel und Bargeld. Und nicht zuletzt müssen wir uns auf den Winter vorbereiten, denn er steht vor der Tür. Wenn die Menschen überleben wollen, müssen sie widerstandsfähig sein. 

"Wir müssen damit beginnen, Hoffnung für die Zukunft zu schaffen, vor allem, wenn es um den Wiederaufbau eines Landes geht, das durch den Krieg weitgehend zerstört wurde."
António Vitorino

Euronews: Polen und Ungarn gehörten zu den EU-Ländern, die sich weigerten, der Brüsseler Politik in Bezug auf Asylsuchende zu folgen. Das scheint sich nach der russischen Invasion geändert zu haben. Kann der Ukrainekrieg einen Meinungsumschwung in Mitteleuropa bewirken?

António Vitorino: Ich hoffe, dass die Großzügigkeit, die die Zivilgesellschaft gezeigt hat, auch auf die Regierungen übergreifen wird. Wie wir aktuell auf diesen Konferenzen gehört haben, waren es tatsächlich die Menschen, die als erstes reagierten, die Bürger, die Ukrainer auf der Flucht unterstützten. Offizielle Stellen kamen erst nach diesen ersten positiven Reaktionen. Und ich hoffe aufrichtig, dass es in jedem Land, in jedem Menschen noch eine Reserve der Menschlichkeit gibt.

Humanitäre Lage in Afrika

Euronews: Dieser Krieg und die Nahrungsmittelkrise könnten die humanitären Bedingungen in vielen afrikanischen Ländern verschlechtern, was zu einem Anstieg der Migration führen könnte. Was sind Ihre größten Bedenken in dieser Hinsicht?

António Vitorino: Meiner Meinung nach gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Ernährungsunsicherheit, Klimawandel und erzwungener Mobilität. Und wir müssen alle diese Komponenten sofort in Angriff nehmen. Die Ernährungsunsicherheit ist nicht nur auf den Anstieg der Getreidepreise infolge des Kriegs zurückzuführen. Das ist nur ein Teil der Geschichte. Aber es gibt noch weitere Gründe, nämlich die schrecklichen Auswirkungen des Klimawandels, der extremen Wetterereignisse, der Dürre, der anhaltenden Dürre oder manchmal der Überschwemmungen, der starken Überschwemmungen auf die landwirtschaftliche Produktion. Und der integrierte Ansatz erfordert eine Mobilisierung der internationalen Gemeinschaft und eine enge Zusammenarbeit, wie wir sie in der IOM mit dem Welternährungsprogramm und der Welternährungsorganisation (FAO) pflegen, um die Herausforderung zu bewältigen. Es handelt sich nicht um eine kurzfristige, sondern um eine langfristige Herausforderung, die Anpassung und Abschwächung des Klimawandels in das tägliche Leben der Gemeinschaften zu integrieren.

Klimawandel und Migration

Euronews: Thema Klimawandel: In der Zukunft könnten Millionen Menschen vertrieben werden, die gezwungen sein könnten, ihre Heimat zu verlassen, gerade wegen des Klimawandels. Wie können wir die Bevölkerungen auf diese Art von Exodus vorbereiten?

António Vitorino: Wenn man sich die pazifischen Inseln oder die Karibik anschaut, wird man feststellen, dass der Anstieg des Wasserspiegels die Lebensgrundlagen in diesen Regionen beeinträchtigt. Aber wenn Sie zum Beispiel ein Land wie den Sudan betrachten, wo die IOM sehr präsent ist, haben wir es mit Tausenden, Zehntausenden Vertriebenen zu tun, die wegen der Dürre ihre Heimat verlassen. Aber im gleichen Land, aber in einer anderen Region, haben wir es mit Zehntausenden Vertriebenen wegen Überschwemmungen zu tun. Man braucht also einen maßgeschneiderten Ansatz für die Gegebenheiten vor Ort. Migration kann ein Teil der Lösung für die Auswirkungen des Klimawandels sein. Aber wir müssen vor allem dafür sorgen, dass die Menschen dort bleiben wollen, wo sie leben, und die Voraussetzungen für eine widerstandsfähige Gemeinschaft schaffen, damit die Menschen bleiben und sich an die Auswirkungen des Klimawandels anpassen können.

Strukturelle Probleme in Afghanistan

Euronews: Die Taliban haben kürzlich ihre einjährige Herrschaft in Afghanistan gefeiert. Nach Angaben der Vereinten Nationen erlebt das Land eine der schlimmsten humanitären Krisen der Welt. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

António Vitorino: Sehr stark, wie Sie sich vorstellen können. Aber lassen Sie uns ganz offen sein. Die humanitäre Lage in Afghanistan war bereits sehr ernst, bevor die Taliban am 15. August 2021 die Macht übernahmen. Die strukturellen Probleme in Afghanistan haben sich also vervielfacht. Es gibt die Dürre, die Instabilität und die Unsicherheit, aber auch eine sehr schwierige Gesundheitssituation im Land. Und aufgrund der politischen Dimension dieser Situation in Afghanistan leisten die internationale Gemeinschaft, die UN-Organisationen, darunter die IOM, humanitäre Hilfe. Aber es gibt Grenzen für humanitäre Hilfe. Einige Dinge können langfristig nur auf der Grundlage einer Entwicklungsstrategie angegangen werden. Und aufgrund politischer Zwänge sind heutzutage die Mittel für Entwicklungsmaßnahmen wegen der Sanktionen begrenzt, so dass wir uns vor allem auf die humanitäre Hilfe konzentrieren.

Euronews dankt dem Fidelidade Studio/Nova SBE für seine Unterstützung.