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Rechtsextremismus an Brandenburger Schule: Wieso zwei Lehrer:innen ihre Stadt verlassen müssen

Max Teske und Laura Nickel haben versucht, den Rechtsextremismus an ihrer Schule zu bekämpfen.
Max Teske und Laura Nickel haben versucht, den Rechtsextremismus an ihrer Schule zu bekämpfen. Copyright AP Photo/Markus Schreiber
Copyright AP Photo/Markus Schreiber
Von Euronews mit AP
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Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht auf Englisch

Den beiden Lehrer:innen zufolge sind Hitlergrüße, Nazi-Symbole, Gewaltdrohungen, Rassismus und Homophobie an der Mina-Witkojc-Schule an der Tagesordnung.

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Max Teske und Laura Nickel haben alles versucht, um gegen den Rechtsextremismus an ihrer Schule vorzugehen. Die beiden Lehrer:innen führten Gespräche mit Mobbern, die damit drohten, zugewanderte Mitschüler:innen zu verprügeln. Sie unterrichteten ausführlich über die deutsche Nazi-Vergangenheit. Sie luden einen schwarzen Rapper ein, um mit den Schüler:innen über gegenseitigen Respekt zu sprechen.

Nichts von alledem half. In ihrer Verzweiflung schrieben Nickel und Teske einen öffentlichen Brief, in dem sie eine Atmosphäre der Einschüchterung an der Mina-Witkojc-Schule in Burg beschrieben. Sie berichteten von Schüler:innen, die sich gegenseitig mit dem Hitlergruß grüßen, Hakenkreuze in ihre Tische ritzen und in den Fluren Musik mit rassistischen Texten spielen.

"Lehrer und Schüler, die offen gegen rechtsextreme Schüler und Lehrer kämpfen, fürchten um ihre Sicherheit", schreiben die beiden in ihrem Brief an die Lokalzeitungen.  Schulen könnten "kein Zuhause für die Feinde der Demokratie sein".

Nickel, die Englisch und Geschichte unterrichtet, und Teske, ein Mathematik- und Geografielehrer, waren auf die Gegenreaktionen nicht vorbereitet. In einem Brief einer anonymen Gruppe von Eltern wurde ihre Entlassung gefordert. Aufkleber mit ihren Bildern und der Aufschrift "pisst Euch nach Berlin" prangten an Laternenpfählen in der Nähe der Schule. In den sozialen Medien wurde zur Jagd auf die beiden aufgerufen.

AP Photo/Markus Schreiber
Lehrerin Laura Nickel zeigt auf ihrem Handy Fotos der Sticker, auf denen sie und ihr Kollege Max Teske mit der Bildunterschrift "pisst Euch nach Berlin" zu sehen sind.AP Photo/Markus Schreiber

Nickel und Teske verlassen Burg

Entmutigt durch die fehlende Unterstützung von Kolleg:innen, dem Schulleiter und der örtlichen Verwaltung, kündigten Nickel und Teske nun an, die Schule und den in Brandenburg gelegenen Ort zu verlassen.

"Rechtsextreme Äußerungen, Aktionen, Parolen, Homophobie und Sexismus waren und sind an dieser Schule an der Tagesordnung", sagt Nickel, 34, die vier Jahre lang an der Mina-Witkojc-Schule arbeitete, in einem gemeinsamen Interview mit Teske, 31, der dort drei Jahre lang unterrichtete.

Weder die Schule noch die örtliche Schulbehörde reagierten auf Bitten um Stellungnahme zu den Rücktritten der Lehrer:innen.

Die Ereignisse, die Teske und Nickel während ihrer Zeit als Lehrer:innen und nach Veröffentlichung ihres Briefes erlebt haben, verdeutlichen, wie groß das Rechtsextremismus-Problem in den neuen Bundesländern tatsächlich ist.

Rechtsextremes Netzwerk in Brandenburg

Laut Expert:innen gibt es vor allem im Süden Brandenburgs, wo Burg liegt, ein Netzwerk von Tattoostudios, Nachtclubs, Jugendgruppen und Fanclubs des Fußballvereins FC Energie Cottbus, das rechtsextreme Botschaften verbreitet und die AfD unterstützt.

Anfang dieses Monats stufte der brandenburgische Verfassungsschutz die Junge Alternative für Deutschland, die Jugendorganisation der AfD, als "gesichert rechtsextrem" ein.

Das Bildungsministerium, das für seine mangelnde Unterstützung der Lehrer:innen kritisiert wurde, gab letzte Woche bekannt, dass die Behörden einen Teenager identifiziert haben, der verdächtigt wird, auf Instagram zur Jagd auf Teske und Nickel aufgerufen zu haben.

Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu Antonio Stiftung, die sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Deutschland engagiert, sagt, Süd-Brandenburg sei zu einer "Zone der Angst geworden, die die Nazis zu ihrer Heimatzone erklärt haben."

Reinfrank erklärt, das sei keine wirkliche Überraschung für diejenigen, die mit der Region vertraut sind, in der die extreme Rechte schon vor der Gründung der AfD aktiv war. Die von ihm geleitete Stiftung wurde nach einem angolanischen Vertragsarbeiter benannt, der 1990 getötet wurde, als 50 Jugendliche mit Baseballschlägern in der brandenburgischen Stadt Eberswalde nach schwarzen Menschen suchten, um sie anzugreifen.

Der Erfolg der AfD in den neuen Bundesländern

Die AfD wurde 2013 gegründet und zog vier Jahre später erstmals in den Bundestag ein, nachdem sie mit einem Anti-Migrationsprogramm Wahlkampf gemacht hatte. In aktuellen Umfragen liegt die AfD bei 22%, der höchste Wert seit Parteigründung.

Die Gründe für den Erfolg der AfD in Ostdeutschland sind vielfältig. Die Folgen der Wiedervereinigung sind in den neuen Bundesländern immer noch zu spüren. Viele Menschen haben damals ihre Arbeit verloren, noch heute fühlen sich Ost-Deutsche im Vergleich zum Westen als Bürger:innen zweiter Klasse. Expert:innen zufolge hat die AfD die Pandemie und den Zustrom ukrainischer Geflüchteter als Gelegenheit genutzt, um eine "Wir-gegen-die"-Darstellung zu propagieren.

Die AfD könnte im nächsten Jahr als stärkste Partei aus den Wahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen hervorgehen. In Sonneberg in Thüringen gewann mit Sesselmann zum ersten Mal ein Kandidat der AfD die Wahl zum Landrat.

Teske sorgt sich um seine Sicherheit - und will weitermachen

Nachdem die Lehrer:innen ihren Rückzug bekannt gegeben hatten, jubelte der Vorsitzende des AfD-Kreisverbandes in Cottbus auf Twitter, dass Teske, den er als "linksradikalen Denunzianten" bezeichnete, und seine "Komplizin" weg seien.

Wenn Teske das Haus verlässt, schaut er oft, ob ihm jemand folgt. Kürzlich sprach ihn ein Mann in einem Laden an und flüsterte ihm ins Ohr: "Hau ab".

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Indem sie die schlimmen Zustände an der Schule anprangerten, lösten er und Nickel eine dringend benötigte nationale Debatte über den Aufstieg des Rechtsextremismus in Deutschland aus, so Teske.

"Wir werden weiterhin laut sein, wir werden weiterhin politisch Einfluss nehmen und wir werden die Rechtsextremen nicht gewinnen lassen", sagt er.

"Die Geschichte wiederholt sich, und ich glaube, dass wir jetzt unbedingt etwas tun müssen, um den antidemokratischen Parteien in Deutschland Einhalt zu gebieten", fügt Nickel hinzu.

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