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Drei Soldaten aus Lettland erzählen: Nach Wehrdienst keine Angst mehr vor Russland

DATEI - NATO-Truppen posieren für ein Foto vor Militärübungen auf dem Militärstützpunkt Adazi in Kadaga, Lettland, Dienstag, 8. März 2022. 8, 2022.
DATEI - NATO-Truppen posieren für ein Foto vor Militärübungen auf dem Militärstützpunkt Adazi in Kadaga, Lettland, Dienstag, 8. März 2022. 8, 2022. Copyright AP
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Von Angela SkujinsHeilika Leinus
Zuerst veröffentlicht am
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Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht auf Englisch

Im vergangenen Jahr hat Lettland den Wehrdienst wieder eingeführt. Zunächst konnte man sich dafür auf freiwilliger Basis melden. Drei junge Letten erzählen, inwieweit sie sich nach ihrem freiwilligen Wehrdienst in der Lage fühlen, ihre Heimat zu schützen.

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Es war der unendliche Strom von Nachrichten auf Edvards Puharts' iPhone, der ihn dazu brachte, sich für den wieder eingeführten Wehrdienst in Lettland zu melden. "Ich war in Panik", sagte er Euronews. "Ich öffnete mein Handy und las, was in der Ukraine vor sich ging, und ich war gestresst, weil ich dachte, dass sie an der Ukraine vorbeiziehen und in unser Land kommen würden."

Im November 2022 beschloss der 20-jährige Puharts aus Salkristi, seine Angst zu überwinden. Als Antwort auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine hatte die lettische Regierung im April 2022 den Wehrdienst wieder eingeführt. Ab 2024 ist Wehrdienst für die lettischen Männer verpflichtend, davor konnte man sich freiwillig melden. Genau das hat Puharts gemacht. Er dachte, dass es ihn in der aktuellen Sicherheitslage beruhigen würde.

"Man fängt an zu verstehen, wie die Armee funktioniert"

Elf Monate später sagt Puharts, dass es funktioniert hat. "Man fängt an zu verstehen, wie die Armee funktioniert, was das Personal macht. Man versteht die Dynamik des Krieges", erklärt Puharts. "Das hat mir geholfen zu verstehen, dass es für ein Land nicht so einfach ist, ein anderes Land zu erobern."

Man fängt an zu verstehen, wie die Armee funktioniert, was das Personal macht. Man versteht die Dynamik des Krieges
Edvards Puharts

Rund 250 Freiwillige der lettischen Streitkräfte werden am 31. Mai ihren 11-monatigen freiwilligen Wehrdienst in dem von Wäldern umgebenen Militärlager in Ādaži abschließen. Puharts und zwei seiner Kameraden haben sich entschlossen, mit Euronews über ihre militärische Erfahrung zu sprechen. Sie erzählten, warum sie sich für den Wehrdienst entschieden und welche Pläne sie danach haben.

Von links nach rechts: Edvards Puharts, Orests Rullis und Gus Pētersons.
Von links nach rechts: Edvards Puharts, Orests Rullis und Gus Pētersons.Quelle: privat

Wehrdienst ist überlebenswichtig

Lettland hat eine wechselhafte Beziehung zur Wehrpflicht. 2007 hatte das Land die Wehpflicht abgeschafft. 

Damals gab es auch im benachbarten Estland eine heftige, von der dortigen liberalen Reformpartei geführte öffentliche Debatte darüber, ob man dem lettischen Beispiel folgen sollte. Die Mehrheit der estnischen Bevölkerung war dagegen, in Estland bleib es bei der Wehrpflicht.

Nach Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine änderte sich auch in Lettland die öffentliche Meinung wieder. Im Juli 2022 kündigte die lettische Regierung Pläne an, wonach alle Männer im Alter von 18 bis 27 Jahren einen 11-monatigen Wehrdienst leisten müssen.

Damals sagte der lettische Verteidigungsminister Artis Pabriks auf X, dass die lettische Gesellschaft den Vorschlag akzeptieren müsse. Die Wehpflicht sei die "wichtigste Voraussetzung für das Überleben des Landes". "Je größer die Zahl der vorbereiteten und ausgebildeten Soldaten ist, desto unwahrscheinlicher wird es, dass Russland seine militärische Aggression gegen Lettland richten will", schrieb er.

2004 ist Lettland der NATO beigetreten. Nur wenige Jahre später entschied die lettische Regierung, die Wehrpflicht in Lettland abzuschaffen. Experten zufolge fand man es beruhigend, der Allianz anzugehören und hielt die Wehrplicht deshalb nicht mehr für notwendig.

Dies änderte sich, mit Russlands großangelegter Invasion in die Ukraine 2022. Sowohl unter den Politikern als auch in der Öffentlichkeit wuchs die Unterstützung für die Wehrplicht. Einer Studie zufolge hielten 60 Prozent der Befragten die Wehrpflicht für die lettische Verteidigung für wichtig, da das Land eine 200 Kilometer lange Grenze mit Russland hat.

Das Gesetz über den Nationalen Verteidigungsdienst wurde im April 2023 vom lettischen Präsidenten Egils Levits unterzeichnet. Darin heißt es, dass männliche lettische Staatsbürger bereit sein müssen, Aufgaben der Landesverteidigung zu übernehmen, und dass sie verpflichtet sind, den Wehrdienst zu leisten. Männer und Frauen können sich auch freiwillig melden.

Lettlands Präsident Egils Levits besuchte im März 2022 den Militärstützpunkt in Ādaži.
Lettlands Präsident Egils Levits besuchte im März 2022 den Militärstützpunkt in Ādaži.Roman Koksarov / 2022 / AP. Alle Rechte vorbehalten.

Toms Rostoks lehrt als außerordentlicher Professor internationale Beziehungen und Außenpolitik an der Universität Lettlands. Er ist außerdem Direktor des Zentrums für Sicherheits- und Strategieforschung an der lettischen Verteidigungsakademie in Riga. Die Einrichtung wurde 1992 gegründet, um eine höhere militärische Ausbildung zu ermöglichen, hat sich aber in jüngster Zeit weiterentwickelt, um die jüngste Generation freiwilliger Wehrpflichtiger auszubilden.

Rostoks sagt, dass nach der Ankündigung der Regierung, die Wehrpflicht wieder einzuführen, ein "Zustrom von Freiwilligen" zur lettischen Armee kam. Dies bedeutete, dass die Regierung keine geeigneten Männer einberufen musste. Ein paar Tausend waren in die Armee eingetreten, sagt er.

Obwohl die Ausbildung der Rekruten laut Rostoks relativ problemlos verlief, werden sich später "echte Herausforderungen" ergeben. Die Infrastruktur muss aufgebaut werden, um die steigende Zahl der Rekruten - mehrere hundert pro Jahr - unterzubringen. Es könnte auch ein Einberufungsproblem geben, da einige Menschen sich möglicherweise nicht freiwillig melden werden.

"Dies ist eine Herausforderung, mit der jedes Land, das die Wehrpflicht eingeführt hat, zu kämpfen hat", sagt Rostoks. "Jedes Jahr wird das Militär ein paar Tausend junge Menschen einberufen, und die Herausforderung besteht darin, eine gute Infrastruktur und eine gute Ausbildung bereitzustellen, um sicherzustellen, dass sie etwas Nützliches lernen."

Laut Rostoks wird nur ein Drittel der Freiwilligen nach dem 31. Mai bei der Armee bleiben und Fünfjahresverträge unterschreiben. Orests Rullis ist einer von ihnen.

Strategische Übungen taten den Nerven gut

Der 21-jährige Orests Rullis möchte die militärische Karriereleiter erklimmen, weil sie Disziplin bietet. "Führung war für mich neu, und die Armee hat sie mir wirklich gegeben", sagt er. Der Rigaer, der gerne joggt, Gewichte stemmt und seinen Herzschlag auf 200 Schläge pro Minute erhöht, sagt, dass die Möglichkeit einer russischen Invasion in seinem Heimatland eine große Rolle bei seinem Wunsch spielte, sich freiwillig zu melden.

Und obwohl er immer noch besorgt ist, haben die frühen Morgenstunden, die strategischen Übungen und die anstrengenden Hindernisparcours seine Nerven beruhigt. "Wenn ich hier bin, sehe ich, dass alles gut geplant ist", sagt er. "Ich bin zuversichtlich, dass wir uns verteidigen können."

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Im April 2024 beschloss das lettische Parlament die Militärausgaben des Landes weiter zu erhöhen. Im Jahr 2024 will Lettland 1,1 Milliarden Euro (2,4 Prozent des BIP) für das Militär ausgeben, im Jahr 2027 soll diese Summe auf 1,4 Milliarden steigen. Laut offiziellen Unterlagen wird ein Teil des Geldes für die Sicherstellung eines "vollständigen" staatlichen Wehrdienstes und die "Verbesserung" des Reservistensystems der nationalen Streitkräfte verwendet.

Eine Parade gepanzerter Transportwagen der lettischen Armee während einer Militärparade am lettischen Unabhängigkeitstag in Riga am 18. November 2022.
Eine Parade gepanzerter Transportwagen der lettischen Armee während einer Militärparade am lettischen Unabhängigkeitstag in Riga am 18. November 2022.AP

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums bestätigte diese Zahlen, fügte aber hinzu, dass zusätzlich 1 Milliarde Euro in das Luftverteidigungsprogramm fließen sollen. Dabei ist das Anschaffen der Rüstungsgüter nicht das einzige Ziel. Auch die Zahl der Soldaten soll erhöht werden.

Im nächsten Jahr werden rund 1.040 Letten in die Armee eingezogen, davon 210 im Januar und 830 im Juli. Das Ziel der Regierung ist es, diese Zahl von Jahr zu Jahr zu erhöhen, sodass 2026 bereits 1.580 Männer einberufen werden können. Im Jahr 2027 sollen es 2.800 Männer sein.

"Unsere Bereitschaft ist die wirksamste Abschreckung", so der Sprecher des Verteidigungsministeriums. Die wechselhafte Haltung des Kremls gegenüber dem Baltikum verstärkt durch Berichte, dass Russland über eine Verschiebung der Seegrenzen nachdenkt, hat die Entschlossenheit des lettischen Militärs gestärkt.

"Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die euro-atlantische Sicherheit und den Frieden erschüttert und die NATO darin bestärkt, sicherzustellen, dass ihre Abschreckungs- und Verteidigungsbereitschaft glaubwürdig und wirksam bleibt", so der Sprecher des Ministeriums. "Die NATO, die baltischen Staaten und Lettland bereiten sich auf ein breites Spektrum von Szenarien vor, um sicherzustellen, dass wir in der Lage sind, möglichen Bedrohungen möglichst effektiv zu begegnen."

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Dem Armeesprecher zufolge beruht die militärische Stärke des Landes auf zwei Säulen: dem Ausbau der Verteidigungsinfrastruktur und der Stärkung des "gesellschaftlichen Willens". Der ehemalige Pazifist Gus Pētersons wurde durch die Nachrichten im Jahr 2022 davon überzeugt, an die Front zu gehen.

Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas dagegen tun musste

Der in Karki geborene Freiwillige Pētersons war vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine ein "friedenssuchender" Mensch, wie er selbst sagt. Die nicht enden wollenden Nachrichten über den russischen Angriffskrieg machten es dem Absolventen der Studiengänge Ökonometrie und Quantitative Ökonomie schwer, "normale Dinge" zu tun, sagt er. Also meldete er sich zur freiwilligen militärischen Ausbildung. "Es wurde mir klar, dass dies der beste Weg war, um meine Angst zu besiegen". sagt er.

Ich fühle mich sehr gut, weil es mein Inneres und meinen Geist beruhigt hat.
Gus Pētersons

Der ehemalige Pazifist sagt, dass seine Familie seine vorübergehende Militärkarriere nicht unterstützte. Dennoch erzählt er nun freudig von seiner stolzesten Errungenschaft bei der Nationalgarde: Im Rahmen einer jährlichen Übung mussten er und die anderen Rekruten innerhalb von 24 Stunden 50 Kilometer Gelände durchqueren und taktische Aufgaben erfüllen. Für Petersons fühlte sich dies wie in einem "Film" an.

Ende Mai wird Pētersons die Uniform an den Nagel hängen, um einen zivilen Beruf auszuüben. Gewalt ist ein Mittel, um bestimmte Ziele zu erreichen, sagt er, aber eine Karriere bei der Armee sei nicht der Weg, den er gehen möchte. Er sagt jedoch, dass die Ausbildung seine Ängste gemildert hat. "Ich fühle mich sehr gut, weil es mein Inneres und meinen Geist beruhigt hat", sagt Pētersons.

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