Nach der CDU-Forderung, das Recht auf Teilzeit einzuschränken, ist in Deutschland eine hitzige Debatte entbrannt. Eine aktuelle Umfrage zeigt nun: Eine klare Mehrheit hält wenig von dem Vorstoß, die Arbeitszeit insgesamt zu erhöhen. Jedenfalls nicht, ohne diese Rahmenbedingungen.
Die Debatte um die sogenannte "Lifestyle-Teilzeit“ wird für die Union zunehmend zum politischen Problem. Neue Zahlen aus dem ZDF-"Politbarometer“ und dem ARD-"DeutschlandTrend“ zeigen: Eine deutliche Mehrheit der Deutschen hält die Forderung aus Reihen der CDU-Mittelstandsunion, das Recht auf Teilzeit einzuschränken, für ungerechtfertigt. Selbst unter den Unionswählern stößt die Idee kaum auf Zustimmung.
60 bis 70 Prozent der Befragten sprechen sich laut den jüngsten Erhebungen klar gegen eine Begrenzung des Teilzeitanspruchs aus. Nur rund ein Drittel hält es für richtig, die gesetzlichen Regeln zu überarbeiten. Besonders groß ist die Skepsis unter Jüngeren und Frauen. Gruppen, die ohnehin häufig in Teilzeit arbeiten.
Die Ursache für den Unmut liegt nicht allein im Begriff der "Lifestyle-Teilzeit“, den die Mittelstandsunion zunächst in ihrem Antrag verwendet hatte. Auch die Überzeugung, Deutschland müsse „mehr arbeiten“, stößt in der Bevölkerung auf wenig Resonanz. Laut ZDF-Politbarometer teilen nur 20 Prozent den unionsintern geäußerten Vorwurf, Beschäftigte würden zu wenig leisten. Drei Viertel der Befragten sehen das anders – darunter über die Hälfte der eigenen Parteianhängerschaft.
In einer Hinsicht sind sich die Befragten zumindest einig: 89 Prozent sehen bessere Rahmenbedingungen wie etwa Betreuungsangebote als Voraussetzung für mehr Leistung.
Union versucht, die Debatte einzufangen
Parteichef und Bundeskanzler Friedrich Merz sowie Kanzleramtschef Thorsten Frei bemühen sich inzwischen spürbar, den Antrag rhetorisch zu entschärfen. In einem überarbeiteten Papier wird nur noch vage gefordert, Teilzeitansprüche "neu zu ordnen“. Was das konkret bedeutet, bleibt offen. Frei betonte zuletzt im ZDF-Talk "Maybrit Illner", man wolle "niemandem vorschreiben, wie viel er zu arbeiten hat“. Ein Satz, der als Korrektur früherer Töne verstanden werden kann.
Trotz dieses Kurswechsels zeigen die aktuellen Umfragen, dass die Parteiführung politisches Vertrauen eingebüßt hat. Im Politbarometer liegt die Union mit 26 Prozent zwar weiterhin knapp vor der AfD (24 Prozent). Doch der ARD-Trend weist zugleich einen Rückgang um zwei Punkte aus – ein Signal, dass die Sozial- und Arbeitsmarktdebatten der vergangenen Wochen Spuren im Wählerlager hinterlassen haben.
Sozialstaat und Teilzeit: zwei Seiten derselben Diskussion
Parallel zur Arbeitszeitfrage wächst laut Umfragen auch die Sorge um die Stabilität der Sozialversicherungen. 57 Prozent der Deutschen sehen laut "Politbarometer" größere Probleme bei Rente, Kranken- und Pflegeversicherung, ein Drittel hält das System sogar für „nahe am Zusammenbruch“. Die Mehrheit plädiert für Reformen – allerdings über Steuerzuschüsse, nicht durch Einschnitte bei Leistungen oder Arbeitszeitverlängerungen.
Bemerkenswert ist zudem, dass 60 Prozent weiterhin ein Modell aus hohen Steuern und umfangreichen sozialen Leistungen bevorzugen. Das widerspricht der Argumentationslinie, Deutschland müsse den Sozialstaat im Sinne „ökonomischer Leistungsfähigkeit“ zurückfahren. Viele Bürger sehen die Ursache der wirtschaftlichen Probleme nicht in einer zu geringen Arbeitszeit, sondern in fehlenden strukturellen Investitionen, etwa in Bildung, Digitalisierung und Fachkräftegewinnung.
Reaktionen aus Opposition und Wirtschaft
SPD, Grüne und Linke nutzen die Kontroverse, um sich sozialpolitisch abzusetzen. Besonders die Linke fordert nun einen "neuen Normalfall“ kürzerer Vollzeitmodelle mit vollem Lohnausgleich. Die SPD hält Merz’ Aussagen für ein Missverständnis dessen, was moderne Arbeitsweltpolitik ausmacht. Zugleich mahnen Arbeitgebervertreter zu Sachlichkeit: Mehr Vollzeit dürfe kein Selbstzweck sein, wenn Fachkräfte wegen Betreuungslücken oder Überlastung fehlten.